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Erfahrungsbericht

für Revue-Berlin, Berlin
Nächsten Bericht ansehen "Amüsanter Abend mit..."
4 Sterne Berlin-Revue Friedrichstadtpalast Berlin
4 von 5 Ciao User haben diesen Bericht als hilfreich bewertet Bewertungen ansehen
Empfehlenswert: Ja

Pro Ein Versuch gewohnte Pfade zu verlassen

Kontra Hoffentlich keine Sackgasse

Der Autor

Raileigh Seit 10 Jan 2000

Hier erwarten Euch Texte ersonnen aus subjektivem Verbraucherempfinden. Auch für das Lesen... mehr

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Die neue Revue im Friedrichstadtpalast Berlin beginnt mit einem krachenden Auftakt: einem großkotzigen Spruch über die Besonderheit des Berliners und seiner Stadt, was dem Besucher aus Oberbayern und Köln sicher die Augenbraue an den Haaransatz jagt.
Jürg Burth, ein schweizer Regisseur und Choreograf, der schon im am Boden liegenden Theater des Westens seine Beiträge geleistet hat, bekam den Auftrag eine Berlin-Revue im Friedrichstadtpalast auf die Beine zu stellen. Herausgekommen ist ein Stück, das sich als Zeitreise durch 100 Jahre Berlin darstellt und sich dabei nicht so recht entscheiden kann, wo es hin will. Das kann man natürlich mit der langjährigen Zerrissenheit der Stadt interpretieren und als Stilmittel werten. Aber vermutlich ist es nur auf ein Konzept-Hick-Hack zurückzuführen, welcher bei Neuinszenierungen im Friedrichstadtpalast Tradition hat. Nach jahrelanger Ideenschmiede mit ambitioniertem Ansatz, wird die Schlussphase meist ein kopfloses, weil durch zu viele Hände laufendes Herumgeeier. Heraus kommt ein Potpourri bunter Melodien garniert mit langen Beinen.
Dabei ist der Ansatz des Regisseurs durchaus ehrenwert. Der Versuch eine unterhaltsame Revue mit einem Schuss Nachdenken über die Wellen, die die Geschichte den Menschen ins Gesicht schlug, zu produzieren, ist grundsätzlich lobenswert. Nach all den Jahren überaus erfolgreichem, aber oberflächlichem Esoterik-Schnick-Schnacks wird es schwer dem Publikum einen neuen, anders schmeckenden Happen zuzuwerfen, der vielleicht etwas mehr verlangt, als mit offenem Mund die längsten Girlreihe der Welt anzustaunen.
Ein kurzer Abriss des Gesehenen:
Das Ballett agiert zunächst im Kostüm der Kaisergarde mit ausgezeichnetem Stechschritt hinein in den 1. Weltkrieg, der in einem Tango mit dem Tod endet. Aus dem Krieg wieder heraus in die goldenen Zwanziger mit Black Bottom und dem Bananenröckchen der Josephine Baker, durchaus spaßig anzusehen. Weiter geht es zu den Durchhalteliedern der UFA im Zweiten Weltkrieg. "Tanzen und Jung sein" während die Sirenen bereits die Katastrophe ankündigen und der Tod erneut über die Bühne tanzt.
Nach der Pause eine choreografische Eintönigkeit in Alliiertenkostümen mit der Kulisse des Wasserbeckens, gefolgt von einem Swing-Marathon- Wettbewerb.
Anschließend rafft ein Block mit Liedern romantischer Urlaubserinnerungen an Italien den Geist von Catherina Valente hin. Gottseidank sind die folgenden Mauerjahre mit Beatles, Aquarius, Nina Hagens "Farbfilm" und Udo Lindenbergs "Mädchen aus Ostberlin" erfrischend kurz, was man vom Finale leider nicht sagen kann.
Zwischen choreografischen Eintönigkeiten, wie dem erwähnten Alliierten-Ballett und dem Finale, blitzen vereinzelt Momente von hervorragenden Tanztheater auf, einer Form die dem Friedrichstadtpalast seit Jahren fehlt, obwohl es über viele wirklich hervorragende Tänzer mit Schauspielambitionen verfügt. Freddi Rutz, einer der beiden Choreografen hat ein paar Tänze geschaffen, die aus der gewohnten Präsentation des Hauptstandbeins des Palastes, des Balletts, etwas mehr herausholen kann, als man erwartet. Der archaische Maschinentanz, der Weltkriegstango, und der Tanz, der die Mauerjahre einleitet, sind kleine Perlen im Programm, das ansonsten wie ein Fotoalbum vor sich hin blättert, in das man bereits einmal zu oft hineingeschaut hat.
Ein Wort zur Artistik. Sie ist zum größten Teil gewohnt grausig. Offenbar sind die Leute, die die Artistik aussuchen so zufrieden mit sich, das sie immer wieder nur ihre guten alten Freunde einladen, mit Nummern, die über die Artistenschule kaum herauskommen. Oder sie haben einfach die falschen Verbindungen. Das läuft beides aufs selber heraus. Die Trapezartistik ist ebenso, wie die olympische Hüpf-durch-den Ring-Nummer schon vor wenigen Jahren an selber Stelle gelaufen und zwar nahezu unverändert.
Fatini ist heute lange nicht so atemberaubend wie sein Urahn beim besteigen der Laterne, lediglich die Hulahup-Artistik zu "Roll over Beethoven" lässt etwas Erstaunen aufkommen. Und das es Artisten aus dem kommunistischen China sein müssen, die mittels Trampolin die Dekoration der Berliner Mauer überspringen und sie dann einreißen, erscheint mir auch im Varieté als ein etwas peinlicher Missgriff.
Zu den Sänger kann ich sagen, das sie ihr Sache ganz ordentlich machen. Es sind gute Stimmen, ihre Bewegungen wirken gut choreografiert und im Zusammenspiel mit dem Ballett nur selten peinlich.
Ob sich das Konzept, ein komplettes Produktionsteam zu suchen, das nicht im Palast verwurzelt ist, auszahlt, wird sich daran messen lassen müssen, wie stark das Publikum strömt.
Ich bin ein bisschen froh über diesen Schritt und ein bisschen enttäuscht über das Gesamtergebnis.


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Kommentare

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  • Syrakus 18.04.2001 10:41
    Bewertete diesen Bericht als
    weniger hilfreich
  • karlakolumna 20.09.2000 20:37
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • Ayhan 19.09.2000 11:45
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • mumm 18.09.2000 13:38
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • Sanserai 15.09.2000 12:29
    Bewertete diesen Bericht als
    hilfreich
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