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Erfahrungsbericht

für WEIN & CO, Wien
3 Sterne Very stylish ... Bericht mit Bildern
95 von 95 Ciao User haben diesen Bericht als hilfreich bewertet Bewertungen ansehen

Pro Stylishes Ambiente, große Auswahl im Wein-Shop, Öffnungszeiten, zentrale Standorte, div. Rabatte

Kontra Schicki micki, anmaßendes Personal, Preis, Zweifel an der seriösen Qualität mancher Weine

Detailbewertung

Essen & Trinken
Preis-/Leistungsverhältnis
Atmosphäre
Service
Anbindung
Auswahl

Der Autor

pinkdawn Seit 26 Mai 2008

"Ciao? Das ist eine ziemlich üble Seite - ein Zeitdieb der bösesten Art." (Tam Hanna) Freue mich... mehr

101 Mitglieder vertrauen mir

Es dauert fast bis 12 Uhr nachts, bis mich mein Freund Tam überredet hat, unsere kleine, spontane Feier noch bis in den nächsten Morgen fortzusetzen.

Wer meinen Bericht über meine OP gelesen hat, weiß, dass im Rahmen der Voruntersuchungen bei mir der Verdacht auf Lungenemphysem diagnostiziert wurde – eine Erkrankung, die nicht heilbar ist und nur einige Zeit hinausgezögert werden kann … Als ein am gleichen Tag konsultierter Pulmologe aber dann nach zwei Lungenfunktionstests Entwarnung gab, sich dieser böse Verdacht also nicht bestätigte, waren wir natürlich entsprechend erleichtert und beschlossen: Das muss sofort gefeiert werden. Nach einem Abendessen in unserer Lieblingspizzeria war daher noch lange nicht Schluss.

Doch wohin jetzt? Tam hat die Idee, das WEIN & CO „heimzusuchen“. Und warum? Uns steht der Sinn nach einem guten, samtenen, dunklen Port. In der Port-Karte des Wein & CO im Internet finden wir einige Ports verzeichnet. Als Tam mir vorliest:
„Ein voller, tiefer und sehr beeriger Portwein im Rubystil: fruchtbetont, dunkel und sehr geschmeidig. Der perfekte Port für die Geisterstunde!“, war auch ich überzeugt: Der Midnight Port von Dows aus Portugal muss es sein. Jetzt und heute noch.

In der Online-Weinkarte finden sich auch Informationen über den Hersteller, der Preis (€ 13,99, wenn man nicht gleich 12 Flaschen auf einmal kauft, und das hatten wir nicht vor …) und sogar ein Foto vom lieblichen Duoro-Tal, wo unser Midnight Port wächst, wenn er noch an der Rebe baumelt.

Wir entschließen uns, den WEIN & CO am Stephansplatz zu besuchen, der wochentags bis 2 Uhr morgens offen hat. In Wien gibt es 8 Filialen von Wein & CO – mit unterschiedlichen Öffnungszeiten, die man zum Glück im Internet verzeichnet findet. Den am Naschmarkt kenne ich, weil ich dort in meiner „Single-Zeit“ das eine oder andere blind Date hatte. Aber der hat täglich nur bis 24 Uhr geöffnet. Im WEIN & CO am Stephansplatz war ich noch nie.

Mit der U-Bahn U3 sind es von unserer Wohnung bis zum Stephansplatz nur einige wenige Minuten.

Ein paar Schritte durch die nächtliche Wiener City – und wir sind am Ziel. Denn das Lokal ist nicht direkt am Stephansplatz, sondern in der von dort abzweigenden Jasomirgottstraße Nr. 3-5.

Reich und schön?

Was soll ich sagen? Auch dieser - mir bisher unbekannte - Wein & CO bestätigt meine Eindrücke, die ich schon in der Filiale am Naschmarkt sammeln konnte: Es ist so ein bisschen ein Schickimicki-Lokal für Neureiche würde ich sagen. KünstlerInnen, „Intelligenzia“ und Intellektuelle findest du hier meiner Beobachtung nach kaum. Eher Businessmen, also Manager, Banker, Trader und die dazugehörigen Partnerinnen: Damen mit professionell gestylten Fingernägeln, Frisuren, denen man ansieht, dass sie von teuren Starfigaros stammen, und Marken-Highheels … Nun ja, eigentlich nicht so die Art von Menschen, unter denen ich mich besonders wohl fühle. Denn mein Outfit ist nicht so exklusiv, ich trage keine Highheels und hab weder die Zeit noch das Geld, mir jeden dritten Tag ein professionelles Styling meiner Haare und meiner Fingernägel verpassen zu lassen. Nicht dass ich wie ein „Filzpantoffel“ daherkomm oder selbst in schicken Bars nur in Jeans mit Sportschuhen herumlauf oder so – du weißt schon … Ich mag durchaus Make-up und feminine Kleidung. Aber ich bin auch nicht der Typ, der ständig nur exkusive Markenklamotten trägt, an denen sozusagen – für KennerInnen – die unsichtbaren Schilder mit den prestigeträchtigen Preisen hängen …

Also richtig „zu Hause“ fühle ich mich hier nicht. Denn mit Menschen wie diesen, die ich meist als sehr oberflächlich erlebt habe, kann ich nicht viel anfangen. Da gibt’s wenig gemeinsame Interessen.

Neben den fast durchweg sehr konservativ gekleideten Businessmen haben sich allerdings auch einige TouristInnen eingefunden, welche die Atmosphäre etwas auflockern. Vor allem die immer recht sonnig auftretenden ItalienerInnen, die selbst in diesen heil’gen Hallen hin und wieder sogar lachen können, wenn sie ein bisschen etwas getrunken haben.

Das Lokal ist zwar ein Raucherlokal, die Luft ist allerdings relativ erträglich. Gemütlich empfinde ich es keinesfalls. Das Interieur ist modern und besteht hauptsächlich aus Glas und Metall. Es sieht nicht schlecht aus, aber ein Ausbund an innovativer Ästhetik ist es auch nicht. Es sieht alles eher konventionell aus.

Zur Einrichtung gehören eine lange Bar, hinter der drei, vier sehr geschäftig wirkende Mitarbeiter in identen Barkeeper-Dressen stehen, einige winzige, runde Bartische mit unbequemen Hockern bzw. schmalen Sitzbänken, die offenbar nur für sehr Schlanke geschaffen wurden. Dickerln will man vermutlich in diesem „Schuppen“ der Reichen und Schönen gar nicht erst haben ...

Ja, es ist noch einer dieser winzigen runden Metalltische frei. Und ich finde sogar noch Platz auf der schmalen Sitzbank an der Wand … Dort setz ich mich also hin, während Tam den Weinshop besucht, um sich dort umzuschauen und unseren Midnight Port zu kaufen.

Wining, Dining und Shopping

Das Konzept von WEIN & CO, der sich „Österreichs fine Wine Händler Nr. 1“ nennt, beinhaltet nämlich sozusagen drei Säulen: Wining, Dining und Shopping. Der WEIN & CO, den es schon jahrelang in Wien gibt, ist sehr bekannt – es gibt wohl kaum WienerInnen, denen er kein Begriff ist.

In jedem WEIN & CO befindet sich ein meist recht großer Selbstbedienungsladen, in dem es jede Menge Wein, Spirituosen, Schaumweine (laut Internet angeblich über 2.000 Getränkesorten) und entsprechendes „Zubehör“ gibt, sei es kulinarischer Art oder seien es Weingläser, Dekantiergefäße usw. Dieser Store hat bis Mitternacht geöffnet – auch an Sonn- und Feiertagen. Ideal also, wenn man noch rasch ein Mitbringsel für eine Einladung sucht oder den Geburtstag der Erbtante vergessen hat … Denn außer Alkoholischem kann man dort auch Antipasti, süße Leckereien und mediterrane Spezialitäten wie Pasta usw. erwerben, teils durchaus geschenkmäßig verpackt.

Auf seiner Website www.wineco.at wirbt WEIN & CO damit, dass man – angeblich weltweit einzigartig – Wein flaschenweise zum Shop-Preis in der Bar genießen kann (plus € 5,90, inklusive einer großen Flasche Römerquelle-Mineralwasser) – „und zwar gechilled, dekantiert und in perfekten Weingläsern serviert!“ Natürlich kann man Getränke auch „glasweise“ bestellen.

Wir machen vom Angebot: Flasche im Shop aussuchen, kaufen und sie sich mit € 5,90 Aufschlag stilvoll und gekühlt servieren lassen, Gebrauch. Unseren Midnightport kommt also samt einer großen Flasche Römerquelle-Mineralwasser in einem Kühler für Portwein. Als Tam eine Käseplatte bestellen will, hat er allerdings kein Glück – die Küche ist schon geschlossen.

Sicher, es ist nicht die feine englische Art, sich einfach zu einer Flasche Port – sprich ganze 0,75 l - zu setzen und diese zu zweit dann systematisch „niederzumachen“ … Den süßen, schweren Port trinkt man normalerweise natürlich nur gläschenweise. Das wäre hier auch möglich gewesen. Aber hätten wir je sagen wir zwei Gläschen bestellt, wäre das teurer gewesen, als die ganze Flasche zu kaufen und entweder einen Rest übrig zu lassen oder sie mitzunehmen.

Nun ja, beides ist nicht geschehen – wir sind in einer so übermütigen Stimmung, dass wir der Flasche den Garaus machen – und dann sehr beschwingt mit dem Nachtautobus nach Hause fahren.

Ich versteh nicht viel von Wein und hab diesbezüglich auch kein besonderes Interesse. Mein Freund ist da wesentlich versierter. Ich hab den dunkelrot, samtigen Midnight Port sehr lecker gefunden. Sonst wäre die Flasche auch bestimmt nicht leer geworden. Sicher, jede Woche muss ich so eine „Portweinorgie“ nicht haben – und meine Leber auch nicht … Aber – wie sagt man so schön? – man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Ob der Port nun eine hohe Qualität hat oder nicht, kann ich nicht beurteilen.

Wer Portwein flaschenweise trinkt, outet sich als Prolet

Und damit komme ich zum wohl heikelsten Punkt bei Wein & CO: dem Personal. Okay, wer Portwein flaschenweise trinkt, outet sich in gewisser Weise als „Prolet“ – und wird dann vielleicht vom Personal entsprechend arrogant behandelt.

Ich hab so den Eindruck, dass das Personal seine Gäste aber insgesamt etwas verachtet. Es scheint mir seitens der Mitarbeiter – es waren ausschließlich Männer - so die Stimmung zu herrschen: „Wir verstehen ja was von Wein – aber ihr nicht, ihr habt ja keine Ahnung, euch kann man den ärgsten Fusel als Qualitätswein verkaufen …“

Offenbar haben wir alle Kriterien erfüllt, um vom Personal für „Proleten“ gehalten zu werden, denn wir werden mehr oder weniger so behandelt. Unser Wein wird z. B. nicht dekantiert – am Nebentisch wurde der Rotwein aus der Originalflasche aber sehr wohl in ein Dekantiergefäß geleert. Wir rätseln, ob dies bei reifem Portwein vielleicht nicht notwendig sei. Wie auch immer, Dekantieren macht, so viel ich weiß, an sich ohnehin erst Sinn, wenn der Wein einige Stunden im Dekantiergefäß zubringt. Aber ich bin kein Sommelier.

Was das ständige Nachfüllen halbvoller Gläser betrifft, fühle mich hingegen schon etwas firm: Das gilt allgemein als absolutes no Go. Doch wenn man Gäste verachtet, worauf das meist hochmütige Verhalten der Mitarbeiter schließen lässt, kann man sich das natürlich erlauben. Motto: Diese Proleten haben ja eh keine Ahnung von Wein und „Benimm“ …

Wie gesagt, der Port war okay, wir haben ihn genossen und auch trotz der für uns ungewöhnlichen Menge gut vertragen. Das Benehmen des Personals fand ich hingegen anmaßend und unsympathisch.

Business Lunch bei WEIN & CO

Trotzdem möchte Tam einige Zeit später dem Business Lunch bei WEIN & CO eine Chance geben. Auf der www.weinco.at lesen wir dazu Folgendes:

„Business Lunch:
Wir bieten Ihnen Mo-Fr von 11.30 bis 14.30 Uhr frische Mittagsküche in unserer Flagship Store-Bar in der Mariahilfer Straße. Ganz nach Lust & Laune zwei- oder dreigängig ab € 9,90 pro Person.“

Zufällig sind wir in der Mittagszeit unterwegs und in der Nähe dieses WEIN & COs. Da ergibt es sich fast von selbst, dass wir dieses Angebot nutzen.

Es ist unser erster Besuch in dieser neuen „Flagship Store-Bar“. Im Internet wird darauf hingewiesen, dass sich dieses „einzigartige urbane Weinzentrum, das Wohlfühlatmosphäre rund um die Uhr“ garantieren soll, „im aufsehenerregenden Gebäude des Architektenduos Henke und Schreieck“ befindet und „neue Maßstäbe in der Kommunikationsgastronomie“ setzen soll.

Da wir in nächster Nähe wohnen und die Mariahilfer Straße daher oft frequentieren, ist uns das schmale Gebäude mit seiner glatten Glasfront vom Vorübergehen bekannt. Es befindet sich im 7. Wiener Bezirk, Mariahilfer Straße 36. Im unteren Teil des Gebäudes hat sich ein Modehaus etabliert, „VERO MODA“. Mit einer Rolltreppe ist das WEIN & CO direkt von der Mariahilfer Straße aus erreichbar. Zunächst fallen uns die aktuellen Plakate von WEIN & CO an den Glasscheiben auf, die nicht gerade elegant oder ästhetisch wirken, sondern eher indezent und „marktschreierisch“

Die Bar selbst ist recht stylish – etwas anderes als dieses typische kühle Design haben wir auch nicht erwartet.

Humor nach Art des Hauses

Ein Mitarbeiter begrüßt uns.
„Wir möchten zum Business Lunch“, sagt Tam.
Der Mitarbeiter zieht die Augenbrauen hoch und erwidert trocken: „Sensationell.“

Soll das etwa lustig sein? Ich bin alles andere als humorlos und hab auch viel Sinn für Ironie – wenn sie am Platz ist. Hier ist sie es meiner Meinung nach nicht. Am liebsten hätte ich mich sofort wieder umgedreht und wäre gegangen.

Tam hat mehr Verständnis für die neue Lustigkeit des Personals.
„Der ist cool“, versucht er sich und mir einzureden.

Es ist – obwohl Mitte Mai - ein kühler Tag und gerade noch warm genug, um draußen, auf der Terrasse Platz zu nehmen. Hier überrascht eine kühne Architektur, die an ein Schiff erinnert. Die Terrasse ist trotz bester Mittagszeit nur spärlich besetzt. Außer uns sind etwa fünf Gäste gekommen – interessanterweise alles jüngere Damen. Vielleicht Studentinnen oder Touristinnen. Eine ist in ein Buch vertieft.

Mich wundert, dass auf den Tischen Aschenbecher stehen, denn im Internet ist dieses Lokal als Nichtraucherlokal gekennzeichnet. Aber sichtlich gilt das nicht für die Terrasse, obwohl es empfindliche Nichtraucher sicher auch stören könnte, wenn sie auf dieser überdachten Fläche an windstillen Tagen beim Essen von den Nachbartischen aus „vollgepofelt“ werden.

Tam zieht es wieder in den Wein-Shop. Er möchte eine Flasche Wein für uns aussuchen und entscheidet sich für einen Sauvignon Blanc „First Stell“ 2011 aus Südafrika, weil es ihn interessiert, wie der erste heurige Wein des Jahres schmeckt. Der leichte Weißwein wird als „frisch“ und „grasig“, „knusprig“ (was immer das bei einem Wein heißen mag) und „full bodied mit würzigem Abgang“ beschrieben und stammt angeblich aus 30 Jahre alten Buschreben. Er kommt aus der Region Stellenrust nahe Kapstadt und wird von Stellenbosch produziert. Der Preis von 4,79 pro Flasche (0,75 l) mutet zwar verdächtig günstig an für WEIN & CO, aber wenn er nicht schmeckt, ist wenigstens nicht viel verloren.

Es ist Montag. Der Speisekarte entnehmen wir, dass es heute als Tagesteller beim Business Lunch Thai Chicken Curry gibt. Ich esse kein Huhn. Zum Glück gibt’s auch noch ein Pasta-Gericht Ricottaravioli mit brauner Butter, Bärlauch und Serrano Schinken (€ 13,90 bzw. € 14,40, wenn man ein Dessert dazubestellt).

… gekocht nach Michel Montignac

Tam entscheidet sich für ein gegrilltes Lachsforellenfilet nach Michel Montignac mit buntem, sautierten Frühlingsgemüse. (€ 13,90 bzw. € 17,40 inklusive Dessert)

Zur Auswahl stehen also nur drei Speisen: der täglich wechselnde Tagesteller, das Pasta-Gericht oder das Montignac-Essen. Die Auswahl ist also nicht groß, aber dafür soll alles frisch gekocht sein. Zusätzlich werden auch einige kleine Imbisse im mediterranen Stil angeboten.

Der 2010 verstorbene Michel Montignac ist übrigens der Erfinder einer recht komplizierten Diät, die er als Dauerernährung propagiert und mittels derer durch Verzicht auf gewisse Lebensmittel wie geschälter Reis, helle Nudeln, Kartoffeln, Zucker, Mais, Weißmehl, gekochte Karotten und Bier eine Gewichtsreduktion bzw. –erhaltung erreicht werden soll. Seine Diät ist jedoch nicht unumstritten.

Irgendwie passt nach meinem Gefühl dieser Ernährungsguru recht gut zum schicken WEIN & CO.

Während wir aufs Essen warten, wird unser Sauvignon gekühlt. Das geschieht mittels eigener Kühlgeräte innerhalb kurzer Zeit. Ich staune: Beim Servieren hat der Weiße wirklich die perfekte Temperatur. Er kommt natürlich in einem - matt silbernen - Kühlbehälter. Nun ja, es ist sicher nicht der beste Sauvignon Blanc, den ich je getrunken hab; mir ist er ein wenig zu säuerlich und etwas bitter im Abgang. Aber zum Essen ist er – gemeinsam mit einer großen Flasche Mineralwasser und gut gekühlt - trinkbar und wir haben ihn ja eigentlich wegen des Gags, den ersten Heurigen dieses Jahres zu probieren, bestellt.

Das Geheimnis der „Soup of the Day“

Doch nun zum Business Lunch selbst.
Das Besteck wird uns in einer violetten Papierhülle samt Papierserviette nach der Bestellung gebracht. Uns fällt auf, dass das sehr einfache und billige Besteck sichtbar schon bessere Zeiten gesehen hat. Löffel, Gabel und Messer sind zwar sauber, aber total zerkratzt. Von einem Lokal wie diesem hätte ich mir mehr Tischkultur erwartet.

Mit dem Wein kommt auch unser Essen samt einem kleinen silbernen Gefäß, in dem auf einer weißen Papierserviette einige Weißbrotscheiben ruhen.

Beim ersten Gang kann man zwischen gemischtem Blattsalat mit Kresse und Kirschtomaten und „Soup of the Day“ entscheiden. Auf meine Frage, wer oder was sich denn hinter der geheimnisvollen „Soup of the Day“ verberge, erfahre ich: Spargelcremesuppe. Angesichts der kühlen Temperaturen ist uns heute eher nach etwas Wärmendem zumute und so wählen wir die Suppe. Sie kommt in einem durchsichtigen Glas und schmeckt recht gut, hat die richtige Temperatur und Konsistenz. Sensation ist sie aber keine – eben eine recht konventionelle Spargelcremesuppe, die sicher nicht allzu lang im Gedächtnis bleibt …

“Nouvelle Cuisine“ – die 70er Jahre lassen grüßen

Die Speisen des zweiten Menü-Gangs erinnern von Art und Aussehen her sehr an die „Nouvelle Cuisine“, die in den 70er Jahren mit ihren leichten Gerichten und Winzlingsportionen so modern war. Mit einem großen Unterschied: Setzte man in der berühmten „Nouvelle Cuisine“ auf möglichst fettarme Kost, so feiert hier das Olivenöl fröhliche Urständ’, wie man das bei uns nennt. Zumindest was die Lachsforelle betrifft, die Tam bestellt hat. Meine Ricottaravioli sind zwar auch fett triefend – allerdings stand hier braune Butter Pate. Was und wie auch immer – ich persönlich esse nicht gern fett. Mir ist das Essen daher viel zu fett. Nach dem Serrano Schinken, der bei meinen Ravioli dabei sein hätte sollen, halte ich übrigens vergeblich Ausschau. Schade, denn Serrano Schinken ist an sich etwas Feines. Dass er bei mir „vergessen“ wurde, kann an einem Missverständnis liegen. Bei der Bestellung hatte ich nämlich der Einfachheit halber gesagt, ich hätte gern „das vegetarische Pasta-Gericht“. Offenbar hatte man daraus geschlossen, dass ich eine vegetarische Version der Ricottaravioli haben möchte. Einmal diesbezüglich kurz nachzufragen, wäre sicher kein Fehler gewesen, denke ich. Aber bitte …

Nachdem der zweite Gang aufgrund der Fetthaltigkeit für uns eher eine Enttäuschung war, entschließen wir uns trotzdem oder gerade deshalb, das Menü dreigängig zu wählen. Tam bestellt „Käsespezialitäten mit Fink’s Zwetschkenchutney“, ich „weißes und dunkles Schokolademousse mit marinierten Erdbeeren“.

Die Käsespezialitäten bestehen aus vier kleinen Käsestücken verschiedener Sorten, die sich aber teilweise recht ähnlich sind und bei denen Tam etwa eine Gouda-artige vermisst, zwei halben Weintrauben einem Klacks Chutney und einem Stämmchen Petersilie. Und – ja – fast hätte ich’s vergessen: Auch der (ohnehin schon reichlich fette Käse) war natürlich mit Olivenöl beträufelt. Ja, wir wissen es alle, Olivenöl ist gesund, aber deshalb auch noch den Käse damit anreichern, ist wahrlich zu viel des Guten … Käse mit Olivenöl hab ich außer bei Käsesalaten auch noch nie erlebt. Aber man lernt eben nie aus.

Verdauungsmüdigkeit ist nicht zu befürchten

Glücklicherweise ist wenigstens auf meinem Schokolademousse kein Olivenöl, sondern nur ein Zweiglein frische Minze. Die Portion ist – wenig überraschend – wieder etwas klein geraten, aber wer will sich denn schon zu Mittag und noch dazu bei einem Business Lunch so voll fressen, dass er nachher zu (verdauungs)müde zum Arbeiten ist? Es ist doch viel schöner, nach einem dreigängigen Menü das Gefühl zu haben, jetzt noch gut und gern ein mittelgroßes Stück Torte vertragen zu können … Wenn’s am besten schmeckt, soll man zudem bekanntlich aufhören – das verhindert auch unerwünschte Gewichtszunahme.

Unser kleiner Business Lunch neigt sich seinem Ende zu. Wir riskieren noch einen kurzen Blick von der Terrasse auf die Mariahilfer Straße. Wer es nicht weiß: Das ist die bekannteste und größte Einkaufsstraße Österreichs bzw. Wiens – und entsprechend belebt und bunt. Für uns, als Anrainer, freilich keine Sensation, aber für Ortsfremde sicher ein interessanter Blick auf ein bewegtes Stück urbanes Leben.

Ein faszinierender Händetrockner auf dem WC

Ein Besuch auf der Toilette zeigt mir, dass hier alles sauber und ordentlich ist. Fasziniert bin ich vom elektrischen Händetrockner. Ich hasse an sich elektrische Händetrockner, weil sie so laut sind und man ewig lang braucht, bis die Hände trocknen. In dieses Ding steckt man die nassen Hände einfach hinein – und im Nu sind sie trocken. Da können sich andere elektrische Händetrockner was abschauen!

Im Obergeschoß, wo sich die Toiletten befinden, liegt auch der 150 m² große „Event-Raum“, in dem Veranstaltungen wie z. B. Jazzkonzerte oder der Champagner-Brunch am Sonntag stattfinden.

Tam ist inzwischen auf die Idee gekommen, einigen MitarbeiterInnen und KundInnen seines Unternehmens per Gag einen „First Stell“ zu bescheren, wie wir ihn gerade getrunken haben. Denn wenn man im Rahmen einer aktuellen Aktion 5 Flaschen zu je 4,79 kauft, bekommt man die 6. gratis dazu.

Er erhält also im Wein-Store einen Karton mit 6 vollen Flaschen und wir machen uns auf den Weg in Richtung U-Bahn. Wir wohnen zwar wie erwähnt ganz in der Nähe, aber mit diesem schweren Karton wollen wir doch lieber die eine Station mit der U-Bahn fahren.

Ein fatales Missgeschick

Kurz vor dem Abgang zur U-Bahn, nach nur wenigen Schritten, passiert es dann: Der schwere Karton, der nur mit zwei Klebebändern als Tragriemen mehr provisorisch als fest befestigt war, die einfach angeklebt waren, also nicht einmal ganz um den Karton gewickelt waren, fällt zu Boden – eines der „tragenden“ Klebebänder hatte sich einfach vom Karton gelöst. Eine Weinflasche ist zerbrochen, Wein rinnt aus – es ist ein wahrer Horror. Was tun? Tam ärgert sich und begibt sich sofort „an den Start“ zurück. Seine hellgraue Hose ist inzwischen durch die aus dem Karton sickernde Flüssigkeit weingetränkt.

Es kommt zu einem Wortwechsel im Weinshop zwischen ihm und einer Mitarbeiterin. Er ist begreiflicherweise verärgert – die Hose ist ruiniert, er kann mit der nassen, nach Wein riechenden Hose jetzt auch nicht nach Hause gehen, das wäre natürlich unzumutbar. Die Mitarbeiterin zeigt sich nicht allzu kooperativ, die Aggression steigt daher – auf beiden Seiten. Schließlich erklärt sich die Mitarbeiterin nach einigem Hin und Her sowie einem längeren Telefonat mit der Zentrale oder einem Zuständigen bereit, uns ein Taxi für die Heimfahrt zu bestellen und zu bezahlen und die Kosten für die Reinigung der Hose zu übernehmen, wenn wir die Rechnung der Putzerei bringen. Der Weinkarton wird durch einen neuen, intakten ersetzt, auch die Geschenkhüllen, die wir gekauft haben und die bei dem Malheur auch nass, also unbrauchbar wurden.

Daheim telefoniert Tam noch einmal mit dem Manager wegen der genauen Modalitäten der Hosenreinigung und sie einigen sich darauf, dass er einen 10-Euro-Gutschein für WEIN & CO bekommt und sich dafür die Hin- und Her-Rennerei mit der Putzereirechnung erspart.

Somit wird dieses Missgeschick, an dem uns keine Schuld trifft, eigentlich kulant und zu unserer Zufriedenheit bereinigt. Weshalb man schwere Weinkartons so unzulänglich zum Tragen verpackt, ist uns nicht ganz klar – gerade in einem Geschäft, wo sehr viel Wein usw. verkauft wird, müsste man doch für entsprechende Verpackungen sorgen, deren Traghalterung länger als fünf, sechs Schritte hält. Aber WEIN & CO ist eben WEIN & CO – und das bedeutet, dass nach außen hin alles sehr stylish und ästhetisch aussieht, aber die wahre Qualität – sei es nun bei einer bloßen Verpackung eines Weinkartons oder in der Höflichkeit des Personals – zu kurz kommt.

Irgendwie hat man so den Eindruck, dass hier mehr auf den Schein Wert gelegt wird, als auf das „Sein“. Liegt das am offensichtlich zwar zahlungskräftigen, aber doch sehr oberflächlichen, um nicht zu sagen neureichen Publikum oder dieser gewissen herablassenden, fast schon verächtlichen Art des Personals? Oder ergibt sich eins aus dem andern – wie die Henne aus dem Ei oder das Ei aus der Henne? Ich weiß es nicht. Es ist auch nicht meine Aufgabe, über Managementstrategien des WEIN & CO zu reflektieren. Ich schreibe hier nur auf, was ich erlebt, erfahren und empfunden habe. Es ist meine persönliche Meinung, die auf zufälligen Gegebenheiten - oder doch Gesetzmäßigkeiten? - in diesem Lokal beruht. Ich gebe sie hier weiter – und jeder kann sich seine eigenen Gedanken dazu machen und überlegen, ob er sich in dieser Wein-Bar wohl fühlen würde und es besuchen will.

Würde ich den WEIN & CO wieder besuchen?

Ich schließe nicht aus, dass ich bei Gelegenheit wieder einmal den WEIN & CO besuche. Mein Lieblingslokal wird es mit Sicherheit nicht werden und besondere Anlässe wie meinen Geburtstag würde ich dort auch nicht feiern wollen.

Interessehalber haben wir eine echte Weinkennerin aus unserem Bekanntenkreis, die selbst in der Branche tätig ist, gebeten, den „First Stell“ aus dem WEIN & CO zu kosten und ihre Meinung zur Qualität dieses mehr oder weniger edlen Tropfens zu äußern. Ihr Kommentar: „Der Wein ist einfach schlecht. Ich glaube, da versucht einer, diesen Fusel unter dem Motto ‚interessanter Wein’ zu verkaufen, was aber eine echte Frechheit wäre.“

Abschließend noch ein Wort über die Website des Unternehmens: Sie ist übersichtlich, Standorte und angebotene Weinsorten werden ausführlich und inklusive Preisen beschrieben. Man kann auch online bestellen bzw. kaufen. Was mir ein wenig widersprüchlich erscheint, ist, dass vom ganzen eher auf elitär daherkommenden Image her mehrheitlich wohlbetuchte Klientel angesprochen wird, dann aber mit unzähligen und teilweise komplizierten, verwirrenden Aktionen geworben wird. Wer z. B. zwischen 16 und 18 Uhr zu viert an einen gemeinsamen Tisch kommt, erhält eine Flasche Champagner von E. Michel um € 19,90 statt € 29,99. Wer mit der „Diners Club VinoCard“-Kreditkarte bezahlt, kann sich bei jedem Kauf bzw. jeder Konsumation über 5% Rabatt Jahresbonus freuen, wer sich zum Newsletter anmeldet (in dem man auch über das aktuelle wöchentliche Angebot des Business Lunchs informiert wird), kriegt € 5,- als Gutschein. Eine andere „VinoCard“ bringt 3% Rabatt auf alle Käufe …

Ein vielleicht doch nur pseudonobles Publikum, das Geiz geil findet?

Blättert man sich durch den Onlinekatalog, gibt’s kaum einen Artikel, der nicht zu -33% oder -50% angeboten wird. Überall lachen einem „Aktionen“ entgegen … „Sale“-Stempel, Restposten zu verbilligten Preisen … Hier winkt ein „5+1 Gratis“-Angebot, dort der Hinweis, dass man mit der Rechnung der Konsumation -10% auf Einkäufe im Shop erhält, allerdings nur am selben Tag und vorausgesetzt, der Shop hat noch offen …

Irgendwie ist es mühsam, sich durch diesen wahren Dschungel aus Rabatten, Kundenkarten, happy hours usw. durchzuarbeiten. Und ich frage mich, kommt es dem Manager, dem Banker, dem Broker und der anderen typischen Klientel von WEIN & CO wirklich drauf an, auf den Preis einer Flasche Wein am Ende des Jahrs vielleicht 3% refundiert zu bekommen? Oder mit einer dieser „5 für 6“-Aktionen zu sparen? Hätte ich ein großes Einkommen, wär mir das – ehrlich gesagt – unbedeutend. Aber trotzdem wird erstaunlich aggressive Preispolitik betrieben. Man hat den Eindruck, es wird mehr über das „Preis“-Argument verkauft als über einen Anspruch auf wirklich gute, verlässliche Qualität. Und das gibt - zumindest mir - zu denken bzw. zu reflektieren über seriöse Weinqualität, Preispolitik und ein vielleicht doch nur pseudonobles Publikum, das Geiz immer noch geil findet. Aber der teure Stadtcoiffeur, die Markenschuhe und das schicke Nagestudio wollen ja auch bezahlt werden …

Nach unseren Besuchen bei WEIN & CO haben wir ein wenig im Bekanntenkreis herumgefragt, was dort für Erfahrungen mit dieser Weinbar-Kette gemacht wurden. Die Meinungen waren überwiegend negativ, vor allem, was die Arroganz des Personals betrifft. Eine Bekannte hat uns z. B. erzählt, dass sich in der Filiale Stephansplatz zwei Mitarbeiter untereinander in wenig schmeichelhafter Weise über Gäste, im konkreten Fall Damen an ihrem Tisch, in Spanisch geäußert hätten – nicht ahnend, dass unsere Bekannte diese Sprache sehr gut spricht …

Hier noch die Kontaktdaten der beiden WEIN & CO Filialen, auf die sich dieser Bericht bezieht:

WEIN & CO Mariahilfer Straße

Mariahilferstraße 36
1070 Wien
Öffnungszeiten: Mo - So 9:00 - 24:00 Uhr
Telefon: Bar: 05 07 06-3022
Shop: 05 07 06-3021
Fax: 05 07 06 9 3021
E-Mail: mar@weinco.at


WEIN & CO Stephansplatz

Jasomirgottstraße 3-5
1010 Wien
Öffnungszeiten: Mo-Sa 10:00 - 02:00 Uhr (Der Shop hat bis 24 Uhr geöffnet)
So & Feiertag 11:00 - 24:00 Uhr
Telefon: Shop: 05 07 06-3121
Bar: 05 07 06-3122
Fax: 05 07 06-93121
E-Mail: jas@weinco.at

Infos:
www.weinco.at

© 6/11 DMK


Bilder

für WEIN & CO, Wien
WEIN & CO, Wien
Die "Flagship Store-Bar" des WEIN & CO in der Wiener Mariahilfer Straße von außen
von pinkdawn pinkdawn
WEIN & CO, Wien

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Kommentare

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  • TAMHAN 11.12.2011 00:10

    Apropos: Midnight Port gibt es nicht mehr.

  • lunamond 02.08.2011 16:03
    Bewertete diesen Bericht als
    besonders hilfreich

    Hier ist endlich Dein verdientes Bh - Sorry, wegen der langen Wartezeit, komme garnicht mehr hinterher :-). Liebe Grüße Tanja

  • Alwini 30.06.2011 20:15
    Bewertete diesen Bericht als
    besonders hilfreich

    Superinteressant vorgestellt, ... BH

  • Tombo96 30.06.2011 13:29
    Bewertete diesen Bericht als
    besonders hilfreich

    Am Besten gleich direkt zum Weinbauern. Wir haben ja das Glück sogar in Wien selbst Weingärten zu haben. Sind da glaub ich auch europaweit die Stadt mit der meisten Weinbaufläche. (Wieninger, Christ...) Das Wein&CO am Ring geht grad noch. Leut sind aber auch eher gspritzt. *prost* lg Tom

  • immomaus65 19.06.2011 23:13
    Bewertete diesen Bericht als
    besonders hilfreich

    Super Bericht - aber das Lokal wäre nichts für mich! BH + LG immomaus65

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