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Erfahrungsbericht

für Synagoge von Florenz
5 Sterne Der Orient in Florenz
149 von 149 Ciao User haben diesen Bericht als hilfreich bewertet Bewertungen ansehen
Empfehlenswert: Ja

Pro eine Synagoge mit wunderschönem Innenraum

Kontra Museum für Außenstehende etwas schwierig

Der Autor

tbiegel Seit 3 Mai 2000

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Kuppelbauten gibt es einige in Florenz, die gerne miteinander verwechselt werden, wie bereits Hermann Hesse feststellte (siehe meinen Bericht über den Piazzale Michelangelo).
Es gibt aber wohl nur einen Sakralbau mit einem kupfergrünen Dach, der sich architektonisch bewußt von anderen Sakralbauten abheben will durch seinen maurischen Stil: die Synagoge in Florenz.
Ein wenig abseits liegt sie schon in der Via Farini 4, östlich vom Dom, außerhalb des Zentrums in einer Gegend, in der sich Touristen nur selten hin verirren. Auch in Reiseführern wird die Synagoge eher selten erwähnt, obwohl sie zu den schönsten Europas zählt. So schön, daß sie als Titelbild dient im Standardwerk „Synagogen Europas“.

Leider bleibt dem Besucher der repräsentative Eingang durch das schmiedeeiserne Tor verwehrt. Man betritt das Gelände durch das rechts von der Synagoge gelegene Gemeindehaus, aus Sicherheitsgründen müssen die Taschen abgegeben werden.
Links von der Synagoge befindet sich das leider obligatorische, aber relativ unauffällige, Mahnmal, das an die ermordeten Juden der Gemeinde durch NS-Deutschland erinnert.

Im ggs. zur Synagoge in Rom kann man in Florenz den Innenraum selbständig ohne Führung besichtigen.
Betritt man ihn, erwartet dem Besucher ein sehr reich mit orientalisch anmutendem Ornamenten ausgestatteter Innenraum. Männer müssen selbstverständlich eine Kopfbedeckung tragen, am Eingang in der Vorhalle liegen Kippahs bereit.

Die Synagoge ist dreischiffig, etwas dunkel, die Wände und der Boden sind mit verschiedenen orientalischen Mustern versehen.
Immer wieder taucht der Davidsstern auf, an den Wänden, auf dem Boden...
Die dominierende Farbe ist ein dunkleres Weinrot. Leuchter sind meist schwarz oder goldfarben.

Hinten in der Apsis befindet sich der reich verzierte goldfarbene Aròn, der Thoraschrein. Sowohl auf dem Baldachin als auch auf den beiden Türflügeln befinden sich Darstellungen der Gesetzestafeln. Links und rechts sind die beiden Türen von schwarzen Marmorsäulen flankiert. Über den Türen befindet sich ein Medaillon, auf dem steht geschrieben: „Gelobt sei die Glorie des Namens (Gottes) vom Ort, in dem Er seinen Sitz hat.“ Im wahrsten Sinn des Wortes wird der Thoraschrein gekrönt von einer goldenen Krone.
An der Wand der Apsis befindet sich eine Orgel, die aber, so sagte man mir, heute nicht mehr benutzt wird. Aufgrund mangelnder englischer Sprachkenntnisse der gerade anwesenden Dame konnte man mir die Ursache nicht verständlich machen.

Ich vermute Folgendes: Die Synagoge wurde 1882 geweiht. Damals hatte man sich im Zeichen der Emanzipation und Gleichstellung auch den christlichen Ritus angepaßt (so entstanden liberale Gemeinden). Aufgrund der Judenvernichtung und des Antisemitismus hat man sich, so denke ich, wieder vom Christentum stärker distanziert, sich mehr auf seine orthodoxen Wurzeln konzentriert, so daß die Orgel nutzlos wurde.

Vor dem Thoraschrein befindet sich ein sehr schön mit Holzintarsien auf goldenem Grund ausgestattetes Lesepult, auf dem aus der Thora gelesen wird.

Nach jüdischem (orthodoxen) Ritus sitzen Männer und Frauen getrennt. Die Frauengalerie befindet sich in der ersten Etage links und rechts in (besser auf/über) den Seitenschiffen. Als Geländer dient ein aufwendig gestaltetes schmiedeeisernes Gitter mit Menorahs, den siebenarmigen Leuchtern.

Im zweiten Stock der Synagoge befindet sich auf der rechten Seite ein kleines Museum. Hier wird (leider überwiegend in italienischer Sprache) etwas zur Geschichte der Juden in Florenz erzählt, vor allem aber werden viele alte Kultgegenstände ausgestellt, die der Gemeinde gehören.
Wenn man den kleinen Raum betritt, kann man links ein paar Texttafeln mit Stadtplänen erkennen. Gezeigt wird die Lage der ersten Synagogen und vor allem des Ghettos. So wird beispielsweise das Titelblatt des entsprechenden Erlasses von 1570 ausgestellt. Das Gros der Ausstellungsstücke wird durch Kultgegenstände gebildet.

Ausgestellt sind Shabbatlampen, die „Zeigestöcke“ für Thorarollen usw. Man sieht aber auch rituelle Instrumente für die Beschneidung, die Mischnahs (Sammlung mündlich überlieferter Lehrsätze) toskanischer Juden aus den Jahren 1684 und 1796 oder einen Gebetsmantel.

Insgesamt aber ist die Sammlung für Nichtjuden leider etwas schwierig, denn meist wird nicht erläutert, wozu die ausgestellten Gegenstände genutzt worden sind. Dafür kann sich das Auge an den zahlreichen und üppig gestalteten Ausstellungsstücken erfreuen.

Neben der Synagoge gibt es auch ein kosheres Restaurant.

Wer ein wenig länger in Florenz verweilt, sollte sich die Synagoge anschauen. Das Museum selbst ist, trotz der oben genannten Kritik, ebenfalls sehenswert, zumal es nicht allzuviel Zeit kostet. Aber insbesondere die Synagoge selbst mit ihrem schönen Inneren sollte intensiv wahrgenommen werden !

Abschließend noch ein paar Anmerkungen zur jüdischen Geschichte in Florenz:
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Eine jüdische Gemeinde gibt es erst seit dem 15. Jahrhundert, zuvor lebten allenfalls vereinzelt Juden in Florenz. Dann begann aber der Aufsteig des jüdischen Bankwesens. 1438 wurde die Bank von Pisa gegründet, die wichtigste Bank im Italien der Renaissance. Die Medici holten jüdische Pfandleiher nach Florenz, weil die kapazität der christlichen zurück ging, die Nachfrage wuchs. Die Juden in Florenz standen unter dem Schutz der Medici, selbst Hetzreden christlicher Fundamentalisten führeten nicht zur Ausweisung.
Zweimal war das jüdische Leben in Florenz ernsthaft gefährdet: Durch die Vertreibung der Medici 1495 verloren Juden ihren Schutzherren, nur eine riesige Anleihe konnte verhindern, daß Savonarola die Florenzer Juden nicht vertrieb. Auch während des republikanischen Zwischenspiels sollten Juden vertrieben werden, durch den Vergleich Karls V. und Dem Papst Klemens VII. kehrte Allessandro de Medici nach Florenz zurück, was die Juden abermals rettete.

Erst der Papst setzte dem blühenden jüdischen Leben ein Ende: Eine Reihe von antijüdischen Vorschriften schränkte Juden immer mehr ein. Mehr als nur eine Verschlechterung der Lebensbedingungen bedeutete die päpstliche Bulle "Cum nimis absurdum" von 1555 des Papstes Paul IV. (Pontifikat von 1555-1559). Nachdem es bereits 1553 zu Talmudverbrennungen kam, wurde 1555 aus dem jüdischen Viertel in Rom ein Ghetto. Zunächst widersetzte sich Cosimo I. den antijüdischen Vorschriften, 1570 aber änderte er seine Politik, schließlich wollte er Großherzog werden, ein vom Papst verliehener Titel. Somit wurde auch in Florenz ein Ghetto geschaffen. Man nutzte dazu die Umgebung der heutigen Piazza Repubblica. Allerdings befanden sich in dem Areal auch frühere Adelspaläste, so daß die Bedingungen nicht so schlecht waren wie in Rom. Dia Anzahl der Juden in Florenz sank im Lauf der Zeit.

Innerhalb des Ghettos konnten die Juden selbständig leben, es gab zwei kleine Synagogen, ein rituelles Bad, eine Schule usw.

1848 schließlich wurde das Ghetto geöffnet, das Viertel abgerissen. Die neue Freiheit ließ die Zahl jüdischer Bewohner in Florenz ansteigen, schließlich wurde 1882 der neue Tempel als Ausdruck eines neuen Selbstbewußtseins geweiht. Der Bau wurde 1874 begonnen, finanziert durch eine Spendenkampagne. Am 24. Oktober 1882 wurde die Synagoge feierlich eingeweiht. 1899 gründete der Rabbi Samuel Zvi Margulies ein Rabbiner-Seminar, Florenz wurde zu einem wichtigen Ort geistigen jüdischen Lebens in Italien.
Das aufstrebende Judentum wurde erneut behindert durch den zweiten Weltkrieg und der Judenverfolgun, Deutsche hatte mehrere Minen in der Synagoge zur Explosion gebracht (1944), viele Kunstgegenstände wurde geraubt, konnten aber in Norditalien wieder gefunden werden. Die Synagoge wurde restauriert.
Ende der 50er Jahre wurde ein jüdisches Altenheim, ein Kindergarten und eine Grundschule errichtet.
1966 schließlich ereilte dem Bau eine zweite Katastrophe: Der Arno tritt über seine Ufer und setzte weite Teile der Stadt unter Wasser. Unmittelbar nach der Flut wurde der riesige Schaden behoben. Die Gemeinde besteht heute aus ungefähr 1200 Mitgliedern.


Öffnungszeiten und Eintritt:
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Von Oktober bis März Sonntag bis Donnerstag 10-13 und 14-16 Uhr, Freitags vormittags von 10-13 Uhr; von April bis September nachmittags jeweils zusätzlich bis 17 Uhr. Am Shabbat und an jüdischen Feiertagen ist geschlossen. Der Eintritt kostet 10.000 Lire, also rd. 5 Euro.

© Thomas Biegel 3. April 2002


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Kommentare

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  • helmut.agnesson 03.01.2010 11:13
    Bewertete diesen Bericht als
    besonders hilfreich

    leider hatte ich bei einem umsteigeaufenthalt von einigen stunden vor >10 jahren keine gelegenheit, die synagoge zu sehen. in orthodoxen synagogen (und in den meisten masorti synagogen) dürfen am schabbat keine musikinstrumente gespielt werden; die meisten liberalen synagogen erlauben sie, nehmen aber bevorzugt keine orgel, da diese zu nahe an christlichen gewohnheiten ist. wie ich letztes jahr von einer (bzw der einzigen) italienischen teilnehmerin an der jüdisch-christlichen bibelwoche in gmh-haus ohrbeck erfahren habe, existiert inzwischen in firenze auch eine liberale gemeinde mit eigener synagoge

  • Phasianus_colchicus 15.05.2009 11:25
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • lobito2003 15.03.2008 16:04
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • Pinna 17.09.2006 20:00
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • FreundderSonne2 12.07.2006 16:22
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
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