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Menschen in San Francisco (Ein Reisebericht)
Pro Eine Stadt, die man nie vergißt
Kontra kenne keines
Die Boeing 747 setzte über das Meer zum Landeanflug auf den San Francisco Airport an. Es war ein Ostersonntag und ich soeben im Begriff, einen Traum wahr werden zu lassen: in wenigen Minuten würde ich meinen Fuß auf den Boden Kaliforniens setzen. Wie überwältigt ich später von den Naturwundern dieses gesegneten Landes sein sollte, davon hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung.
Am Flughafen ließ ich von einem Schalterbeamten die obligatorischen Einreisefragen - in etwa, was man denn hier vorhabe und wann man denn wieder zu verschwinden gedenke - über mich ergehen, schnappte mein Gepäck, trat aus dem Flughafengebäude und blinzelte in die Sonne. Ich konnte es kaum glauben - hier war ich nun!Der erste Zwischenfall passierte beim Bus-Transfer auf den Parkplatz der Autovermietung. Ein frisch eingetroffener Tourist setzte aufgeregt seinen Wagen zurück, ohne sich vorher umzuschauen, und unser Bus krachte direkt hinein. Ich landete unsanft auf dem Fahrgast neben mir, wobei meine schweren Taschen mir fast den Arm ausrissen. Glücklicherweise war niemandem etwas passiert und so konnten mein Kollege und ich schließlich glücklich den für uns bestimmten Buick in Empfang nehmen.
An dieser Stelle ein paar Worte, wie es eigentlich zu meinem USA-Besuch kam: Im Jahre 1993 wurde in San Francisco ein internationaler Physiker-Kongreß ausgerichtet. Einige Kollegen wollten diesen Kongreß und später noch einige kalifornische Firmen besuchen. Sie boten mir an, als Privatperson die Gruppe zu begleiten.Doch nun wieder zurück zu meiner Geschichte: Nach kurzer Fahrt auf dem Highway in einen lauen Frühlingsabend erreichten wir die Stadt der Träume und fanden mühelos zu unserem Domizil, dem Marriot-Hotel. Die Straßen Down Towns waren an diesem Ostersonntagabend wie ausgestorben.
Nach der langen Reise fiel ich augenblicklich ins Bett und schlief wie ein Stein. So bot sich erst am nächsten Morgen die Gelegenheit, sich ein wenig zu orientieren. Aus dem Zimmerfenster im siebzehnten Stock konnte ich zwischen den dunklen Schluchten der Hochhäuser ein Stück der Bay Bridge ausmachen. Irgendwo ging eine unsichtbare Sonne auf und sandte ein orange-goldenes Licht durch die Häuserschluchten. Eine alte Kirche neben dem Hotel wirkte zwergenhaft neben den Wolkenkratzern.Das Frühstück sollte in einem Coffee-Shop eingenommen werden und so machte ich mich im Schlepptau meiner Physiker-Kollegen (alle welterfahren und ortskundig) auf den Weg durch die Innenstadt. Das Marriot liegt direkt Down Town an der 4th Street.
Der erste nachhaltige Eindruck, den ich von dieser legendären Stadt bekommen sollte, war der von Obdachlosen in Heerscharen, den "Homeless". Die ersten saßen, lagen oder standen bereits in den Straßen herum mit einem Pappbecher in der Hand, andere erhoben sich gerade von ihren Nachtlagern auf Bänken oder Geschäftseingängen. Die Glücklicheren unter ihnen besaßen einen Einkaufswagen mit ein paar Habseligkeiten darin.
Zunächst waren mir diese Leute suspekt, doch ich sollte sehr schnell feststellen, daß sie sich von ihren deutschen Vettern krass unterschieden: Sie tranken nicht, waren sauber und höflich, viele besaßen sogar eine gute Portion Galgenhumor, es bat bespielsweise einer um "Home for the Changeless" anstatt des oligaten "Change for the Homeless" (= Kleingeld für die Obdachlosen).Die Amerikaner selbst haben (zumindest in San Francisco) ein respektvolleres Verhältnis zu ihren Obdachlosen als wir Deutschen, denn sie wissen, wie kurz der Weg auf die Straße für sie sein kann. In den USA gibt es kein mit Deutschland vergleichbares "soziales Netz". Die Homeless werden ebenso höflich behandelt wie alle anderen auch. Auf der Fishermans Wharf habe ich beobachtet, wie eine Amerikanerin einem die Müllkörbe nach Eßbarem durchwühlenden Homeless ein Tablett mit Essen und Trinken besorgte und es ihm wortlos in die Hand drückte.
Ich gewöhnte mir in San Francisco bereits am ersten Tage an, beim Verlassen eines Geschäftes das Wechselgeld nicht einzustecken, sondern den Homeless zu geben. Ich habe nur einmal erlebt, daß einer von ihnen unverschämt wurde: Er verlangte 10 Dollar statt einem (alle Touristen werden als superreich angesehen) und wetterte gestikulierend herum, als er sie nicht bekam.
Im Coffee-Shop
Als positiv empfand ich die amerikanische Sitte, daß der Kaffeebecher zweimal nachgefüllt wird, ohne daß man extra darum bitten muß. Anschließend verläßt man Restaurant oder Cafe nicht, ohne das "Tip", das Trinkgeld, zu hinterlegen: Man errechnet von seinem Rechnungsbetrag etwa 15 Prozent und läßt dann dieses Geld einfach an seinem Platz auf dem Tisch liegen. Die amerikanischen Kellner sind dringend auf dieses Geld angewiesen, denn sie erhalten von ihrem Arbeitgeber so gut wie kein Geld.
Nach dem Frühstück machten meine Kollegen sich auf, ihren Kongreß zu besuchen, und ich mich, allein die Stadt zu erkunden. Ich marschierte neben der Cable Car Route die ansteigende Powell Street hinauf, saß ein wenig am Union Square in der Sonne herum und ging dann weiter in westliche Richtung.
Hier passierte mir etwas zum allerersten Male: Ich verlor meinen in der freien Natur unfehlbaren Orientierungssinn, das heißt, weder wußte ich, wo ich war, noch wie ich wieder zum Hotel gelangen würde. Während ich ging, fiel mir auf, daß sich das Straßenbild unmerklich geändert hatte: es waren keine Touristen mehr zu sehen, die Häuserfassaden waren schäbiger und an den zuvor blitzsauberen Straßenrändern standen Mülltonnen herum.Da in San Francisco alle Straßen geometrisch angeordnet sind, überlegte ich mir, wie ich theoretisch wieder zurückfinden müßte. Als ich um die nächste Ecke bog, war da eine kleine Grünanlage am Fußweg, in der eine Gruppe Schwarzer herumlungerte. Ich weiß nicht, auf welchem Stoff sie waren, aber nüchtern waren sie ganz sicher nicht, und wie friedfertige Lämmchen wirkten sie auch nicht. Ich überlegte blitzschnell, wie ich wohl weniger auffallen würde, sollte ich jetzt auf dem Absatz kehrt machen und versuchen, wieder um die Ecke zu verschwinden oder weiter gehen, als ob nichts wäre. Ich entschied mich für das letztere, und mein gut trainierter Schutzengel mußte eingegriffen haben: Sie sahen mich überhaupt nicht, denn just in diesem Moment mußte ein Streit unter ihnen vom Zaun gebrochen sein, denn sie gingen brüllend aufeinander los. Was sie weiter taten, weiß ich nicht, denn ich sah zu, daß ich dort weg kam.
Ich bin sicher nicht so leicht ins Bockshorn zu jagen und empfinde mich als recht wehrhaft, doch diese Situation hätte für mich leicht ins Auge gehen können. Übrigens befand ich mich, als ich weiterging, fast übergangslos wieder in bekannten, sauberen und sicheren Gefilden.Ich hatte meine Lektion gelernt: Habe in amerikanischen Großstädten ein Auge auf das Straßenbild - sichere und weniger sichere Bereiche können abrupt ineinander übergehen - mit einem offenen Auge kann man es aber am Straßenbild erkennen. Und noch etwas: die auf dem Stadtplan so geometrisch angeordneten Straßen sind in Natura wesentlich verwirrender.
Das war mein erster Vormittag in San Francisco. Die Muir Woods, die Pazifikküste und natürlich die Golden Gate Bridge erwarteten mich noch an diesem Tag, doch das ist eine andere Geschichte.
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Kuschelwuschel 21.01.2003 10:02
Winfried Koelsch 04.02.2002 00:22
HFranke 01.02.2002 14:43
Filfar 21.01.2002 17:32
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Sehr ausführlich!