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Shanghattan

5  20.08.2006

Pro:
das Prunkstück Chinas

Kontra:
für Besucher ist die Verständigung nicht immer einfach

Empfehlenswert: Ja 

TumblingDice

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:103

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 76 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

War es nicht Phil Collins, der kürzlich eine so genannte "Last Farewell Tour" hingelegt hat? Einige Stars haben ja in der Tat durch wiederholtes Ankündigen ihres Abschieds vom Bühnenleben ihr Geschäft immer wieder geschickt angekurbelt, während andere den Umsatz ihrer Werke dadurch zu erhöhen suchen, dass sie einfach darauf hinweisen, wer Näheres über soeben gebeichtete dunkle Flecken ihres Lebens wissen möchte, möge doch das neueste Buch lesen.

Auch TumblingDice begibt sich derzeit auf Abschieds-Tournée, bevor er gedenkt, den schöneren Seiten des Lebens mehr Beachtung zu schenken als in seinen zurückliegenden Berufsjahren möglich war. Angebote für ein geeignetes Schloss als Altersruhesitz bitte ich, in meinem Persönlichen Gästebuch abzugeben. Allerdings bitte ich auch, davon abzusehen, sie als Teil eines All-Inclusive-Paketes mit einem Heiratsantrag zu verbinden.

Langer Rede, kurzer Sinn: TumblingDice begab sich kürzlich im Rahmen seiner Farewell-Tour nach China, ins Land des Lächelns. Bellanotte hatte ihm ein solches kurz vor der Abreise noch als Gastgeschenk ins Handgepäck gesteckt. Die verschärften Sicherheitskontrollen auf den Flughäfen in München und Paris hat es aber unbeschadet überstanden.

Mein Weg führt mich zunächst nach Peking, worauf ich nicht näher eingehen möchte, weil ich mich an anderer Stelle in einem früheren Leben dieser Stadt schon mal gewidmet habe. Nachdem ich dort zwei Nächte verbracht habe, breche ich an einem frühen Morgen wieder zum Flughafen auf, um von dort mit der chinesischen Fluggesellschaft Hainan Airlines (HU) nach Shanghai zu fliegen.

Nach zwei Stunden lande ich am dortigen nationalen Flughafen Hongqiao. Ein Taxi soll mich zu meinem gebuchten Hotel bringen. Auf "Taxi"-Zurufe, die mir vor Erreichen des offiziellen Taxi-Standes zu Ohren kommen, reagiere ich weltweit nicht, weil es sich dabei i.d.R. um unseriöse Angebote bzw. "Schwarz-Taxis" handelt. So auch hier. Stattdessen stelle ich mich geduldig in der langen Schlange der Wartenden an, denen von einem Dienstmann die in großer Zahl ständig einfahrenden Taxis zugewiesen werden. Nach 5 bis 10 Minuten bin auch ich an der Reihe. Bevor der Dienstmann auf ein Taxi zeigt, meldet sich ein anderer und verweist auf eines der nebeneinander stehenden Taxis. Ich erkenne in ihm einen, der mir schon vorher ein Taxi anbieten wollte und den ich aus genannten Gründen ignoriert hatte. Dennoch zeige ich ihm meinen Zettel, wo der Name meines Hotels in chinesischer Sprache aufgedruckt ist. Ich hatte mich im Vorfeld erkundigt, wie viel ein Taxi vom Flughafen zum Ziel in etwa kosten würde. Seriöse Chinesische Taxis benutzen immer ein Taximeter. Der Preis liegt bei 2 RMB (Yuan) pro Kilometer. Der Umrechnungskurs beträgt ganz grob 1:10, d.h. 100 RMB entsprechen etwa 10€. In diesem Fall sollte der Preis fürs Taxi nach meiner Vorab-Information etwa 100 RMB betragen, der Taxi-Mensch nennt mir einen Preis von 150 RMB. 5€ mehr, die ich ohnehin nicht aus eigener Tasche zahlen muss, erscheinen mir keine Verhandlung wert. Somit steige ich ein. Derjenige, der mich angesprochen hatte, ist jedoch gar nicht der Fahrer, sondern nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. Da der Festpreis ausgehandelt wurde, wird das vorhandene Taximeter auch nicht eingeschaltet. Der auf dem Beifahrersitz fragt mich auch gleich, ob ich eine Quittung habe möchte. Er stellt sie mir sofort aus und ich gebe ihm 200 RMB, da ich den Betrag nicht passend habe. Nach kurzem Gespräch mit dem Fahrer gibt er mir einen 100er zurück, weil er angeblich nicht wechseln könne. Ich durchforste nochmals mein Geldscheinbündel und komme statt der benötigten 50 RMB nur auf 40. Der Chinese winkt wohlwollend mit "OK, OK" ab. Ich werte das als Zeichen, dass er den Fahrpreis doch sehr großzügig kalkuliert hatte. Der steigt dann an der nächsten Kreuzung aus. Offensichtlich gehören noch weitere Taxis zu seiner Truppe, die er versucht, gezielt Ausländern zuzuweisen. Jedenfalls werde ich diesen Menschen noch in unangenehmer Erinnerung behalten. Dazu aber später mehr.
Der Fahrer bringt mich jedenfalls ohne weitere Probleme zu meinem Hotel im Stadtteil Pudong (Fahrzeit ca. 30 Minuten).

Das Hotel Renaissance gehört zur Marriott-Kette. Der Zimmerpreis pro Nacht beträgt umgerechnet ca. 76€ incl. lokaler Steuern und Frühstück (Firmenrate). Das Hotel entspricht in etwa dem internationalen Standard für Business-Hotels. Es hat mir dort insgesamt aber etwas besser gefallen als es sonst im Durchschnitt der Fall ist, ich habe aber in den letzten Jahren in keinem Hotel vergleichbarer Qualität gewohnt, das auch nur annähernd einen ähnlich günstigen Preis hatte. Auch in anderen Niedriglohnländern liegen Übernachtungspreise nach meinen Erfahrungen 50-200% höher.

Als die chinesische Rezeptionistin Probleme hat, meine Vorreservierung ausfindig zu machen, habe ich das Glück, das ihr ein deutscher Kollege zu Hilfe kommt und sie über die Tücken, die deutsche Umlaute mit sich bringen können, aufklärt, so dass das Problem schnell erkannt wird. Da Kommunikation in China auch mit Hotelpersonal oft schwierig ist, nutze ich die Gunst der Stunde, einen Landsmann vor mir zu haben, und frage ihn nach Sightseeing-Tipps für heute. Denn es ist gerade mal "High Noon" und der Nachmittag steht mir zur freien Verfügung. Er empfiehlt mir den Besuch des Fernsehturms und anschließend, über den "Bund Sightseeing Tunnel" den jenseits des Flusses liegenden Stadtteil anzusteuern. Das Wetter mit den

Bilder von Shanghai
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Blick von der Oriental Pearl (260m Höhe)
dadurch bedingten Sichtverhältnissen wäre dazu heute vergleichsweise günstig. Natürlich stattet er mich gleich mit den in China nötigen und in jedem Hotel vorhandenen Kärtchen aus, auf denen der Name des Hotels und einige wichtige Ziele, die für Besucher von Interesse sind, in Landessprache und Englisch vorgedruckt sind. Die zeigt man einfach dem Taxi-Fahrer, und somit geht der Transport in China auch ohne Sprachkenntnisse problemlos vonstatten.

Nachdem ich mein Zimmer bezogen habe, mache ich mich auch gleich darauf auf den Weg in die Stadt. Taxis stehen meist wartend vor den Hotels, wo sie bei Bedarf von einem Hotelboy heran gewunken werden. Stadtfahrten von bis zu 30 Minuten Dauer kosten auch in Metropolen wie Peking oder Shanghai selten mehr als 30 RMB (ca. 3€), wobei das Taximeter stets mit einem Grundpreis von 10 RMB startet und dann, wie bereits erwähnt, pro Kilometer 2 RMB dazukommen. In Stausituationen kann sich, wie bei uns, auch der Zeitfaktor auf den Preis auswirken. Das Taximeter spuckt am Ende auch einen Beleg aus, und man zahlt den dort ausgedruckten Nettopreis. Außer bei der oben beschriebenen Begebenheit habe ich selbst keinen Fall von Taxi-Betrug erlebt. Allerdings hat mir ein mitreisender Kollege erzählt, dass auch er einmal übers Ohr gehauen wurde, als er für eine Fahrt, für die ich später am gleichen Tag 23 RMB bezahlt habe, 80 RMB (ohne Taximeter) berappen musste. Also: entweder Fahrten ohne Taximeter ablehnen oder Preis vorher aushandeln.

Kleinkriminalität und Betrug nehmen überall auf der Welt zu, sobald sich zahlungskräftige Geschäftsreisende und Touristen in ein Land begeben. Das ist in China nicht anders. Während es vor ein paar Jahren noch hieß, China sei ein völlig sicheres Land und Betrug käme hier nicht vor, haben viele Chinesen mittlerweile auch diese Einnahmemöglichkeit entdeckt, wobei erleichternd hinzukommt, dass der Besucher i.d.R. Preislisten ja nicht lesen kann, so dass der Chinese dort immer auf den höchsten ausgewiesenen Preis deuten kann, was ich selbst erlebt habe, aber halt keine große Rolle spielt, solange es sich um 2-3€ hin und her handelt.

Der Taxi-Fahrer bringt mich zu meinem gewünschten Ziel. Der hiesige Fernsehturm ist bis zur Spitze 468m hoch. Aufgrund der glänzenden pinkfarbenen verschieden großen Kugeln, die wie bei einem Schaschlik auf den Turmrumpf aufgespießt sind, hat man ihm den Namen "Oriental Pearl" verpasst. Ich nehme erst mal 100-200m Abstand, um das Monster fotografieren zu können. Dabei werde ich immer wieder von Chinesen angesprochen, die mich mit ihrer Kamera gegen entsprechende Bezahlung mit dem Turm im Hintergrund ablichten möchten. Asiaten können wahrscheinlich nur schwerlich verstehen, dass es auch Menschen gibt, die nicht bei jedem Ausflugsziel mit auf dem Foto sein möchten. Staunenden, zum Fernsehturm hochschauenden, Touristen hat man hier sogar ein Denkmal gewidmet.

Als nächstes löse ich ein Ticket, um das Objekt der Begierde zu besteigen. Natürlich wird das hier durch entsprechende leistungsstarke Fahrstühle erleichtert. Es werden verschiedene Tarife angeboten, je nachdem, wie hoch man hinauf will. Es ist klar, dass auch ich alles mitnehmen will und dafür 135 RMB zu zahlen bereit bin. Für einheimische Besucher sicher ein stolzer Preis. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass man auf 350m Höhe auch nicht mehr und angesichts des hier meist vorherrschenden Dunsts schon gar nicht weiter sieht, so dass es die Fahrt bis hinauf auf 260m auch getan hätte (wäre etwas billiger gewesen, wobei ich mir die anderen Tarife nicht gemerkt habe).

Am Eingang muss ich zunächst durch eine Sicherheitskontrolle wie am Flughafen. Dann darf ich den Fahrstuhl betreten, der mich zunächst bis auf ca. 260m hinaufbringen soll. Während der Fahrt erklärt eine Fahrstuhlführerin auf Chinesisch und Englisch, wohin es geht. Die hohe Fahrgeschwindigkeit spüre ich jedoch kaum. Fast geräuschlos geht es nach oben. Auf diesem Level gibt es Aussichtsplattformen auf 259 und 263m sowie ein rotierendes Restaurant auf 267m, welches über eine Treppe erreichbar ist. Hier oben ist natürlich jede Menge Trubel. Hunderte von Besuchern suchen kreisend nach Ausblicken rund um Shanghai und natürlich wird der übliche Kitsch verkauft, der hier besonders billig aussieht: Nachbildungen des Fernsehturmes aus Plastik. Man sieht herunter auf die Stadt Shanghai und die zahlreichen Wolkenkratzer, die hier jedoch weit unter mir liegen. Eine gute Fernsicht ist heute allerdings nicht gegeben, was aber auch selten der Fall sein dürfte. Zum in Chinas Metropolen üblichen Smog kommt hier bei ca. 35°C noch der Dunst dazu. Die Fensterglasscheibe, die Lebensmüde am Ausstieg hindert, tut ein übriges. Die nur wenige Kilometer entfernte Brücke über den Huang Pu Fluss ist nur undeutlich zu erkennen. Aber die umliegenden Wolkenkratzer, der breite Fluss, an dessen Krümmung die "Oriental Pearl" errichtet wurde und der Rest der Welt, der zu Liliput oder einer Spielzeuglandschaft wird, sind natürlich beeindruckend. Jetzt verstehe ich auch, warum die meisten meiner Kollegen in Shanghai am liebsten im Shangri-La-Hotel wohnen (mittlerweile außerhalb vom Reisebudget): Es liegt direkt am Huang Pu neben den Wolkenkratzern. Nach ein paar Runden und einigen Fotos begebe ich mich in den Lift, der mich in den "Space Module" auf 350m bringen soll. Hier ist der Aktionsradius 3-4 mal kleiner als zuvor. Aber im Prinzip sieht die Welt von hier auch nicht anders aus. An einem der Fahrstühle gibt es noch eine kleine Fotoausstellung nach dem Motto "Wer hat den Längsten?" Zwar kann Shanghai mit 468m gegenüber Toronto (553m) hier nicht ganz mithalten, aber da Größe bekanntlich nicht alles ist (auch wenn viele Ciao-User das offenbar anders sehen), darf Shanghai sich bestimmt über den Schönsten freuen. Nach einem Zwischenstop auf 90m werde ich wieder bodenständig.

Zum besagten "Bund Sightseeing Tunnel" sehe ich nur gelegentlich Wegweiser, die dann aber stets im Sande verlaufen. Ich frage ca. 5mal verschiedene Chinesen, die mich jedes Mal in eine andere Richtung schicken. Nachdem ich knapp eine Stunde diesbezüglich herumgeirrt bin, führt die letzte Befragung schließlich zum Erfolg. Die Eingänge liegen in der Tat, wenn auch nicht viel mehr als 100m vom Fernsehturm entfernt, ziemlich versteckt und die Wegweiser sind, wie gesagt, verbesserungswürdig. Alternativ hätte ich auch, wie in vielen Metropolen der Welt, ein Sealife-Aquarium besuchen können, das hier unter dem wohl eher unpassenden Motto "Entdecke den Amazonas" Wasserbewohner beherbergt. Der "Bund Sightseeing Tunnel" ist ein Tunnel, der analog zum Hamburger Elbtunnel unter dem Huang Pu hindurchführt. Der Transport erfolgt dabei über eine Trambahn mit Kabinen von der Größe von Seilbahngondeln. Für die Fahrzeit von maximal 5 Minuten sind 30 RMB einfach zu entrichten (Rückfahr-Ticket 40 RMB). Da ich nicht vorhabe, über denselben Weg zurückzukehren, belasse ich es beim Einfach-Ticket, das im Vergleich zu Taxifahrten einen stolzen Preis kostet. Das "Sightseeing" bedeutet hier, dass die Fahrt zum Sightseeing führt, nicht aber, dass während der Fahrt Sightseeing möglich ist, wenngleich man das Ganze sehr touristisch gestaltet, denn der Tunnel ist sehr farbenprächtig beleuchtet, um nicht zu sagen kitschig, und, leicht übertrieben ausgedrückt, könnte man hier auch von einer chinesischen Geisterbahn sprechen, denn ein paar Puppen säumen den Weg durch den Untergrund, ohne allerdings Schaudern auszulösen. Mit anderen Worten, der Tunnel mit seiner Bahn ist die einfachste Möglichkeit für Touristen, vom Fernsehturm an das andere Ufer zu gelangen. Es fährt zwar auch eine U-Bahn, die mit Sicherheit billiger ist, unter dem Fluss hindurch, doch wird man sich hier als der Sprache nicht mächtiger Tourist vermutlich etwas schwerer tun.

Am anderen Ufer angekommen, genieße ich erst mal die herrliche Aussicht auf die andere Seite. Von hier hat man perfekte Sicht auf die berühmte Skyline von Shanghai, wie sie sicher viele schon auf Bildern gesehen haben. Es kommt ein bisschen "Liberty-Island-Feeling" auf, der Blick von hier erinnert mich jedenfalls an den von der Freiheitsstatue auf Manhattan. Und darauf ist man hier in Shanghai wohl mächtig stolz. Das offiziell noch kommunistische China (nicht nur die vielen Banken vermitteln einem jedoch einen eher kapitalistischen Eindruck) bietet hier dem berühmten Manhattan eindrucksvoll Paroli. Die Bilder von der Skyline zu allen Tageszeiten sieht man in Shanghai auch überall an Mauern und Hauswänden. Ich laufe die Uferpromenade rauf und runter. Dabei werde ich ca. alle 10m von lästigen Straßenhändlern angequatscht, die ich aber keines Blickes würdige, um nicht den Eindruck zu erwecken, ich hätte auch nur die Spur von Interesse an dem, was sie feil bieten. Meist besteht die Auswahl zwischen Postkarten oder einer (nach chinesischen Maßstäben) echten Rolex. In der Tat sehen Chinesen es ja als völlig legal an, alles zu kopieren, was es auf dieser Welt gibt. Somit sehe ich der Anmeldung der ersten Chinesen bei Ciao.com voller Spannung entgegen.

Da ich seit 6 Uhr 30 Ortszeit (China ist uns 6 Stunden voraus) nichts mehr gegessen habe, möchte ich das Abendessen möglichst früh einnehmen. Die Realisierung des ursprünglich für Shanghai geplanten Vorhabens, endlich mal eine Schlange zu essen (die Lidl-Kornnatternwurst zähle ich mal nicht mit), hatte ich zwei Tage vorher unverhofft schon in Peking erledigen können. In der Tat hatte ich da innerhalb von 20-30 Minuten an Straßenständen, wo die Tierchen in heißem Fett frittiert werden, nacheinander eine Grüne Mamba, 3 Seepferdchen, etwas Tintenfisch, Muscheln, eine Kornnatter und einen Seestern verdrückt. Zusätzlich hätte ich auch noch so ziemlich alles essen können, was aus dem Dschungel-Camp ("Ich bin ein Star, holt mich hier raus") übrig geblieben ist. Damit stand ich hier in Shanghai kulinarisch gesehen nicht mehr unter Druck und hatte somit freie Essenwahl. Ein Schiffs-Restaurant liegt direkt an der Uferpromenade und bietet herrliche Aussicht auf die Skyline. Ich gehe hinein. Da ich am Oberkörper nur mit einem leicht durchgeschwitztem T-Shirt bekleidet bin, ist mir auf Anhieb klar, dass ich hier nicht bleiben kann, ohne krank zu werden, denn die Klimaanlage ist hier so niedrig eingestellt, dass die gefühlte Temperatur etwa 5°C beträgt. Ich sage zur Kellnerin "Oh, cold", worauf sie mich fragt, ob ich nach oben aufs Deck möchte. Das hatte ich ohnehin vor, also nehme ich das Angebot dankend an. Ich lasse mir die Karte geben und bestelle erst mal ein chinesisches Bier. Die Bedienung entschuldigt sich gleich, dass das Bier nicht die Kühlschranktemperatur des Innenlokals habe. Ich finde zwar erstaunlich, dass es in Shanghai leichter ist, Menschen als Getränke zu kühlen. Da ich jedoch eiskaltes Bier ohnehin nicht so gerne mag, sehe ich darin kein Problem. Mein Durst setzt da halt Prioritäten. Das Bier ist allerdings tatsächlich pisswarm, so dass es kaum genießbar ist. Die Speisekarte offeriert wenig Auswahl und schon gar nichts Interessantes. Immerhin ist sie englischsprachig und bebildert. Die Bedienung lässt sich ewig nicht blicken, so dass mir reichlich Zeit zum Überlegen bleibt. Da zudem hier oben heftige Windböen, die möglicherweise Vorboten eines Taifuns sind, fast die Bierflasche vom Tisch blasen, habe ich genügend Gründe, sofort die Rechnung kommen zu lassen und nach einem neuen Lokal Ausschau zu halten.

Somit schlendere ich hier ein bisschen durch die Straßen jenseits der Uferpromenade. Die Luft in Shanghai ist auch nicht übermäßig gut, aber im Vergleich zu Peking ist das hier ein Luftkurort (In Peking dürfte es egal sein, ob man starker Raucher ist oder nicht, die Aussicht auf Lungenkrebs ist aufgrund des starken Smogs in jedem Fall groß). Hinter den Fassaden sieht Shanghai gleich etwas anders aus. Es ergibt sich ein starker Kontrast zu den Kulissen der Hochhäuser. Hier liegt ein Tante-Emma-Laden neben dem anderen. Fragen Sie mich aber bitte nicht, was Emma auf chinesisch heißt. Ich habe mir nur ein chinesisches Wort merken können, das einfach genug ist, um es zu behalten: Cha = Tee. So einen nehme ich auch gleich ein, nachdem ich ein geeignetes Restaurant gefunden habe, was jedoch nicht ganz einfach ist. Nicht, dass es hier keine Restaurants gäbe. Aber bei einem, was zwar nach Restaurant aussieht, bei dem aber das Wort Restaurant draußen nicht auf Englisch dransteht, von dem vermute ich auch, dass sie keine englische Speisekarte haben. Eines, welches die Aufschrift "Cuisine Cantonese" trägt, klingt verlockend. Als ich hineingehe, schicken sie den vor, der am besten Englisch kann. Außer "Rice Rice" bringt er jedoch nichts verständliches zusammen, so dass ich wieder von dannen ziehe, weil ich ja nicht ausschließlich Reis essen will. Schließlich entdecke ich ein Lokal mit der riesigen Aufschrift "Welcome to Restaurant" und der Möglichkeit von Kreditkarten-Zahlung. Ein Glücksgriff. Denn es gibt nicht nur eine Kellnerin, die hinreichend englisch spricht, sondern es gibt auch eine Riesenauswahl an Gerichten, die alle als Ausstellungsstück in einem extra als Buffet hergerichtetem Raum aufgetischt sind, so dass das Auge direkt entscheiden kann. Fisch gibt es hier zur Auswahl wie auf dem Fischmarkt, bereits hingerichtet oder noch im Bassin schwimmend. Ich entscheide mich für einen toten Fisch und ein Pilzgericht aus verschiedenen Sorten, wo auch Stücke dabei sind, bei denen ich nicht sicher bin, ob es sich um eine Pilzsorte oder Hirn handelt. Dazu eine Portion gebratenen Reis auf Art Shanghai (mit Ei, Schinkenwürfeln, Shrimps). Nach dem den Magen anwärmenden Tee bestelle ich noch eine Flasche Bier. Das Essen schmeckt hervorragend. Der Fisch kommt als Ganzer gedämpft in einer würzigen Chili-Soße daher und löst sich so leicht von den Gräten, dass man ihn problemlos mit Stäbchen essen kann, ohne dabei mehr Gräten zu erwischen als es bei einer Verwendung von Fischbesteck der Fall wäre. Bei dem Pilzgericht ergibt der Geschmackstest, dass doch Hirn dabei ist. Nur den Reis schaffe ich nur zur Hälfte. Obwohl ich seit 10 Stunden nichts mehr gegessen habe, bin ich satt bis oben hin. Ich lasse die Rechnung kommen und bin verblüfft. Alles zusammen kostet umgerechnet 11€. Tags zuvor hatte ich in einem Hotelrestaurant in Peking in etwa gleich viel und gleich gut gegessen (nur etwas besser getrunken), dafür aber ca. das Fünffache bezahlt (was für ein Hotelrestaurant aber auch noch akzeptabel war). Zufrieden verlasse ich das Restaurant. Womöglich habe ich das Hirn eines Chinesen gegessen. Bin ich jetzt China?

Ich gehe ein paar Meter um die nächste Straßenecke und winke das nächste Taxi heran, was aufgrund der Vielzahl an vorhandenen Taxis in China nie schwierig ist, und lasse mich ins Hotel bringen.

Am nächsten Tag erledige ich zunächst meinen Job und fahre von dort aus direkt zum internationalen Flughafen Pudong. Allerdings habe ich über 6 Stunden Zeit, da mein Flieger erst um Mitternacht fliegt. Deshalb suche ich vorher dort noch ein Restaurant auf und esse eine Kleinigkeit. Danach das böse Erwachen. Als ich bezahlen will, akzeptiert die Bedienung meinen Geldschein nicht, da sie ihn als Falschgeld erkannt haben will. Ich gebe ihr einen anderen. Später probiere ich es in der Duty-Free-Zone noch einmal mit dem fraglichen Schein. Der Kassierer akzeptiert ihn wieder nicht. Um nicht Gefahr zu laufen, gleich in Handschellen abgeführt zu werden, zerreiße ich die Blüte an Ort und Stelle (finanzieller Schaden: umgerechnet 10€). Ich überlege, wo ich den Schein her haben könnte. Da ich keine größeren Scheine besessen habe, kann es kein Wechselgeld gewesen sein. Geld getauscht habe ich nur bei einer Bank und im Hotel. Da ist auch nicht davon auszugehen, dass die mir Falschgeld angedreht haben. Aber dann wird mir klar, dass der Taxi-Mafioso, der mir tags vorher einen 100er zurückgegeben hatte, weil er angeblich nicht wechseln konnte, ihn von mir unbemerkt ausgetauscht hatte. Somit habe ich für besagte Taxi-Fahrt also umgerechnet 24€ statt 10€ bezahlt, was doch etwas viel ist. Aber man wird ja nur aus Schaden klug.

Zum gerechten Ausgleich darf ich im Flieger von der Business Class in die First Class wechseln, weil die Business Class offenbar überbucht ist. Ich habe zwar ein Air France-Ticket, fliege aber mit China Eastern, weil es sich um ein so genanntes Code Sharing zwischen den beiden Fluggesellschaften handelt. First Class ist auch mal was Schönes. Und das auf der Abschieds-Tournée. Somit komme ich wenigstens halbwegs ausgeruht in Europa an.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Nemaste

Nemaste

14.11.2009 17:08

viel Text, wenig Infos

modschegibbchen

modschegibbchen

27.09.2007 15:37

nachlieferung ist schon da. über die situation am taxistand musste ich übrigens lachen, erinnert sie mich doch an die zustände in der ehemaligen DDR. was haben wir uns manchmal am hauptbahnhof die beine in den bauch gestanden, dann irgendwann wurde man von einem typen zu einem taxi geschickt... schwarz-taxis haben sich damals aber nicht so nahe an die "objekte ihrer begierde" herangetraut. shanghais skyline hätte ich mir nicht so beeindruckend vorgestellt. lg heike

modschegibbchen

modschegibbchen

27.09.2007 15:12

beeindruckender bericht. muss zum bewerten leider wiederkommen, ciao hat mir den hahn für heute zugedreht... leider! lg heike

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