Home > Reisen > Dienstleistungen und Ausrüstung > Reisedienstleistungen > Kreuzfahrten > Reisen auf einer Windjammer > Erfahrungsbericht

Erfahrungsbericht

für Reisen auf einer Windjammer
Nächsten Bericht ansehen "Unter russischer Flagge..."
5 Sterne Segeln ist die Teuerste Art unbequem zu reisen Bericht mit Bildern
50 von 50 Ciao User haben diesen Bericht als hilfreich bewertet Bewertungen ansehen
Empfehlenswert: Ja

Pro Viel Zeit zum philosophieren und Frischlufttanken!

Kontra wie alles Gute im Leben nicht umsonst und manchmal mit Übelkeit verbunden.!

Detailbewertung

Geeignet für:
Windsicherheit:
eigene Könnensstufe:

Der Autor

shirtlifter

Die neuesten Berichte des Autors

„Segeln ist die Teuerste Art unbequem zu reisen“ Frei nach diesem Motto erfüllte ich mir als aktiver Mitsegler einen Kindheitstraum auf dem Segelschulschiff Greif (ex. Wilhelm Pieck).

Allerdings muß man dieses Motto heute schon fast unter Seemannsgarn abtun. Schließlich gibt es an Bord der Greif einigen Komfort. Es gibt genug andere Träume, die wesentlich weniger Erlebnisse bieten und genauso teuer sind (z.B: ein einmaliger Tandem-Fallschirmsprung, bei dem man nicht viel tun kann).

Törn vom 3.- 8. Mai über Himmelfahrt und Muttertag, 170,2 sm (Seemeilen).

Vorabend - Einspleißen

Am Dienstag reisten die meisten Mitsegler an, um sich gute Plätze unter Deck zu sichern und sich schon mal langsam an die schaukelnde See zu gewöhnen. Die erste Nacht an Bord würde kurz werden, da um 6:30 Uhr Wecken ist und der Maschinist die Aufgabe hatte mit dem Schifferklavier für den Anstich des Bierfasses und die Stimmung zu sorgen.

1. TAG – Reise, Reise nach alter Seemannsweise, ein jeder weckt den Nebenmann der letzte schubst sich selber an…

Nach dem traditionellen Weckruf mit der Bootsmannpfeife und einem kräftigen Frühstück begrüßte der Kapitän Wolfgang Fusch die gesamte Besatzung. Danach begann der Tag mit den einschlägigen theoretischen und praktischen Sicherheitsbelehrungen (Bergerolle, Mann über Bord, Feuer im Schiff, Leckabwehr). Die Wacheinteilung nach Steuerbord- und Backbordwache wurde vorgenommen, jedem wurden die wichtigsten Regeln an Bord erklärt. Die Handhabung der Sicherheitsgurte und das Richtige Verhalten in der Takelage wurde in Verbindung mit dem ersten Manöver „Enter auf“ geübt. Nachdem der Zoll und Bundesgrenzschutz von Bord waren kam vom Kapitän das Kommando „Anker lichten“ und die Sklavenarbeit begann. Natürlich verfügt die Greif über einen Motor zum Lichten des Ankers, aber wir waren ja genug Galeerensklaven um die 7,5 Meter Ankerkette und Anker an Bord zu holen, eine viertel Stunde später hatten die Mitsegler einen Drehwurm und der Anker war an Bord. Wir legten ab und begaben uns auf die Reise zum Hafen von Sassnitz (Rügen). Mit halber Motor- und Segelkraft liefen wir mit kaum 3 Knoten Geschwindigkeit und ruhiger See aus. Auf halber Strecke begann mein erster Rudergänger Dienst mit Segelunterstützung und wenig Fahrt, ich schlängelte mich so durch! Vor Rügen fuhren wir noch einige Segelmanöver zum Üben, ich enterte zum erstenmal auf See in die Takelage um das Brahmsegel zu setzen. Zum ausfüllen des Tages kreuzten wir noch ein wenig und dann ging es zur Übernachtung in den Hafen. Abends besichtigten wir noch den SAR Seenotkreuzer der DGzRS um dann in die Kojen zu fallen.

2. TAG - Klar zum Segelmanöver…

Ablegen und Segel setzen noch vor dem Frühstück. Tagesziel der Hafen Ronne (Bornholm). Unter vollen Segeln (12 von 15 Segeln waren gesetzt) mit herrlichem Westwind und fast 8 Knoten Geschwindigkeit bei ruhiger See konnte auch das Großsegel gesetzt werden. Eines der schwersten Manöver an Bord. An diesem Tag hatten wir zu 100% unsere Leistungsfähigkeit erreicht. Am Abend verzehrten wir den frisch geräucherten Dorsch, welcher uns kurz vor Bornholm auf Grund abflauender Winde an die Angel ging.

3. TAG - Landgang auf Bornholm

Bei wechselhaftem Wetter machte uns Krolle-Bolle (der Inselgeist, heute auch synonym für herrliches Bornholmer Softeis) einen Strich durch die Rechnung. Die geplanten Fahrradtouren (halbe oder ganze Inselumrundung) konnten zunächst nicht stattfinden. Kurzerhand wurde ein Bus mit Reiseführung bestellt und besseres Wetter herbeigesehnt. Zwei Dänen meinten kurz vor 9:00 Uhr um 12:00 scheint die Sonne, ungläubig stiegen wir angesichts des Dauerregens in die Busse. Pünktlich um 11:53 Uhr klarte es auf und blieb bis in die Abendstunden sonnig und warm. Einige badeten bei 5 Grad Wassertemperatur an andere fuhren Rad und der Rest ging bummeln in Ronne. Wir übernachteten eine weitere Nacht im Hafen. Die Stammbesatzung nutzte den Tag für einige nötige Reparaturen.

4. TAG - Auf der Back ist alles wohl, alle Lichter brennen…

Es ging zurück nach Thiessow (Rügen), leider hatten wir immer noch Westwind und bei mittlerem Seegang dezimierte sich die Backbordwache auf Grund von Übelkeit doch erheblich. Wir waren also nicht genug aktive Mitsegler und hatten auch nicht die Zeit um seemännisch zu kreuzen. Also blieb nur die Fahrt mit Motor und wenig Segelunterstützung.
Einzige Ausnahme blieb der Gruß an die Küstenwache, es wurden für 45 Minuten kurz mal fast alle Segel gesetzt, was für eine Arbeit! Belohnung war der frische Dorsch, diesmal gebraten. Über Nacht lagen wir auf Anker vor Thiessow. So hatten wir am Ende der Reise noch das volle Wachprogramm mit durchgängiger Ankerwache. Zuvor wurde noch ein Gast mit dem Schlauchboot abgesetzt, auch dafür waren erhebliche Aktivitäten an Bord erforderlich bis das Schlauchboot Seeklar war. Herrliche Aufnahmen des Schiffes von Seeseite waren eine kleine Entschädigung. Allerdings musste nun das Schlauchboot wieder an seinen ordnungsgemäßen Platz, auf Grund der vielen Rollen, über die der Tampen lief, kamen wir bei dieser Aktion an den Rand unserer Kräfte.

5. TAG – Anker lichten!

Nach dem Aufstehen noch vor dem Frühstück kam das Kommando „Anker lichten“ und die Sklavenarbeit begann erneut, diesmal nur mit wenig Unterstützung, da sich der Elan der Mitsegler in Grenzen hielt. Einige hatten schließlich Ankerwache und sorgten nachts für einen sicheren Schlaf. Froh das alle Segel gut verpackt waren und die Fahrrinne in sichtweite begann nun die Revierfahrt ohne Segel. Der Sprühregen machte uns klar: wir sind wieder zu Hause in Landnähe. Es folgte noch ein routinemäßiges Anlegemanöver und wir waren nach Verabschiedung durch den Kapitän wieder Landratten.

LEBEN AN BORD

Zum angesprochenen Komfort gehört ständig heißes Wasser zum Duschen, wovon wir Regen Gebrauch machten. Der Frischwasserverbrauch war dann bei 100 Liter pro Person & Reise. Bei entsprechend mehr Seegang hätten wir wohl weniger verbraucht. Schließlich will sich keiner blaue Flecken beim Duschen holen. Ebenso läuft ständig der Elektrogenerator für Licht, Steckdosen,… Auch die Kojen (Schlafplätze) sind relativ bequem, die Hängematte war während unserem Törn (Reise) eher die freiwillige Ausnahme. Schnarcher können in Zweimannkojen gesperrt werden.

Abnehmen ist auf diesem Schiff und mit diesem Superkoch „Matthi“ unmöglich. Nach alter Seemannstradition gibt es regelmäßige Mahlzeiten (Früh/Mittag/Abend-Vollpansion) und dazwischen immer noch mal Suppe/Brühe, Vesper und Nachtmahl, Getränke vom Tee, Kaffee bis hin zum Bier vom Faß (natürlich nur für die Freiwache). Das Essen ist für alle an Bord gleich und auf diesem Törn gab es nichts zu meckern, Nachschlag ist jederzeit möglich. Die Küche ist ja schließlich die heimliche Kommandozentrale auf einem Schiff, noch dazu wenn man weiß das der Koch u.a. auch als Bootsmann Erfahrung hat

Für die nötige Ordnung an Bord sorgt der Kapitän und die Stammbesatzung sowie die HfKs (Hand für Koje Segler = segelbegeisterte erfahrene Mitglieder des Fördervereins „Rahsegler Greif“).
Jeder Mitsegler (zahlender Gast) hat nun die Möglichkeit sich freiwillig aktiv an allen Arbeiten und Routineabläufen & Diensten an Bord zu beteiligen oder sich entsprechend krank zu melden (bei Übelkeit) oder nur Dienste zu übernehmen die seine körperliche Leistungsfähigkeit hergeben. Wir haben auch ein bisschen getrickst und Dienste getauscht. Es ist nicht jedermanns Sache die Ankerwache in der Nacht zu übernehmen. Auch die Backschaft (Küchendienst) mit Kartoffel schälen war für mich nicht erstrebenswert, so war ich froh als das Kommando „Klar zum Segelmannöver“ kam und jede Hand gebraucht wurde. Nicht jeder fühlte sich in der Lage in die Takelage aufzuentern und beim Segelsetzen/einholen dabei zu sein.
Der Ausguck und der Rudergänger Dienst wurden gern übernommen.

SCHIFFBAU / TECHNIK

Der Windjammer ist eine Segelschiffsgattung, mit dem die letzten großen Segelschiffe zusammengefasst werden, die ab etwa 1870 bis 1925 gebaut wurden (Nachfolger der Klipper, z.B.: typisch die Viermastbark als großer Windjammer).

Die Brigantine / Schonerbrigg Greif ist kein Windjammer in diesem Sinne (mal abgesehen vom allgemeinen Sprachgebrauch). Sie gilt als kleinste aber wohl schönste unter den Rahseglern, aber heute ist man froh über jedes Segelschiff, das noch erhalten werden kann, insofern wird es immer im selben Atemzug mit Windjammern genannt.

Die Brigantine ist ein zweimastiges Segelschiff mit Fockmast (vollgetakelt = rahgetakelt) und Großmast (Brigg). Seit dem 19. Jahrhundert werden insbesondere solche Zweimaster als Brigantine bezeichnet, die am Großmast ganz oder teilweise Gaffelsegel führen. Führt der Großmast nur Gaffelsegel, dann wird die Brigantine auch Schonerbrigg genannt.

Schiffstyp: Schonerbrigg, Stahl, Baujahr 1951
Unterscheidungssignal: DQFD
Heimathafen: Greifswald-Wiek
Eigentümer: Hansestadt Greifswald
Segelfläche: 570m² verteilt auf 15 Segel (5 Rah- & 10 Schratsegel) ermöglichen bis 14 Knoten
Verdrängung: 280 t
Länge über alles: 41,00m
Länge über Deck: 35,40m
Länge über Wasserlinie: 29,15m
Breite auf Spanten: 7,60m
Tiefgang: 3,60m
Höhe Großmast: 27,20m
Besatzung: 7 Personen Stammbesatzung, 8 Hand für Koje Segler, 30 Mitsegler
Stromversorgung: 220V/380V

Klassifizierung in der höchsten Klasse beim Germanischen Lloyd, Fahrerlaubnischein 1991 der Seeberufsgenossenschaft als Ausbildungsschiff/Segelschulschiff
Das Schiff ist nach aktuellen Sicherheitsvorschriften ausgerüstet und mit modernen Navigationsgeräten ausgestattet.

PREISE / INFORMATIONEN / ANMELDUNG

ohne Ermäßigung pro Tag/Person ermäßigt pro T/P
Hängematte: 80,00 € 50,00 €
Pullmannkoje: 83,00 € 50,00 €
Kammernplatz: 90,00 € 57,00 €
Jahresmitgliedschaft: 40,00 € ( Jahresbeitrag) 15,00 € ( Jahresbeitrag)
In den Teilnahmebedingungen heißt es, man müsse Vereinsmitglied sein, das ist unerheblich, der Jahresbeitrag ist eher als Betrag zur Erhaltung des Schiffes anzusehen. Mein Aufenthalt hat ca. 550 EUR gekostet inkl. Vollpension, Getränken und Taschengeld für Landgang.

Tagesfahrt für Einzelbucher
ab Greifswald: 65,00 € pro Tag und Person
ab Kiel und Rostock: 70,00 € pro Tag und Person

Folgende Lehrgänge werden an Bord der Greif durchgeführt, sind aber nicht Gegenstand dieses Berichtes:
1. Sportbootführer See-Ausbildung
2. Sportküstenschifferschein-Ausbildung (SKS)
3. Tauchausbildung

See- und Tauchsportzentrum Greifswald
Yachtweg 3, 17493 Greifswald
Tel: 03834 841424 / Fax: 03834 841423
e-mail: Greif-STZ@t-online.de
Ansprechpartner: Marlies Kummer

Auf den folgenden Links gibt es weitere Infos zum Törnplan und freien Plätzen:
www.sssgreif.de offizielle Seite der Hansestadt Greifswald

www.schonerbrigggreif.de Seite des langjährigen Kapitäns Helmut Stolle

www.rahseglergreif.de Der Förderverein Rahsegler Greif e.V.

FAZIT

Ein Super Erlebnis für alle Frischluftjunkies, zum Ausschlafen oder zum Erleben eigener Grenzen. Trotz allen Komforts ein relativ elementares Ereignis. Kann ich jedem nur empfehlen.
Das Schaukelnde Gefühl verließ mich erst zwei Tage nach Verlassen des Schiffes wieder.

Ich war zum erstenmal:
- auf einem Segelschiff,
- in der Takelage bis zum Royalsegel bei mittlerem Seegang,
also an der Spitze des Fockmastes,
- als Rudergänger am Steuer des Schiffes,
- freiwillig unter Befehlsgewalt des schreienden Bootsmannes an Bord :-)).

Als Bergsteiger war mir der Umgang mit Höhen und Seilen/Tampen und Sicherheitsgurten nicht unbekannt, dennoch ist Arbeiten in der Schwankenden Takelage ein völlig anderes Gefühl.

Das wichtigste ich konnte Energie, Lebensfreude und Kraft für neue anstehende Projekte tanken - Balsam für die Seele.

Bilder

für Reisen auf einer Windjammer
SSS Greif vor Anker
von shirtlifter

Bewerten Sie diesen Erfahrungsbericht

Wie hilfreich ist dieser Bericht für Sie? Leitfaden zum Bewerten

Achtung, dies ist der erste Berichte des Autors

Anstatt dem Mitglied eine negative Bewertung zu geben, bitte daran denken:

  • Helfe diesem Mitglied durch nützliche Tipps

  • Melde einen Missbrauch wegen unerlaubter Kopie oder anderer Gründe an das Ciao Support Team.

Aktiviere die Funktion für negative Bewertungen

Kommentar schreiben

 Kommentar abgeben  Kommentar abgeben

JavaScript sollte aktiviert sein, um eine Bewertung oder einen Kommentar abgeben zu können.

Kommentare

Haben Sie eine Frage zu Reisen auf einer Windjammer? Frage stellen
Vorherige Seite Nächste Seite Seite 1 von 10 | 1 - 5 von 50 Kommentaren
  • Karabienchen 31.10.2007 12:50
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • biene_mary 14.02.2006 18:16
    Bewertete diesen Bericht als
    besonders hilfreich

    Neid! (im positiven Sinne!) Wäre auch was für mich! Aber Ronja, meine Hündin würde sich glaube ich bedanken. Ein super und vor allem sehr informativer Bericht! LG Biene

  • Flo_Grundmann 06.02.2006 18:45
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • f.zuleger 15.01.2006 17:33
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • btants 26.10.2005 14:19
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich

    Sehr schöner und ausführlicher Bericht. Macht Lust auf mehr. LG Birgit

Vorherige Seite Nächste Seite Seite 1 von 10 | 1 - 5 von 50 Kommentaren

Mehr Berichte

für Reisen auf einer Windjammer