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Das Holocoust-Museum in Washington

5  18.03.2001

Pro:
Die Informationen gehen unter die Haut

Kontra:
kein Kontra

Empfehlenswert: Ja 

LoMei

Über sich:

Mitglied seit:17.01.2001

Erfahrungsberichte:68

Vertrauende:46

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Mitte Juli 1999 fuhren unsere amerikanischen Freunde, die Lehrer Jimmie und Tim mit Uli und mir nach Washington DC. Nahe der Metro-Station Silver Springs stellten wir unser Auto ab. Die U-Bahn brachte uns (einmal in Central Station umsteigen) bis in die Nähe des Kapitols.

Auf dem breiten Rasenstreifen - es ist eher ein riesenlanges Rasenfeld - liefen wir zwischen vielen Joggern oft in der prallen Sonne, aber stets auf der Suche nach Schatten, zum Holocoust-Museum. An beiden Seiten des langen Rasenfeldes stehen die repräsentativen Gebäude der Stadt: Museen, Institute und dergleichen.

Jimmie hatte über seine Schule Karten bestellen können. So brauchten wir nicht zu warten. Es ging sehr geordnet durch die Ausstellung. Es werden immer nur so viele Menschen hereingelassen, dass die Räume und Gänge nie überfüllt sind. Wir brauchten viel Zeit.

Die Informationen und das Bildmaterial über die Deportationen, den Alltag in den Ghettos und die Verhältnisse in den Vernichtungslagern waren uns nicht neu. Die meisten kannten wir aus Büchern oder Dokumentarfilmen und Ausstellungen. Doch es geht immer wieder aufs neue unter die Haut.

Auf dem Weg durch die Ausstellung gehen die Menschen über eine Verladerampe und durch einen Güterwagen der Deutschen Reichsbahn vom „Typ Karlsruhe“. In solchen Wagen waren die Deportierten nach Auschwitz gebracht worden.

Bei mir kamen Erinnerungen an die Flucht aus Pommern im Januar 1945 hoch. Ich war damals 9 Jahre alt. In solchen Wagen waren wir, mehrere Familien mit kleinen Kindern, zusammengepfercht und rollten auf der Flucht vor der Roten Armee nach Westen. Ich berührte die Wände des Wagens mit der flachen Hand. Wir wussten damals nicht, dass möglicherweise auch in unserem Waggon vor uns Menschen in entgegengesetzter Richtung in die Vernichtungslager transportiert worden waren.

Ich betrachtete genau die vielen Fotos und sah mir besonders die Gesichter der deutschen Soldaten an. Was wäre, wenn ich das Gesicht meines im Kampf um Königsberg gefallenen Vaters entdecken würde. Ich habe es nicht entdeckt. Ich ertappte mich dabei, dass aus dem Museumsbesuch fast so etwas wie eine Spurensuche wurde. Wie weit waren unsere Väter in dieses Geschehen verwickelt. Es kamen Fragen auf und blieben.

Die Rolle des Auslandes, auch die der USA, wird in diesem Museum fair und kritisch beleuchtet. So wird berichtet, dass damals bei Stellenanzeigen in großen amerikanischen Zeitungen keine jüdischen Hausangestellten erwünscht waren.

Zu bestimmten Fragen konnte man neben den Bildern an den Wänden auch über Kopfhörer in mehreren Sprachen, auch auf deutsch, Einzelheiten erfahren. Die bezogen sich auf das nach dem verlorenen 1. Weltkrieg beginnende Erstarken des Nationalsozialismus, behandelte unter anderem die Machtergreifung durch Adolf Hitler, die Gleichschaltung der existierenden Jugendbünde unter dem Dach der Hitlerjugend, den Aufbau der Reichswehr, die Reichskristallnacht, die Agitation des Propagandaministeriums unter Josef Göbbels, den Überfall auf Polen und schließlich die Deportation und Vernichtung der Juden und anderer „Randgruppen“.

Ganze Wandflächen waren nur mit Bildern von Familien und Einzelpersonen gefüllt. Viele, viele Gesichter blickten den Betrachter an. Alte und junge, fröhliche und ernste, immer wieder Gesichter.

Am Ende der Ausstellung wurde der Widerstand gegen Hitler in Deutschland und in anderen Ländern deutlich gemacht. Dabei wurde die Studentengruppe „Weiße Rose“ und die Männer und Frauen des „20. Juli“ vorgestellt.

Die Ausstellung richtet sich gegen das Vergessen und gegen jeglichen Totalitarismus, gleich welcher Art und Färbung.

Es wird nicht der Versuch gemacht, Amerika als Moralapostel hinzustellen. Aber es wird die Warnung vor einer Wiederholung ausgesprochen und daran appelliert, nirgendwo auf der Welt so etwas noch einmal zuzulassen.

Uli las alle Texte und brauchte die meiste Zeit. Jimmie und Tim waren zuerst draußen und warteten auf uns. Durch die heiße Nachmittagssonne gingen wir auf dem selben Weg zurück, den wir gekommen waren. Ein normales Gespräch wollte nicht so recht aufkommen.

Tage später wurde ich von einer energischen alten Dame auf den Holocoust angesprochen. Ihre Vorfahren kamen aus Deutschland, und sie stand zum deutschen Erbe ihrer Familie und schien darauf stolz zu sein. Aber der Holocoust war für sie ein Problem.

Ich habe nicht versucht, etwas zu erklären. Aber ich habe versucht zu erläutern, wie unsere Familie nach der Flucht aus Pommern und dem Verlust der Heimat in einer Situation voller Ausweglosigkeiten nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches von den Vernichtungslagern erfahren hat und wie dadurch nach der materiellen Niederlage für uns auch eine moralische Niederlage hinzukam. Es war ein sehr intensives und, wie empfand, fruchtbares Gespräch. Es war nicht das einzige Mal, dass dieses Thema an mich heran getragen wurde.

Für die Amerikaner ist der Holocoust nach dem Sieg über Hitlerdeutschland ein Teil ihrer nationalen Geschichte. Das sollte man nicht vergessen.

Ich hab mir sagen lassen, dass der Geschichtsunterricht an der high school mit diesem Thema endet. Über die Entwicklung eines Deutschland nach dem Kriege wissen die wenigsten Amerikaner etwas. Vielleicht ist nach der Wiedervereinigung ein neues Bild entstanden.

Ich möchte jedem den Besuch des Holocoust-Museums in Washington sehr empfehlen.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Bigfidde

Bigfidde

30.12.2002 05:00

Möchte noch was zu dem u.a. Kommentar ergänzen. Mit Material ist kein rechtsextremistisches Material gemeint, sondern wirklich nur historisch wertvolle Aufzeichnungen z.B. von der Gefangenschaft meines Opas oder auch Marschbefehle, Feldpost, etc... Ich habe das nur ergänzt, weil ich sichergehen möchte nicht falsch verstanden zu werden. Gruß Christian

Bigfidde

Bigfidde

30.12.2002 04:53

Hallo Lothar, wirklich ein toller Bericht. Allein schon deswegen wäre Washington schon ein Besuch wert. Ich interessiere mich auch für die (schlimme) Vergangenheit unseres Landes und habe mittlerweile auch schon recht viel Material durch meinen Opa zusammengebracht. Falls Du irgendwann mal nach München kommen solltest besuche unbedingt das Lager in Dachau. Auch hier wird sehr viel Informationsmaterial zur Verfügung gestellt. Gruß und einen guten Rutsch Christian

rofi

rofi

23.05.2002 18:06

Das Wissen über "Nachkriegsdeutschland" ist nicht sehr groß. Was man aber 1993 wohl wusste: es gibt ein Ost- und ein Westdeutschland. Nochmal: das war 1993. Nein, das Wissen über außeramerikanisches ist wirklich nicht groß im Land der unbeschränkten Möglichkeiten.

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