Nachdem ich letztes Jahr in Reykjavik meinen Marathon gelaufen bin, dauerte es nicht lange, dass ich mir konkrete Gedanken über mein nächstes Marathonziel machte. Wie üblich sollte es ein Ziel sein, das ich noch nicht kannte. Nach einigem Recherchieren fiel im Oktober die Entscheidung. 2010 sollte Stockholm drankommen. Eine Stadt, die ich schon lange besuchen wollte, ein Marathon, von dem ich schon viel Gutes gehört habe.
Ende Oktober wurde über Lauf-Abenteuer gebucht. Wie gut, dass wir so früh dran waren. Bereits am 17. November konnte man auf der offiziellen Webseite des Stockholm-Marathons lesen, dass keine Anmeldung mehr möglich sei, da das TeilnehmerInnenlimit bereits erreicht war. Sechseinhalb Monate vor dem Start ausgebucht. 20000 TeilnehmerInnen. 10 Tage später war auch die Reserveliste mit 1500 Anmeldungen absolut voll.
Die Vorbereitung:
Die lief leider nicht so, wie sie sollte. Zwar war ich dieses Jahr von Verletzungen verschont, aber der Winter war doch sehr lange und hart. Die Laufstrecken total vereist. Das Laufband im Fitnessstudio ist für mich keine Alternative. Also konzentrierte ich mich halt auf lange, langsame Läufe. Tempoeinheiten waren mir einfach zu gefährlich. Das Frühjahr war leider auch nicht so viel besser. Sintflutartige Regenfälle, kalter Wind. Aber dennoch kam ich auf meine Kilometer. Das fehlende Tempotraining würde sich zwar rächen, aber was soll’s – die Zeit ist für mich nicht wichtig. Wichtig ist das Erlebnis, das Durchhalten und nicht vorzeitig aussteigen zu müssen.
Startnummernabholung:
Am Donnerstag, den 3.Juni flogen wir endlich nach Stockholm. Endlich ein paar Urlaubstage!
Da die Startnummernabholung bereits ab Donnerstag 17:00 möglich war, beschlossen wir – meine Tochter war natürlich wieder als Betreuerin mit – gleich die Marathonmesse zu besuchen, damit wir den Freitag ohne Stress zur Stadt- und Streckenbesichtigung nutzen konnten.
Die erste Überraschung erwartete uns bereits auf den Weg zum Stadion. Unmengen von Metal-Typen waren unterwegs. Die würden doch keinen Marathon laufen? Nachdem wir beim Stadion aus der U-Bahn ausgestiegen waren, löste sich das Rätsel sehr schnell. Im Stadion fand an diesem Abend ein AC/DC-Konzert statt. Wenn wir das früher gewusst hätten, wäre der Abend sicher anders verlaufen, denn da wären wir schon an diesem Abend im Stadion gewesen (das Konzert war aber fast in der ganzen Stadt zu hören). So gingen wir am Stadion vorbei zum Östermalm IP. Dort sollte nicht nur der Start sein, sondern auch die Marathonmesse.
Ein riesiger Sportplatz erwartete uns. In einem Zelt war die Marathonmesse. Um diese Zeit waren glücklicherweise noch nicht so viele LäuferInnen unterwegs, wodurch alles sehr schnell ging. Startnummer abholen - der Chip war gleich im Kuvert mit der Startnummer, da in Stockholm keine eigenen Chips verwendet werden dürfen -, die diversen Informationsstände abklappern und stöbern, was wurde an Marathonschnäppchen angeboten. Klar wurde ich fündig und erstand doch gleich ein super Lauf-Shirt für den Sommer und eine ganz kurze Laufhose.
Eigenartigerweise war diesmal die Nervosität noch nicht da. Ich genoss einfach nur das Flair, unterhielt mich ein bisserl mit anderen LäuferInnen und nachdem wir noch das Stadion bestaunt haben und die vielen AC/DC-Fans ein wenig beneideten, begaben wir uns Richtung Hotel, in dem ziemlich viele Marathonis langsam eintrudelten.
Im Startsackerl befanden sich außer der Nummer plus Chip ein Packung Barilla Vollkornpenne, ein weißes Stockholm 2010 – Kapperl, eine Probe eines verflixt guten Sportgels, der obligatorische Schwamm und jede Menge Infomaterial.
Die Pastaparty würde am Freitag am Abend stattfinden, allerdings ließen wir diese diesmal aus, da wir schon eine Verabredung mit einer in Stockholm lebenden Bekannten hatten.
Der Renntag:
Am Samstag, den 5.6., war es dann soweit. Bei diesem Marathon war vieles anders für mich.
Zuerst einmal die Startzeit: 14:00. Um diese Zeit zu laufen, ist für mich absolut ungewohnt. Bin ich doch eine Morgenläuferin. Während der Woche muss ich notgedrungen immer am Abend laufen. Aber um die Mittagszeit, das gibt es eigentlich nie.
Geschlafen habe ich relativ gut. Also begaben wir uns gegen 10:00 zum Frühstück. Im Frühstücksraum wimmelte es von nervösen Marathonis. Keiner wusste so recht, was er essen sollte. Das übliche Weißbrot mit Marmelade oder Honig war sicher zu wenig, wenn der Start erst so spät ist. Aber würde ein Müsli sich nicht dann während des Laufens melden und versuchen, mit mir zu sprechen? Okay, pfeif drauf. Ich bleibe lieber bei den reinen Kohlehydraten und esse stattdessen einfach mehr Brote. Ob die Entscheidung richtig war, wird sich dann schon zeigen.
Das Wetter war traumhaft schön. Sonnig, wolkenlos, nicht zu warm. Laut Veranstalter waren es 19°. Der Wind hielt sich in Grenzen.
Langsam kam auch bei mir die Nervosität auf und so fanden wir uns schon gegen 12:30 im Startbereich ein. Und da bekam ich erstmals einen Eindruck davon, wie toll dieser Marathon organisiert war. Der Sportplatz war unterteilt in mehrere Abschnitte für die Umkleidesäcke. Dies brauchte ich ja nicht, da ich meine Jacke einfach meiner Tochter geben konnte. Ansonsten nahm ich nichts mit. Meinen Trinkgürtel hatte ich umgebunden.
Am Gelände gab es jede Menge Getränke und Bananen, sodass sich jede/r LäuferIn noch versorgen konnte.
Die Ansagen folgten in mehreren Sprachen, ist das TeilnehmrInnenfeld hier ja wirklich sehr international. Insgesamt starteten LäuferInnen aus 79 Ländern.
Noch nie habe ich bei einem Marathon erlebt, dass so viele Toiletten aufgestellt waren. LäuferInnen wissen, warum ich das extra erwähne. Geht die Nervosität doch sehr auf die Blase, und es ist nicht sonderlich angenehm, wenn man eine halbe Stunde anstehen muss. Davon kann hier keine Rede sein. Durch die große Menge fand jede/r schnell ein Örtchen, um sich noch zu erleichtern. Und Desinfektionsmittel war auch noch in den Dixie-Klos drinnen.
Gegen 13:15 begab ich mich langsam an den Start. Es gab 6 Startblöcke, die sich sehr schnell füllten. Lachende, erwartungsvolle Gesichter, aber auch ängstliche und verbissene umringten mich. Da auf den Startnummern nicht nur die Namen der TeilnehmerInnen, sondern auch die Nationalflagge aufgedruckt war, wusste man wenigstens gleich, in welcher Sprache man die anderen ansprechen konnte.
Der Marathon:
Punkt 14:00 erfolgte der Startschuss. 15459 LäuferInnen rückten vor zur Startlinie und ca. 10 Minuten nach dem Startschuss passierte auch ich die Startmatte. Das Abenteuer Stockholm Marathon 2010 begann.
Der Start erfolgte auf der der Lidingövägen und nach einigen hundert Metern ging es links in die Valhallavägen. Tausend ZuschauerInnen säumten die Straße und feuerten uns euphorisch an. „Heja, heja.“ Noch war es flach aber beim 3. km erwartet uns bereits die erste Steigung – eine von Unmengen. Die ganzen 42 km waren ein dauerndes auf und ab.
Über die Strandvägen kamen wir vorbei am königlichen Schloss nach Gamla stan – der Altstadt von Stockholm. Der Blick aufs Wasser, die vielen ZuschauerInnen – einfach toll. Bisher hielten sich die Steigungen noch in Grenzen, aber bei km 9 erwartete uns die gefürchtete Västerbrön – die steilste und gefürchteste Brücke, über die wir mussten. Puh, nicht ohne – aber, der Ausblick, der sich uns bot, als wir oben auf der Brücke ankamen – unbeschreiblich schön. Dazu ein DJ, der mit lauter Musik für Aufmunterung sorgte. Trotz des starken Anstiegs ging es mir noch sehr gut. Das Tempo war zwar etwas unregelmäßig, aber bei dem dauernden auf und ab nicht sonderlich verwunderlich. Schon zu diesem Zeitpunkt begannen einige LäuferInnen zu kämpfen. Vermutlich sind viele die ersten Kilometer einfach zu schnell gelaufen, was mir auch passiert ist, wie ich dann ab Kilometer 30 schmerzhaft feststellen musste.
Aber noch war es nicht soweit. Runter die Västerbrön über den Norr Mälarstrand vorbei an dem Stadshuset Richtung Centralen. Da ist es relativ flach.
Fast alle 3 km kommt eine Versorgungsstelle, wo ich mir Wasser nehme, das ich mir teilweise auch über den Kopf schütte. Es ist ziemlich warm, allerdings kühlt der Gegenwind doch ein wenig. In regelmäßigen Abständen sind Duschgestelle aufgebaut, die so einen feinen Strahl haben, dass man super durchlaufen konnte, ohne dass die Schuhe nass wurden. Immer wieder stehen Musikkapellen auf der Seite und sorgen für Aufmunterung.
Vorbei an vielen Sehenswürdigkeiten Stockholm ging es weiter in den Stadtteil Vasaparken. Auf der Odengatan erwarteten uns wieder einige Höhenmeter, rauf und runter, weiter hin zum Karlavägen. Glücklicherweise werfen die vielen Bäume den Schatten in die richtige Richtung.
Doch nun kommen die schwersten Kilometer. Schwer weniger wegen der Steigungen, sondern, weil wir jetzt schon das Stadion sehen – aber, jetzt heißt es recht laufen, denn links sind die ganz schnellen LäuferInnen, die schon am Ende ihrer zweiten Runde sind und Richtung Stadion abbiegen können, das wir noch links liegen lassen müssen. 24 Kilometer liegen noch vor uns. Auf der Valhallavägen steht das erste Mal meine Tochter. Doch noch brauche ich keine neue Trinkflasche und während sie über die Grünflächen ca. 500m zum Halbmarathonspunkt spaziert, laufen wir durch Diplomatstaden vorbei an vielen Botschaftsgebäuden nach Djurgardsbrunnsvägen ins freie Feld. Hier gibt es kaum ZuschauerInnen, aber Pferde, die uns Verrückte etwas erstaunt anschauen.
Ich komme mir vor wie irgendwo am Land. Gras, Pferde – und da ist die Halbmarathonsmarke. Meine Tochter steht schon da und ich bekomme eine neue Trinkflasche. Bis ca. Kilometer 25 geht es relativ flach und man merkt, dass wir langsamen LäuferInnen schon sehr immer wieder die Schattenseite suchen.
Und weiter geht es, bergauf, bergab. Die Landschaft ist wunderschön, das Laufen wird immer anstrengender. Bei Kilomer 28, vorbei am Tiergarten und dem Vergnügungspark geht es auf die zweite Runde rund um Gamla, vorbei am Schloss, wo gerade die Wachablöse stattfindet, rauf wieder auf Brücken, durch die Unterführung, wieder ein Brücke und – hmmmmm, da riecht es soooooo gut nach frischen Zimtschnecken. Leider kann ich die Quelle des verführerischen Dufts nicht ausmachen. Ich bin mir sicher, hätte ich zu diesem Zeitpunkt eine Zimtschnecke gegessen, der Mann mit dem Hammer wäre nicht gekommen. So allerdings erwischte er mich voll. Alles begann zu schmerzen. Vor Powergel und Gel-Chips ekelte mir nur noch, die Banane, die ich mir an einer Verpflegungsstelle nahm, war auch nicht so ganz das Wahre.
Aber, aufgeben gibt es nicht. Ich will in das Olympiastadion, in diesen traumhaft tollen Bau einlaufen. Und dafür lohnen sich die Qualen! Rauf, ein zweites Mal auf die Västerbrön, vorbei an der Stadthalle, hin zum Centralen.
Immer noch sind viele ZuschauerInnen auf der Strecke, die fröhlich winken und uns aufmuntern. Viele rufen direkt die Namen, die sie an den Startnummern sehen oder benennen das Land, aus dem der/die jeweilige LäuferIn kommt – heja Österreich.
Endlich ist die Sturegatan erreicht. Das Stadion ist in Sicht. Der letzte Kilmeter geht nochmals aufwärts, aber dann eine scharfe Linkskurve, vorbei am Stadion zum Eingang auf der Seite. Der Stadionsprecher begrüßt jede/n, der/die auf die Laufbahn biegt mit Namen – „Grüß Gott Alexandra … aus Österreich“ – noch 250m, geschafft – ich bin im Ziel und mir rinnen fast die Tränen herunter. Wieder einmal habe ich es geschafft, 42,195 km – ich bin nur noch rundherum glücklich!
Nach dem Einlauf:
Nachdem ich meine Finishermedaille und eine Mineralwasserflasche in Empfang genommen habe, erwartet mich schon außerhalb des Stadions meine Tochter und wir begeben uns zum Sportplatz. Dort gibt es als Erstes einen Sack mit Futter – Banane, Proteinshake, Nüsse, Rosinen, Keks, Mineralwasser. Dann werden uns LäuferInnen von HerlferInnen die Chips vom Fuß bzw. Schuh genommen und dann kann ich das Finisher-Shirt in Empfang nehmen – ein tolles Reebock-Laufshirt in Schwarz mit grün. Rundherum lauter erschöpfte, aber glückliche Gesichter. Viele tragen bereits das Shirt. An Ständen werden Hot-Dogs, Zimtschnecken, Kaffee, Cider… verteilt. Wirklich, Verpflegung in rauen Mengen und die abgearbeiteten Kalorien sind sofort wieder droben. Aber das haben wir uns verdient!
Daten:
Von 20136 angemeldeten LäuferInnen starteten 15459. Davon kamen 14715 tatsächlich auch ins Ziel (für die LäuferInnen, die aufgeben mussten, gab es Gratis-Taxis zurück in den Zielbereich – ein tolles Service, das ich glücklicherweise nicht in Anspruch nehmen musste), davon waren 3279 Frauen und 11436 Männer.
Die Siegerzeit bei den Männern 2:11:37 von Joseph Lagat aus Kenia und bei den Frauen 2:31:35 von Isabellah Andersson aus Schweden.
Sonntag:
Am Sonntag war Stockholm beherrscht von lauter Verrückten, die ein schwarzen Laufshirt mit grün trugen und sich seltsam grinsend gegenseitig anschauten und fast alle irgendwie humpelten.