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Ni Hao, Wandsbek, Hamburg

Erfahrungsbericht

für Ni Hao, Wandsbek, Hamburg
4 Sterne Hamburgs bester China-Mann?
170 von 170 Ciao User haben diesen Bericht als hilfreich bewertet Bewertungen ansehen
Empfehlenswert: Ja

Pro gutes Essen, anfänglich auch guter Service, tolles Ambiente, Wohlfühlklima

Kontra Service lässt nach

Detailbewertung

Essen & Trinken
Preis-/Leistungsverhältnis
Atmosphäre
Service
Anbindung
Auswahl

Der Autor

knopfi.de Seit 5 Mrz 2003

Na das ist ja mal eine Überraschung: Ein Brilli! Cool und ähm...vielen Dank an die vielen, denen... mehr

177 Mitglieder vertrauen mir

Man-man-chi, liebe Schleckermäuler,

„Ja, ja, ihr werdet noch sehen!“ – Ein Satz, der uns von vielen vorhergesagt, erlebt und sogar versprochen wurde– wir ihn allerdings eher mit einem dezenten, ungläubigen Kopfschütteln ignorierten. Warum auch ernst nehmen? Als kinderloses Paar lebt man sein Leben, plant den Tag, die Woche und den Monat – alles klappt. Die Zeit zieht mit einem, statt nur davon. Perfekt. Fazit des Ganzen: Die vielen Warnungen sind reichlich übertrieben. Mit ein wenig Planung und gutem Timing würde man das Problem der fehlenden Zeit füreinander schon in den Griff bekommen.

Gedankengänge

Jetzt, ein gutes halbes Jahr des Elterndaseins später, sehen wir die Welt ganz anders. Nix ist mit durchgeplantem Durchplanen eines Tages, mal eben ungeplant auf Shoppingtour gehen, ein gemütliches Abendessen beim Griechen reservieren oder die alljährliche Tour zum Bowlingabend durchziehen. Nein, alles ist anders. Jetzt warten wir nicht mehr auf unsere Freunde, sondern die auf uns. Selbst das traditionelle „Guten-Morgen-Schatz-Du-Hast-Geburtstag-​Und-Das-Frühstück-Ist-Fertig-Ritual“ wird nicht nur vom Kleinen übernommen, sondern auch noch in der Kurzform von meiner Frau vollzogen: „Früüüüühstück fertig?“
Die Scheibe dreht sich nun anders herum. Offenbar schneller. Die Stunden vergehen wie im Fluge. Fragen durchströmen einen, die wir im kinderlosen Zustand im besten Fall nach einem sehr langen, harten Arbeitstag gestellt hätten: War es nicht eben noch mitten in der Nacht? Wieso ist der Kleine nicht müde, obwohl ich es schon lange bin? Und: Warum serviert unser Lieblingsitaliener seit Neustem indische Küche?

Ja, wir haben es begriffen. Mehr als das. Sämtliche Bewegungen unserer beiden Häupter gen rechts und links wurden exakt auf den Nullpunkt reduziert – und in ganz krassen Fällen sogar in ein Nicken verformt, nur um den oben erwähnten, warnenden Satz bestätigend zu manifestieren. Ja, wir verstehen jetzt! Ihr, liebe Eltern von anderen Kindern habt es uns gesagt und hattet recht! Ungemein sogar.
Nicht, dass wir unseren kleinen Spatz jemals bereuen würden. Nein, eher im Gegenteil. So ein kleiner Wurm hat ja auch seine fantastischen Seiten. Die schlaflosen Nächte werden im Nu mit einem quietschenden Lächeln bereinigt, das hungrige Quängeln durch ein schlürfendes, süßes Einsaugen der Muttermilch und das Einfach-Nicht-Müde-Werden wird durch den täglichen Erfolg des Entdeckungsdrangs in Vergessenheit geraten. Wer kann einem Baby schon böse sein? Egal, jedenfalls müssen wir (und haben es auch) nun ein neues Fazit setzen: Zu Gunsten des Kleinen ist das gemütliche Leben der Eltern drastisch in den Hintergrund gerückt. Das Ausgehen wird zum Luxus – Zur zeitlichen Schwelgerei. Zum Genussmittel des Alltags.

So nutzen wir die Gelegenheit die sich uns heute bietet: Oma und Opa sind da und bieten sich an, auf ihren Enkel aufzupassen. Heißa, Glück muss man haben! Nicht, dass sie diesen Job nicht schon des Öfteren übernommen hätten, schließlich wohnen sie knappe fünfhundert Meter Luftlinie von uns entfernt, aber heute freut es uns irgendwie besonders. So über die ganzen Feiertage und Jahreswechsel hin sammelt sich so einiges. Dies muss gekauft, umgetauscht, be- und entsorgt, jenes veramtet, eingetütet und erledigt werden. Da liegt der Weg gen Hamburg-City nahe. Und das zu zweit, welch ein Eheglück für uns ïŠ Das muss gebührend gefeiert werden…

Beweg- und Bleibgründe

Dies lässt sich am helllichten Tage wohl am besten in einem Lokal mit guter Küche umsetzen. So fällt meiner Frau die Location ein, die die Chefs ihrer Firma immer nehmen, wenn asiatischer Geschäftsbesuch deutschen Boden berührt. „Weils so schmeckt wie in China!“ Wer kann dies besser beurteilen als ein Chef der gebürtigerweise selbst chinesische Stammbäume um sich herum räkeln hat. Uns selbst sagt dieses chinesische Restaurant namens „Ni-Hao“ mit dem Sitz im Hamburger Stadtteil Wandsbeck nicht wirklich etwas. Meine mir Angetraute muss sich auf den Rat sowie der Wegbeschreibung ihres Arbeitgebers verlassen: „Der beste Chinese Hamburgs!“ Na dann!

Schwer ist das relativ große, ungewöhnlich eingerichtete Lokal nicht zu finden. Es gilt die Wandsbecker Einkaufsstraße geradewegs zu erobern, am Ende findet sich zur Linken ein Geschäftsgebäude mit dem Lokal darin.
Dem Fußfaulen unter uns sei geraten, dass es sich auch bei Hamburg-Wandsbeck um einen Stadtteil der Millionen-Metropole Hamburg handelt, in denen kostenfreie Parkplätze entweder alles andere als vorhanden oder sich zwei Milliarden Kilometer vom gewünschten Standort aus befinden. Der besonders Mutige unter uns darf sein geschätztes Fuhrwerk selbstverständlich auch direkt vor dem „Ni-Hao“ platzieren, blockiert dabei allerdings die viel befahrene Wandsbecker Zollstraße. Genau hier kommt - neben der Speisenkarte - ein weiterer Menüpunkt: Abschlepper oder wütende Autofahrer. Wählen Sie jetzt!
Das „Ni-Hao“ befindet sich unweit vom Einkaufscenter „Wandsbeck - Quarree“ entfernt, an dem sich unter anderem zwei Parkhäuser anschließen. Für relativ günstiges Geld lässt sich hier gut parken. Tagsüber ist es übrigens mehr als wurscht in welchem der Parkhäuser ihr euren Wagen verstaut, am Abend empfiehlt sich allerdings das „P2“, da (welch´ namentliche Herausforderung) das „P1“ nach Geschäftsschluss seine Pforten schließt.

„Ni-Hao“ welch ein ungewöhnlicher Name für ein chinesisches Restaurant. So vermutet man doch die einfallsreichen Klassiker wie „Orchidee“, „Shanghai“, „Jasmin“, „Zum Goldenen Drachen“, „China Garden“ oder sogar „Dschengis Khan“ , die uns Deutschen das Wiederfinden und Empfehlen vereinfachen sollen. Nein, hier hat man sich für eine Alternative entschieden, der ich leider keine Übersetzung entnehmen kann (Google). Zumindest aber hat der Name an sich schon einmal in meinen Ohren einen positiven Eindruck hinterlassen. Selbst mein Hirn ist sowas von dieser Ausnahme überrascht, dass es ausgerechnet diese Bezeichnung unter „Merken“ im Hauptspeicher abgeheftet hat.

Wir betreten das „Ni-Hau“ durch einen Windfang, in dem ein Zigarettenautomat als Prospekt- und Werbeablage sinnvoll genutzt wird. Sogleich befindet man sich im Hauptlokal, das mir wiederum die üblichen Sorgenfalten von der Stirn wischt. Unüblicherweise wirkt hier alles gewollt, gut ausgeführt, durchdacht. So steht ein geräumiges Getränkebuffet dem Eingang gegenüber und wacht über das herüber strömende helle Ambiente des Restaurants. Rund herum befinden sich verschieden große Tische, schwarz bestuhlt. Auch die klassischen runden, drehbaren Exemplare sind vorhanden. Während man sich linker Hand des Eingangs eher in rustikalem, modernem Bistroambiente bedient, arbeitet man offenbar zur Rechten im gehobenen Stil und versieht die Tische mit beigen Tischdecken. Sogar an die Kerzen hat man gedacht. Zwar ideelle, praktische Wiederauffüllbare Dochdinger, aber immerhin im klassischen Spitzkerzendesign. Weit weg von der weit verstreuten Sitte Paraffin -lämpchen zu benutzen.
Das traditionelle Drei-Gang-Menü in Form vom jeweiligen Besteck (Messer, Gabel, Suppenlöffel) liegt parat, ebenso das Wasserglas. Gastronomie-Skeptiker finden den sogenannten „Asiatischen Fächer“ (einen Link zum Selberfalten findet ihr am Schluss des Berichtes) als absolut unhygienisch. Zugegeben, man muss dem Faltmeister schon ein sauberes Händchen wünschen, damit beim vielen Drehen und Wenden der Serviette nicht mehr als nötig an Schmutz ins Spiel gerät. Ein wenig Toleranz und persönlichen Mut muss man aber im Allgemeinen immer in einem Restaurant beweisen. Egal welche Serviettenkunst geboten wird. Mir persönlich gefällt der „Asiatische Fächer“ außerordentlich gut, da sie einem gedeckten Tisch edles Flair verleiht. Da das Falten (im Fachjargon: „Brechen“) etwas aufwendiger ist und Fingerspitzengefühl benötigt, verzichten viele Locations auf diese Form. Wenn der „Asiatische Fächer“ allerdings aufgestellt wurde heißt das, dass sich der Gastronom die Zeit nimmt – für Gast und Flair. In der Tat ist das „Ni-Hao“ der beste Beweis dafür, dass ein gut eingerichtetes Restaurant mit dieser Form noch einen Touch eleganter wirkt.

Ein Kellner, bebrillt, chinesischer Herkunft, stürzt auf uns zu. Hier – in Sachen Empfang und Begrüßung - scheinen sich alle Betreiber solcher Lokale abgesprochen zu haben. Egal ob Pinte, Kneipe oder elegante Sterneküche, hier scheint es nur einen Lehrmeister zu geben, der getreu der Einheits-Parole seinen tüchtigen Gastronomie-Landsleuten lehrt: „Leute, in Deutschland muss einheitlich begrüßt werden! Hinlaufen, fragend dreiblicken, nicht sprechen! Der Besucher wird schon zeigen was er möchte!“

„Ein Platz für zwei?“ - Wenigstens kommt unsere Frage nicht überraschend und der Kellner läuft – immerhin mit einem „Hmhm“ auf den Lippen zu einem niedlichen, quadratischen Zweiertisch im Tischdeckenbereich. „Bitte schön“, lässt er im typischen Asia-Deutsch vernehmen und wird durch einen Mitstreiter - dem gerade eine Handvoll Gläser geräuschvoll vom Tablett plumpsen- in seiner gebrochenen Anfangsrede gestört. Immerhin rettet er seinen Kollegen und hilft ihm dabei, nicht noch mehr Gläser zu verlieren. Nette Geste – dazu noch kollegial.
„Möchten Sie die Jacken abgeben?“ – Er nimmt die gewünschten Stücke entgegen. Woher auch immer er so superschnell die Speisenkarte hervorgezaubert hat, kann ich nur vermuten. Er hatte sie zumindest in der Linken und somit vorbeugend einen Leerlauf seiner Füße gespart. Na ja, man soll ja sparen wo man kann, wieso also nicht auch an Wegen? Schnell noch nach einem Getränkewunsch gefragt und ab die Post.

Beobachtungsposten

Die Speisenkarte - Wieder eine wunderbare Erkenntnis, dass es auch anders geht. Kein gigantischer Lederwälzer mit zig Auflistungen an Enten-, Rinder- und Fischgerichten, die selbst beim zehnjährigen Bestehen des Lokals noch aktuell sind. Es ist übrigens ein Phänomen in der Gastronomie, welches offensichtlich aus dem ausländischen Bereich zu uns rüberschwappte. Umso mehr Gerichte sich auf der Speisenkarte befinden, desto größer ist die Auswahl. Natürlich, aber welcher Gastronom kann sich Kühlhäuser leisten, die zum Bersten gefüllt sind, immer frische Ware, immer vorrätig, da man ja nie weiß, welches Gericht der Gast heute so bestellen wird. Vor allem: Immer identisch und ausreichend vorhanden. Erst als man sich als Gast besann und Lokale mit langweiligen, nie ändernden Karten mied, wurde man auch als Gastronom klug und man änderte die Taktik. Bis auf Ausnahmen in der Szene.

Das „Ni-Hao“ gehört allerdings nicht zu den Bösen der Szene und setzt Akzente. Die Speisenkarte ist ein modernes Büchlein im Hochformat. Ausgestattet mit klaren, fehlerfreien Sätzen und Beschreibungen in deutscher und englischer Sprache, macht es richtig Spaß darin zu blättern. Auch das darin enthaltende Speisenangebot kann sich sehen lassen. Es sind keine Massen an Vorspeisen, Hauptgerichten oder Desserts, dafür aber feine und ausgesuchte Dinge, die nur selten in solchen Etablissements zu finden sind. „Jacobsmuscheln in Sichuanpfeffer“ (€ 8,90), „Auf Teeblättern geröstete Ente in Pfannkuchen“ (€ 4,90) oder „Gebackene Lammcarrees mit frischem Chili und roten Zwiebeln“ (€ 9,95) – Vorspeisen, die bereits beim Lesen die Vorfreude auf ein sensationelles Ereignis verstärken. Auch die Hauptgänge leisten ihren Beitrag: „Trocken gebratene breite Bohnen mit getrocknetem, aromatisch eingelegtem chinesischem Senfgrün-Kohl“ (€ 12,50), „Kaiserlich zubereitete Hühnerwürfel auf Sichuan-Art mit Cashewnüssen und Chilisauce“ (€ 13,20), „Chinesische Chicken-Wings mit Chili“ (€ 12,20) oder „In Öl gekochtes Rinderfilet mit Sichuan-Gewürzen auf Shanghai-Paksoi“ (€ 19,90) sind nur Auszüge der Karte.
Sehr schön finde ich auch die Variante, sich einen ganzen (laut Karte marktfrischen) ganzen Fisch bestellen zu können. So setzt man derzeit auf den Klassiker Rotbarsch (€ 19,90), der traditionellen Lachsforelle (€ 18,90), der berühmten Dorade (€ 19,90) und (mein Favorit) dem Wolfsbarsch (€ 21,50), womit auch das teuerste Hauptgericht der Karte erwähnt wäre. Zu diesen Fischen darf man sich nun zwischen drei Beilagenvarianten entscheiden, die sehr interessant klingen, die Nennung hier aber wirklich den Rahmen sprengen würden.

Was wäre ein chinesisches Lokal ohne seine Menüs? Langweilig? Uninteressant? Dem Bankrott geweiht? Sicherlich. So kennen wir die Standards wie die unverwechselbare „Reistafel“, deren Inhalt mehr an Fastfood-Fritteusen- Fraß erinnert, als an die traditionelle chinesische Küche. Dabei geht es anders, wie mir die „Ni-Hao-Speisenkarte“ glaubhaft machen möchte. Mehrere Menüvarianten stehen zur Auswahl. Das Günstigste (4-Gänge-Überraschungsmenü) schlägt mit € 27,00 pro Person zu Buche, das teuerste (5 Gange) mit € 79,00 (pro Person), wobei letzteres mit einer recht guten Auswahl an Wein und Kaffee behaftet ist (inklusive). Wohl noch identischer ist das sogenannte „Genießermenü“ (€ 27,50/3 Gänge bis € 49,00/6 Gänge). Hier werden die jeweils gewählten Gänge zusammen an den Tisch gebracht und jeder kann vom Gebrachten „naschen“. China-Like eben.

Was die Speisenkarte hervorhebt, zieht das Outfit der Getränkekarte wieder gen Boden. Der Klassiker: A5, Ledergebunden, in Folien eingezogen. Die Auswahl ist recht groß, die Preise ebenfalls. So kostet unser Mineralwasser (Apollinaris) in der 0,2-Literflasche € 2,10, die Null-Komme-Sieben-Variante zerrt mit überteuerten € 6,30 am Portemonnaie. Auch meine Cola (0,4l) lässt man sich mit knappen € 4,00 recht teuer bezahlen.
Überraschend fand ich (übrigens auf dem Weg zum Klo) die vier großspurigen Weinkühlschränke (Chambrair), deren Inhalt mich nochmals dezent zum Staunen bringen. So lauern hier die besten Champagner, fantastische Bordeaux, geniale Eis- sowie deutsche Spitzenwinzerweine auf ihren Einsatz. Unglaublich; das bei einem Chinesen. Offenbar verkehrt hier ein gewisses Klientel, dass sich auf diese Spezialitäten stürzt. Ich bin auf das Essen gespannt.

Hauptgänge

Zurück zum Geschehen.

Unsere Getränke sind gekommen. Man schenkt das Wasser ein, die Cola kommt direkt im Glas. Zudem stellt man uns ein Körbchen mit einer Art Reisplättchen – sozusagen der Gruß aus der Küche.
Wir können uns nicht entscheiden, fragen den Kellner um Rat. Was verbirgt sich hinter dem „Überraschungsmenü“? Er klärt uns auf, erzählt uns, was die Küche zaubert: „Eine Variation aus Salaten, verschiedene Teigtaschen, dann zwei Mal Fleisch oder Fisch mit Beilagen, zum Schluss eine Entensuppe!“ Okay. Warum auch nicht? Wir entscheiden uns für eben das Menü. Kann der Zauberer in der Küche tatsächlich beeindrucken? Ein Überraschungsmenü birgt im Allgemeinen eine kleine Komposition aus den Speisen der Tageskarte, beste Gelegenheit Selbige zumindest in kleinen Häppchen kennenzulernen. Unseren Wunsch keine Nüsse ins Spiel zu bringen nimmt der Kellner nickend auf und geht.

Knappe fünf Minuten später wird die versprochene Variation aus Salaten serviert. Auf vier mittelgroßen Tellern befinden sich Seetang, grüne Bohnen, Rettich und Krautsalatstreifen. Während der Seetang in Knoblauch und Öl schwimmt, ist dem Küchenprofi beim Rettich die Pfeffermühle aus den Händen gefallen. Dieser schmeckt dermaßen widerlich, ging gar nicht. Dafür wiederum ist der scharf angemachte Bohnensalat echt genial, auch die gut inszenierten Weißkohlstreifen haben ihren Reiz. Mischt man die einzelnen Komponenten, ergibt sich kein Highlight, aber eine Variation aus Knoblauch, Öl und scharfem Pfeffer. Das Reisgebäck, welches uns im Vorwege serviert wurde, dämmt den etwas nervigen Nachgeschmack. Die pfefferige Aussage des Rettich werde ich allerdings so schnell nicht los.

Wir bestellen ein Wasser. Dieses Mal eine größere Flasche. Chinesisches Essen macht halt durstig.

Der Tisch neben uns lässt es sich derweil gut gehen. Sechs Personen, die etwas zu feiern haben. Rotwein, nettes Menü, schöne Runde. Sie haben sich für das „ Traditionelle Menü“ (€ 29,00/ Person)entschieden, in dem die Ente eine Hauptrolle spielt. Ein kleines Bisschen muss ich Gang für Gang spionieren, schließlich möchte man ja auch wissen, was der Kellner da alles anschleppt. Während man unsere leeren Vorspeisenteller abräumt (auch das fehlende Besteck ergänzt), fährt ein weiterer Kellner mit einem kleinen Tischchen am Nachbartisch vor. Eine kleine braun gebrutzelte Ente wartet darauf. Er beginnt sie zu tranchieren, in kleine Stücke, legt diese auf relativ große Teller vor. Mittig des Tisches bringt man ein kleines Türmchen in Stellung, dessen Inhalt mittelgroße Pfannküchlein sind. Etwas Sauce dazu, und es kann geschlemmt werden. Warum man nur einen kleinen Teil der Ente servierte, konnten wir erst später herausfinden. Denn die „gelieferte“ Vorspeise bestand aus „Gebratener Entenhaut mit Pfannkuchen“.

Unser Wasser kommt gleichzeitig mit der warmen Vorspeise. Es ist tatsächlich Pasta. Cannelloni um genau zu sein. Sechs Stück, gekocht, bestehend aus drei verschiedenen Varianten und Füllungen. Zudem gesellt man dazu eine Fischsauce, die mich eher an eine flüssige Hackmischung erinnert, aber sensationell lecker schmeckt. Meiner Ansicht nach, kommen die Nudelröllchen locker ohne die Sauce klar. Ob mit der Pulpo-, der Schweine- oder der Gemüsefüllung – alle Varianten schmecken gleich gut. Etwas Salz kann niemals schaden, ansonsten ist die Vorspeise absolut der Bringer. Das bestätigen wir auch dem Kellner, der uns danach fragt. Unsere leeren Gläser bleiben allerdings unbeachtet.

Den Nachbartisch hat es unterdessen hier etwas besser getroffen. Die zweite bestellte Rotweinflasche wird (nicht perfekt, aber zumindest am Tisch) geöffnet und immer wieder nachgeschenkt. Auch die große Wasserflasche dreht ihre Runden. Ein ungewöhnlich erscheinendes Gestell wird in die Tischmitte platziert, das sich später als Rechaud (Warmhalteplatte) entpuppen soll. Auch in Sachen Dekor und Ausstattung setzt man im „Ni-Hao“ Akzente. Man arbeitet nicht mit den altbekannten, rostigen, langen Gitterstövchen, deren Teelichte schon zum Einsatz kommen, wenn die eiskalten Teller darauf platziert werden, sondern mit einem im Vorwege erhitzten, nett verziertem Eisengestell. Das Auge isst schließlich mit. Zeit für die „Im Wok gebratene Ente mit Chili, roten Zwiebeln und Lauch“. Selbige wird auf dem Gestell serviert, während unser bebrillter Kellner sich an das Vorlegen des Reises wagt. Vom Wägelchen aus, Tellerchen für Tellerchen.

Ja, was so zwei Euro an Unterschied ausmachen können. Unser Hauptgang wird weder tranchiert noch vorgelegt. Die mittelgroßen stylischen Platten („Villeroy & Boch“) werden platziert. Schwierig, denn unser Tisch ist quadratisch, niedlich – aber eigentlich viel zu klein für das hier gereichte Geschirr. Unser Wasser wird vom Tisch verband, ebenfalls die Blume; die Kerze hat einen Sonderstatus, sie darf bleiben. Es wird geschoben und gerückt, schließlich muss alles auf den Tisch passen. Auf den Gedanken, den fahrbaren Beistelltisch als „Erweiterung“ zu nutzen, kommt man nicht. Es passt ja irgendwie. Auch auf solch ein nettes Rechaud wie am runden Sechsertisch nebenan wird verzichtet. Heißes Essen wir auf kleinen Tischen offenbar völlig überbewertet. Platz wäre eh keiner da.
Wir verstehen nur bruchstückhaft was der Kellner uns in Sachen „Das-Ist-Auf-Den-Platten“ verklickern möchte, dank des lauten Umfeldes vom Nachbartisch und dem gebrochenen Deutsch. Macht nix, denn was wir verstanden haben, puzzeln wir uns zu recht. Wir entdecken das Rotbarschfilet auf Platte Nummer ein. Dafür, dass der chinesische Kombüsen-Mann die beiden Filets einfach mal eben so draufgelegt hat, schmeckt es gut. Auch das Entenfleisch, welches man an einer Pflaumensauce und Gemüsestreifen reicht, hat seinen Stil, ebenso das in Sojasauce angeschwenkte Hähnchenfleisch. Auch der dazu servierte Reis schmeckt gut.

Ja, genau bei dem „Gut“ liegt der Hase im Pfeffer. Es schmeckt, aber nichts der servierten Speisen grenzt an das Außergewöhnliche; das besonders Leckere. Daran kann auch nichts die im Anschluss an unseren Hauptgang servierte klare Entenbouillon ändern, in der eine große Kerbelwurzel und ein paar Shitake-Pilze schwimmen.

Zahlen!

Nachdem nun unser Tisch nicht mehr wie eine voll beladene Küchenablage aussieht, fühlen wir uns (immerhin satt) wieder wohl. Da sich der Bebrillte weiterhin nicht wirklich für unser vorhin weggestelltes Mineralwasser interessiert, übernehmen wir selbst die Organisation des Herbeischaffens. Viel ist eh nicht mehr drin in der Buddel. Wir beschließen zu zahlen.

Der Kellner eilt herbei, stellt uns ein Glas mit Traubenzucker hin, anbei die Rechnung. Ich reiche ihm meine Kreditkarte, die er akzeptiert. Er muss allerdings noch einmal loslaufen, um das Tele-Cash-Gerät zu organisieren. Was auch schnell geht. Alles geht schnell: Der Bezahlvorgang, das Leisten meiner Unterschrift, das Verschwinden des Trinkgeldes in der Kellnertasche und auch die Verabschiedung. Offenbar war es zu ihm wenig an Tipp oder wie lässt sich das recht schmerzlose „Dankeschön!“ erklären? Kein „Auf Wiedersehen!“, „Noch einen schönen Tag!“ oder wenigstens eine dieser Floskeln. Schade.

Hat man uns vor noch zwei Stunden freundlicherweise die Jacken abgenommen, ist von diesem Service nichts mehr zu spüren. Geschweige von jemandem, der es überhaupt vollziehen könnte. Alle Kellner sind verschollen, bis auf einen. Er sitzt an einem großen runden Tisch und faltet jede Menge „Asiatische Fächer“. Er ist vorbildlicherweise so sehr in seine Arbeit vertieft, dass er keine Zeit hat unsere Jacken zurück zu organisieren. Der Chef des Hauses ist bestimmt stolz auf solch einen intensiv arbeitenden und strebhaften Mitarbeiter.
Als Gentlemen hole ich also die Jacken aus der Garderobe, die sich im hinteren Bereich, nah der Küche, befindet. Einen kleinen Blick in die Kombüse kann ich mir nicht verkneifen. Wer weiß, ob da nicht doch gerade ein Tier zu Wurst verarbeitet wird, welches wir hierzulande lieber streicheln als essen. Zur Beruhigung: Alles ist gut, ordentlich und aufgeräumt. Lediglich die Abräumstation der Kellner lässt den Turmbau zu Babel erahnen, der hier offensichtlich nachgeahmt werden soll. Gott sei Dank ist dieser Guinnesrekordversuch gut vor dem Gast versteckt. Es sei denn, er holt seine Garderobe selbstïŠ. Etwas einsam fühlt man sich dann schon, wenn man von niemandem verabschiedet wird. Wir rufen „Tschühüüss!“. Noch nicht einmal ein Echo mag uns hinausgeleiten, geschweige der Serviettenfaltkünstler.

Die Pointe – Kurz und Bündig

Das „Ni Hao“ im Hamburger Stadtteil Wandsbeck ist wieder einmal der typische Beweis, dass es auch mal anders geht. Weit weg vom klassischen, langweiligen, friteusenverseuchten Klischee-Chinesen weißt man den Schritt in Richtung gehobene Gastronomie und hat so einen Rang auf den ersten Platz der Hamburger Bürgerinnen und Bürger als „Der beste Chinese Hamburgs“ erklommen.

So kann die Innenausstattung des Lokals absolut geschmacklich überzeugen. Freundliches Ambiente, stilgerechte Tischdekoration, gut durchdachte Aufteilungen von Tresen und Showküche. Es gibt immer wieder etwas zu entdecken, Dinge, die der Standard-Chinese um die Ecke vergessen oder gar nicht im Inventar hat.
Auch die Aufmachung der Speisenkarte ist Ordenverdächtig. Endlich einmal keinen superdicken Lederwälzer mit vor fett triefenden, ewig nicht mehr ausgewechselten Papier. Keine gigantische Standard –Auswahl, in der sich wohl jeder China-Mann hier in deutschen Landen identifiziert. Man setzt im „Ni Hao“ auf gehobene Abwechslung, die es offenbar im original Chinesischen Touch zu erobern gilt. Die Auswahl an Speisen ist mengentechnisch gesehen kein Highlight – zu Gunsten der Kühlhäuser und Warenfrische. Dafür besticht der Inhalt. Jacobsmuscheln, Scampi, verschiedene Nudelröllchen, frischen (ganzen) Fisch, verschiedene Fleischsorten werden ansprechend beschrieben – zweisprachig. Eine sehr gute Idee sind die angebotenen Menüfolgen, die teils der chinesischen Esskultur gleichen sollen.

Faszinierend und gleichzeitig auch interessant ist die gigantische Weinauswahl. Gigantisch nicht im Sinne von einem riesigen Weinkeller, sondern eher auf Sorte und Angebotsvielfalt gesehen. So finden sich im angrenzenden Chambrair hervorragende Champagnermarken, Eisweine, Margeaux-Rote deren Inhalt sich mit einem normalen „Besuch beim Chinesen“ kaum bezahlen lässt. Was wiederum auf ein gutes und gehobenes Gästeklientel schließen lässt. Dies wiederum beweist, ein Promi würde niemals eine Klitsche betreten.

Solche Besonderheiten lässt man sich im „Ni Hao“ allerdings auch bezahlen. So liegen die Vorspeisen preislich zwischen € 5,00 und € 10,00, die Hauptgänge zwischen € 11,00 und € 22,00; Menüs beginnen ab € 27,50 pro Person. Auch ein „Business – Lunch“ wird zwischen 12.00 und 15.00 Uhr angeboten und kostet € 7,00 bis € 10,00 (in Form eines kleinen Menüs).
Getränke sind es, an dem der Gastronom im Eigentlichen verdient. Hier im „Ni Hao“ lernt man die Verdienste allerdings kennen. So zahlt man für eine Cola im 0,4-Format stolze vier Euro, ein Mineralwasser 0,75l ist mit € 6,30 zu haben. Günstig ist das nicht. Aber: Ein besonderes Ambiente muss finanziert sein.

Das Ambiente eines Lokals ist natürlich nur eines von zig Puzzle-Teilen die ineinandergreifen müssen, damit ein perfektes Bild entsteht. Zum Beispiel auch der Service. Dank des guten Rufes kann man im „Ni Hao“ von einer doch etwas besseren Bedienung ausgehen als bei der Konkurrenz. Schade nur, dass es nur durchschnittlich der Fall ist. Anfänglich ist unser Kellner aufmerksam (nimmt uns die Jacken ab, lässt mich kostenfrei ein Telefonat führen), doch umso später der Tag, desto vergesslicher wird er. Es werden nur noch die Standards durchgeführt – Wasser nachschenken, einen Wein empfehlen, eine Empfehlung Zwecks Essen geben oder sogar uns die abgenommene Garderobe wiederzubringen stößt hier auf Ablehnung. Schade. Selbst die Verabschiedung fällt nur einseitig aus. Für ein Restaurant dieser Preiskategorie einfach nur schade.

Das Essen war gut. Auch hier wieder eine leichte Überraschung, die mich nach hinten federt. Wie gesagt, das Essen hat geschmeckt, aber dass es sich hierbei um das beste chinesische Happa-Happa Hamburgs handelt könnte ich jetzt nicht wirklich glauben. Etwas besser als der Durchschnitt.

Und somit gelange ich an einen Punkt, der mich mächtig ins Zweifeln bringt: Der Bewertung. Pluspunkte sammelte das „Nia Hao“ in Sachen Ambiente, Hygiene und Angebot. Das Essen ist zwar gut, aber (nur) im höheren Durchschnitt angesiedelt (zumindest unser Menü), die Bedienung sogar darunter. Dass die Höchstwertung für das „Ni Hao“ nicht zutrifft dürfte klar sein. Auch bei der Vier-Sterne-Bewertung hadere ich mit mir. Da jedoch drei von fünf Punkten als faire Bewertung einfach nicht gerechtfertigt und somit zu tief wären, belasse ich es bei einer Bewertung von vier (abfälligen) Sternen. Schade, dass man im „Besten Chinesen Hamburgs“ nicht so wirklich seinen Erwartungen gerecht wird. Dennoch, unser Babyfreier Tag hat sich gelohnt. Denn es kommt bekanntlich auf die Zweisamkeit an…

Sonstige Infos

NI HAO
Wandsbeker Zollstraße 25 - 29
22041 Hamburg
Tel. 040 - 65 20 888
Fax. 040 - 65 20 885
Email: info@ni-hao.de
Web: www.ni-hao.de
Öffnungszeiten: Mo-So: 12.00 – 23.00 Uhr
Akzeptierte Zahlungen: ec, Mastercard, Visa, Amex

PS: Wer den „Asiatischen Fächer“ falten möchte, hier der Link dazu: http://www.gastronomiebedarf-krieger.de/​Servietten-Falten/Japanfaecher.html


©knopfi.de´2012


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Kommentare

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  • christianpirker 29.05.2012 10:47
    Bewertete diesen Bericht als
    besonders hilfreich

    toller Bericht!

  • Whitesnake83 29.05.2012 07:30
    Bewertete diesen Bericht als
    besonders hilfreich

    1A und BH.

  • allegra1805 07.05.2012 06:24
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • MonaR 29.04.2012 17:47
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • spar_ass 25.04.2012 18:41

    bei einem solch ausführlichen bericht, mit sovielen infos und solcher qualität gibt es nur eines... ich muß wieder kommen

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