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Tel Aviv Vive*

5  01.07.2006 (02.07.2006)

Pro:
attraktive Fassade

Kontra:
teilweise häßlicher Hinterhof

Empfehlenswert: Ja 

MALUSE

Über sich: ------ Eine Ciao Umfrage hatte in dem Abschnitt 'höchster Bildungsabschluss' auch die Option 'Anal...

Mitglied seit:21.09.2002

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Wir hatten schon lange die Idee, mal nach Israel zu reisen, aber irgendwie wurde nie was draus, die Berichte der Medien taten auch nichts, um uns tatsächlich ins Land zu locken. Aber dann las ich in einem Bericht einer Israelin, dass die Chance, in Europa bei einem Verkehrsunfall zu sterben, erheblich größer sei als bei einem terroristischen Angriff in Israel, das, zusammen mit der Kältewelle Anfang Mai (auch Anfang meiner Pfingstferien) in Deutschland ließ uns endlich tätig werden.

Wie jeder weiß, sind die Deutschen die Weltmeister im Reisen, Israel gehört jedoch nicht zu den bevorzugten Zielen, so war es einfach, die Reise zu organisieren, wir gingen ins Reisebüro, buchten Flug und Hotels und saßen vier Tage später im Flugzeug.

Wir sind nicht fromm und hatten nicht vor, auf eine Pilgerfahrt zu gehen und alle religiösen Sehenswürdigkeiten abzuhaken, die das Land zu bieten hat, wir entschieden uns dafür, zwei Tage in Tel Aviv zu bleiben (wo der internationale Flughafen ist), um das winterliche Deutschland abzuschütteln, und dann für sechs Tage nach Jerusalem zu fahren. Tel Aviv gab uns, was wir erhofft hatte, mehr sogar, als nötig gewesen wäre, um uns glücklich zu machen: wir kamen in eine Hitzewelle, als wir nach Mitternacht landeten, waren es 22°, zehn Grad mehr als bei uns zur Mittagszeit.

Tel Aviv ist die modernste Metropole des Nahen Ostens mit etwa 377 000 Einwohnern in der eigentlichen Stadt (Groß-Tel Aviv ist die Stadt mit der größten jüdischen Bevölkerung weltweit), es ist das finanzielle und kulturelle Zentrum des Landes. Während des arabisch-israelischen Kriegs 1948, für eine Zeit von acht Monaten während der arabischen Blockade von Jerusalem. diente es zeitweilig als Hauptstadt von Israel, als Jerusalem als Hauptstadt ausgerufen wurde, blieben die meisten Botschaften in Tel Aviv.

Tel Aviv wird die Grüne Stadt genannt, und tatsächlich sahen wir viele Straßen mit einem Mittelstreifen, von zwei Baumreihen links und rechts eingesäumt, mit Spielplätzen für die Kinder und Bänken für die Alten dazwischen. Der Ben-Gurion-Boulevard führte uns am Ben-Gurion-Haus vorbei, in dem der erste Premierminister von Israel mit seiner Frau wohnte zu dem architektonisch uninteressanten Rathaus auf dem Yitzak-Rabin-Platz, der nach dem Politiker Rabin benannt ist, der hier 1995 ermordet wurde. Von dort gingen wir in Richtung Ditzengoff-Platz, der in allen Reiseführern wegen seiner lebendigen Atmosphäre und des täglichen Flohmarkts gerühmt wird. Aber nichts war, total tote Hose, kaum Verkehr, fast alle Läden zu, wir verstanden das nicht, der Sabbat sollte doch erst abends um 19 Uhr anfangen. Später erfuhren wir, dass an dem Tag ein religiöser Feiertag war, zusammen mit dem folgenden Sabbat erfreuten sich die Israelis zweier Feiertagen, schön für sie, langweilig für uns Touristen.

Bisher hatten wir Gebäude gesehen vergleichbar mit denen in Cagliari, der Hauptstadt Sardiniens, für uns der Bezugspunkt, wenn es um Städte am Mittelmeer geht, nicht zu elegant, aber auch nicht schäbig, eine ordentlich aussehende Provinzstadt. Wir kehrten zum Strand zurück, nachdem wir auf russisch nach dem Weg gefragt hatten (es empfiehlt sich, die russischen Sprachkenntnisse wieder aufzupolieren, sie können sehr von Nutzen sein bei den zig Tausenden von russischen Einwanderern!)

Der Strand von Tel Aviv ist 10 km lang und mit hellem, fast pudrigem Sand bedeckt. Auf Grund des langen Wochenendes war er rammelvoll, noch nie in meinem Leben war ich auf so einem vollen Strand. Ich war überrascht, dass ich keine Panik verspürte, sondern mich dort sogar wohl fühlte; die Leute benahmen sich gut, es gab keine Radios, der Geräuschpegel war erträglich.

Das Wasser ist flach bis zu den künstlichen Steinbarrieren/Wellenbrechern, die in etwa 50m vom Strand aufgeschüttet wurden, es war pi-warm, wie meine Oma gesagt hätte, mit den vielen Kindern war es sicher nicht nur im übertragenen Sinne so, egal, ich habe mein erstes Bad des Jahres im offenen Meer genossen.

Vom Wasser aus hatte ich einen hervorragenden Blick auf die Küste, die mich ein bisschen an Miami erinnerte, es gibt etwa 15 hochgeschossige Hotels (bis zu 16 Stockwerken) und viele kleinere, insgesamt um die 50, sowie noch die Oper, alle Gebäude sind modern, aber jedes Gebäude ist in einem anderen Stil gebaut, was ich als unschön empfinde. Nicht dass ich gern alle Gebäude im selben Stil sehen möchte, aber ein einheitlicher Plan eines Architekten hätten die Stadtsilhouette entschieden verbessert.

Tel Aviv ist eine junge Stadt, nicht einmal 100 Jahre alt, um 1880 wurde mit Wohnbauten begonnen als Ersatz für die relativ teuren Wohnungen im arabischen Jaffa, die eigentliche Stadtgründung erfolgte aber erst 1909. Wegen der Nähe zu Jaffa (Yafo für die Israelis) und der Tatsache, dass es die erste jüdische Gemeinde war, die die Einwanderer sahen wenn sie ins Land kamen, wuchs Tel Aviv schnell und wurde das Zentrum des urbanen Lebens von Israel, eine Position, die die Stadt heute noch inne hat. Die Stadt wurde mitten in die leeren Stranddünen gebaut, man muss sich das mal vorstellen! Für mich ist das eines der Wunder des modernen Israel.

1950 wurden Tel Aviv und Jaffa (~ 80 000 Einwohner) offiziell vereint, tatsächlich sind es aber immer noch getrennte Städte. Da Jaffa der Ort ist, wo alles begann und wir auch den Namen schon ewig kannten (Jaffa Orangen!), beschlossen wir, ihn an unserem zweiten Tag zu besuchen. Wir nahmen ein Taxi hinzu und spazierten dann auf der Promenade am Meer zurück. Unsere Alarmglocken fangen immer an zu schrillen, wenn wir im einem Reiseführer lesen, ein Ort sei ,malerisch', häufig ist das eine Schönfärberei für schäbig und heruntergekommen, zumindest wenn es sich um Orte außerhalb Europas handelt.

Wir stiegen am Uhrturm aus und gingen die Straße nach oben bis zum höchsten Punkt und in der Tat wurde unser Verdacht bestätigt. Da es Sabbath war, waren die Geschäfte geschlossen und kein lebhaftes Straßenleben lenkte uns ab, wir konnten sehen, wie armselig die Häuser waren. ,Eine typisch arabische Siedlung', aha, Araber leben also typischerweise in heruntergekommenen Gegenden? Wir fanden das gar nicht gut. Als wir oben ankamen, erscholl lauter religiöser Gesang aus Lautsprechern, wir folgten dem Klang und kamen zu einer orthodoxen Kirche, wir schauten kurz hinein, ein prunkvoller Gottesdienst war in vollem Gang. Ich fragte zwei Leute, um was für eine Orthodoxie es sich handelte, aber sie konnten es mir nicht sagen oder verstanden mich nicht, eine Suche im Internet brachte auch nichts zu Tage. Was ich jedoch sicher weiß ist, dass im Park nebenan ein Klohäuschen ist (eine Information, die manch ein Tourist mehr schätzen wird) :-)

Links von der Kirche befindet sich ein großes, modernes Gebäude mit Apartments mit Aussicht aufs Meer und die Silhouette von Tel Aviv in der Ferne, viele Künstler leben da, wie wir erfuhren. Das sieht gut aus, und ich glaube, Jaffa würde nichts von seinem Charme verlieren, wenn alle Gebäude so aussähen. Als wir den Hügel zum Hafen runter gingen, kamen wir an weiteren schäbigen Gebäuden vorbei, auch hier alles geschlossen, der Ort verströmte eine Trostlosigkeit, die uns traurig machte. Wir hatten gelesen, dass auf der anderen Seite des Hügels eine Ecke mit schönen Galerien und Werkstätten sei, aber da es Sabbath war, würden die auch zu sein und wir verzichteten auf einen Besuch, hoffen wir, dass es da etwas besser aussieht.

Es scheint, als ob Jaffa schon immer da war, der Ort rühmt sich, der älteste Hafen der Welt zu sein. Ich kann hier nicht seine Geschichte erzählen, ich will nur einige Namen erwähnen: es heißt, dass er von Noahs jüngstem Sohn Japhet gegründet wurde, der römische Geschichtsschreiber wusste, dass das 40 Jahre nach der Sintflut war (woher wusste er das?), eine Bronzetor mit dem Namen des ägyptischen Pharaos Ramses II wurde gefunden, König Salomon benutze den Hafen, die Assyrer, die Phönizier, die Römer, die Kreuzzügler unter Richard Löwenherz waren hier, die Armee Napoleons zerstörte den Ort, die Türken und die Araber siedelten hier. Wenn es einen Ort gibt, auf den der lateinische Spruch ,Sic transit gloria mundi' - ,So vergeht der Ruhm der Zeit' passt, dann ist es Jaffa.

Wir erfuhren eine andere Enttäuschung, als wir das Stadtgebiet finden wollten, in dem zwischen 1930 und 1950 ungefähr 2 500 Gebäude im Bauhausstil errichtet wurden, diese ,Weiße Stadt von Tel Aviv' wurde 2003 zum Unesco Weltkulturerbe ernannt. Wir verließen die Promenade beim Opernhaus und bogen in die Allenby Street ein, nicht einmal 100 m hinter der Reihe der Fünf-Sterne-Hotels sah ich eine Absteige, in der die Zimmer stundenweise vermietet werden, die Fassaden der Häuser waren schmutzig und heruntergekommen. Plötzlich bemerkte ich ein hübsches Haus in einer Seitenstraße, aber als wir näher kamen, sahen wir, dass es eine Ruine war, hinter der Fassade war es hohl, ein trauriger Anblick. Die Häuser, an denen wir vorbeigingen, müssen schön gewesen sein, als sie gebaut wurden, vom Stil her nehme ich an, dass sie aus der Gründerzeit von Tel Aviv stammen, aber seither scheint nichts gemacht worden zu sein, die ganze Gegend verslumt. Ein Taxifahrer erklärte uns, dass es in Israel kein Gesetz gibt, dass Hausbesitzer verpflichtet, ihre Immobilien in Stand zu halten. Schade!

Wir fanden die Bauhaus Gebäude nicht, macht nichts, wir waren deprimiert von dem, was wir gesehen hatten und wollten zur Promenade zurück, aber es kam noch schlimmer. Auf dem Weg dahin kamen wir zum (leeren) Basar in einer völlig verwahrlosten Gegend, abgemagerte Katzen liefen über die Straße und sahen uns mit hungrigen Augen an. Als ich später im Stadtführer herausfinden wollte, wo wir uns verlaufen hatten, las ich, dass wir in einer ganz besonders malerischen Ecke der Stadt gewesen waren. Die spinnen, die Leute!

Die Promenade ist schön und gepflegt, allerdings war erstaunlich wenig los, das kann aber mit den Feiertagen zusammen hängen, in den zwei Tagen unseres Aufenthalts sahen und hörten wir nur einen Jongleur, einen Akkordeonspieler, zwei Frauen, die Ketten und anderen Schnickschnack verkauften, sowie eine Gruppe von Hare Krishna Jüngern. Was wir im Übermaß sahen, waren Hunde und schwangere Frauen (nicht orthodoxe, die bekanntlich sehr viele Kinder haben). Wenn wir davon ausgehen, wie sich die Kinder in unserem Hotel benahmen - eines Nachts tobte bis 23 Uhr eine Horde wild gewordener Kleinkinder durch das Foyer, rollte über den Teppich, rutschte die Rampe für die Rollstühle auf dem Bauch hinunter wobei sie wie Ferkel quiekten und kein Erwachsener sagte etwas - so müssen wir annehmen, das Israel ein Kinderparadies ist.

Touristen, die nicht im Hotel essen, können Restaurants und Snackbars an der Promenade finden, es gibt auch eine Disco, das Dolphinarium, wo 2001 eine schreckliche Sache passierte, ein Selbstmordattentäter mischte sich unter die Jugendlichen, die auf Einlass warteten, 21 wurden getötet, 120 verwundet, ein kleiner Gedenkstein erinnert daran. Da das Attentat gerade vor fünf Jahren, am 1. Juni, stattgefunden hatte, war er mit Blumen und Postern dekoriert.

Wir können das Restaurant London unter dem Hotel Sheraton empfehlen, außer schmackhaftem
Essen zu vernünftigen Preisen (ich habe bisher unbekannte israelische Spezialitäten versucht und genossen) bietet es auch täglich eine Live-Show ab 21 Uhr an. Wir hatten gelesen, ,Haifa arbeitet, Jerusalem betet und Tel Aviv feiert', von dem kleinen Ausschnitt, den wir gesehen haben, können wir dem nicht widersprechen. Eines Tages, als wir zu unserem Hotel zurück kamen, hörten wir laute Musik und sahen etwa 40 Leute, die offensichtlich nicht zusammen gehörten, hinter dem Hotel tanzen, sowohl in Gruppenformation als auch paarweise, was das Spektakel noch spektakulärer machte, war die Tatsache, dass es mittags um 14 Uhr passierte bei 30° und 70° Luftfeuchtigkeit!

Wir empfanden unsere zwei Tage in Tel Aviv als anregend und abwechslungsreich, was uns gefiel war, dass wir den Eindruck hatten, die einzigen individuellen Touristen in der ganzen Stadt zu sein.

--
* Lebt (falls Ihr Französisch eingerostet ist) :-)


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
mozarteum

mozarteum

20.01.2012 07:55

interessant berichtet ... lg detlef

masterofshadows

masterofshadows

29.10.2006 00:44

Hi, Malu! Guess who!!!

Schkaterle

Schkaterle

15.09.2006 11:48

Ich werde wohl nicht dort hinkommen, und so war der Bericht - ohne Schönfärberei geschrieben - ein kleiner Ersatz für mich und bestimmt eine große Hilfe für alle, die noch überlegen.

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