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Marokko - Marrakech - ein armes und doch so reiches Land

5  20.05.2012

Pro:
1001 - Nacht und eine andere Welt mit Düften, Freundlichkeit und Eindrücken

Kontra:
die ersten zwei Tage ist man in den Gassen der Souks verloren

Empfehlenswert: Ja 

Boehmster

Über sich: Rock und auch Roll

Mitglied seit:16.09.2004

Erfahrungsberichte:14

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 34 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Marokko - Eine dunkle Wolke über einem armen und doch so reichen Land

(Mein Besuch in Marrakech im April 2011 – die direkte Konfrontation mit dem Terroranschlag auf das Arcana-Café am Jemaa el Fna am 28.April 2011 und die Auswirkungen auf Marokko)

Vor ein paar Monaten saß ich zur Mittagszeit im Arcana-Café, genoss den kühlen Wind des späten Aprils, einen Marokkanischen Minztee und die gedämpften Geräusche des Jemaa el Fna, dem belebtesten Platz in Marrakech unter mir. Um mich herum ein paar Marokkaner und viele Touristen, neben mir Aziz, ein marokkanischer Freund. Träge Kellner in ausgewetzten spätkolonialen Anzügen wirkten teilnahmslos. Ein ganz normaler, friedlicher Tag im vom sonst so reform- und revolutionsgeschüttelten Nordafrika dieser Tage. Stabilität und Sicherheit gelten als Merkmale des erneuerten Marokkos. Die allgegenwärtige Armut und das Missverhältnis an Gleichberechtigung werden, sogar vom König, klar benannt und als Auftrag zur Modernisierung formuliert - Darauf lässt sich doch ein Staat aufbauen, nicht demokratisch, aber doch parlamentarisch-monarchisch, mit einem satten Schuss Religion, die jedoch in der Tradition existent bleiben muss, um Beständigkeit zu gewährleisten. Die Unruhen der Nachbarländer schienen die Marokkaner mit einem noch größeren Stolz auf das bisher Erreichte blicken zu lassen, wurden sie doch seit der Krönung des Königs Mohammed Ben Al-Hassan 1999 für die Liberalisierung, westliche Öffnung und gesellschaftlichen Neuerungen von den Nachbarstaaten und den Staaten der Arabischen Liga argwöhnisch beäugt. Genau diese behutsame Modernisierung des Staates, ließ Marokko auch in den Zeiten des „Arabischen-Frühlings“ stabil bleiben.

Einen Tag, eine Bombe und 14 Tote später, saß der Schock tief im Sicherheitsgefühl der Menschen und das Konstrukt eines modernisierten Staates schien kurzzeitig auf der Kippe zu stehen. Eine Tat, die nicht nur den Jemaa el Fna um ein Aussichtscafé ärmer machte, sondern vielmehr eine Bombe in jedem einzelnen Marrakechi zündete und etwas Stolz aus ihnen herausriss.
Doch ganz in der Art der gastfreundlichen Marokkaner, wurde nicht ein Fensterladen nach dem anderen geschlossen. Vielmehr gingen die Menschen weiter offen auf die Touristen zu und sprachen mit ihnen. Immer wieder kam ich mit Einheimischen ins Gespräch und jeder schien sich persönlich für den Anschlag verantwortlich
Bilder von Marrakesch im Bild
  • Marrakesch im Bild Blick auf den Jemaa el Fna
  • Marrakesch im Bild Flughafengebäude
  • Marrakesch im Bild Koutoubia-Moschee
  • Marrakesch im Bild Altstadt
Marrakesch im Bild Blick auf den Jemaa el Fna
Blick auf den Jemaa el Fna
zu sehen und entschuldigte sich dafür. Welche Größe. Statt sich damit zu besänftigen, Schuldige zu vermuten und Hypothesen aufzustellen, zeigte sich jeder Einzelne verantwortlich für seine Stadt und sein Land. Ich hätte allen gerne auf die Schulter geklopft und gesagt: „Der Anschlag war nur ein in die Irre Geleiteter, ihr alle aber seid stark. Nutzt diese Stärke, die vielen westlichen Ländern mittlerweile in einer anonymisierten Gesellschaft fehlt.“

Zunächst versuchte mich Aziz noch zu beruhigen, dass es eine Gasflasche war, die durch einen unvorsichtigen Gebrauch im Café explodiert sei. Doch mit seinen wiederholten Beteuerungen, dass es sicherlich kein Anschlag gewesen sei, formulierte er seine Zweifel selbst. Nur ein paar Stunden später sprach bereits der Innenminister von einem Anschlag und die Anzahl der Toten wuchs weiter. An diesem späten Nachmittag war der Jemaa el Fna voller Menschen, die sich selbst ein Bild von dem Unglück machen wollen. Endlich hatten die Helfer es geschafft, in dem arabisch-wilden – und dabei ziellos wirkenden – Aktionismus eine Absperrung aufzubauen. Mopeds knatterten, Menschen drängelten sich wie bei einem Rockkonzert in die erste Reihe, um die Spurensicherung in den weißen Overalls im, um ein Stockwerk tiefergelegten, Café zu beobachten. Die Stimmung knisterte, war merkwürdig elektrisiert und aufgeheizt. Ein Funke hätte eine Massenhysterie auslösen können. Bis auf unübliche Rangeleien blieb es glücklicherweise ruhig. Fassungslosigkeit spiegelte sich in den meisten Gesichtern wider. Viele Männer, mit denen ich sprach hatten eine zitterige Stimme – vor Wut, vor Trauer, vor dem was sich nun verändern würde, nur hatten sie keine Angst vor weiteren Anschlägen.

Das war anders bei vielen Touristen. Nicht, dass die Altstadt nun wie leergefegt war, dennoch entschlossen sich viele der, gerade französischen Touristen, aus den Bettenburgen vor den Toren der Stadt ihren Urlaub vorzeitig abzubrechen. Sondermaschinen wurden nach Frankreich eingesetzt.

Nach dem Freitagsgebet saß ich mit der 12-köpfigen Familie von Aziz um eine große, flache Tonschüssel, gefüllt mit Couscous und gedünstetem Gemüse. Alle griffen mit ihrer rechten Hand in den Couscous und rollen diesen geschickt zu kleinen Bällchen. Die Mutter, als Herrscherin über das Essen, teilte das kleine Stückchen Lamm unter allen Familienmitgliedern auf, sodass jeder nur ein paar Fasern erhielt. Im Hintergrund lief gerade die Hochzeit von Kate und William. Unwirklich in diesem einfachen Haus ohne Teppich, mit grauen, kargen Betonwänden, einer alten Couch und einem kleinen Tisch.
„That’s not good“, sagte Aziz und meinte damit den Abzug der finanzstarken Touristen und den ausländischen Investoren. Fast nebenbei erzählte er, dass er nun als Immobilienmakler einen dreimonatigen Zwangsurlaub machen müsse, bis sich die Lage wieder beruhigt hätte, bis also die Masse den Anschlag wieder verdrängt und vergessen hatte. „He“, und damit meinte er den Bombenkurier, „really brought the roof down on our heads”. Ein passgenaues englisches Sprichwort. Aziz hatte einmal mehr die Situation auf den Punkt gebracht. Er lächelte mild. Um aber Aziz zu kontern, konnte ich nur mit Asterix & Obelix, den französischen Galliern antworten: „Hoffentlich fällt uns der Himmel nicht auf den Kopf.“ Denn genau diese Angst vor dem Unbekannten und Ungewissen hätte Marokko schwer zusetzen könne – von außen. Von innen heraus zeigte sich jedoch schon, dass der Attentäter sein Ziel nicht erreicht hatte. Als ich noch Tee und Gewürze für Zuhause kaufte, sah ich auf einem Teil des Jemaa el Fna ein rotes Fahnenmeer mit grünem Stern und Handzettel mit Parolen. Die Marrakechi hatten zu Anti-Gewalt Demonstrationen aufgerufen und viele waren gekommen. Männer und Frauen, Alte und Junge, Verschleierte und westlich Gekleidete – alle demonstrierten eine gesellschaftliche Einheit und machten ihrem Willen zu Gemeinsamkeit, Offenheit und Erneuerung lautstark deutlich.

Mein guter Bekannter Aziz brachte mich in seinem Auto, das in Deutschland vor 15 Jahren aus dem Verkehr gezogen worden wäre, zurück zum Flughafen, da mein Urlaub sich dem Ende neigte.
„M-6 is in town“, sagte Aziz. Er deutete auf die Soldaten und Polizisten, die in scheinbar zentimetergenau nachgemessenem Abstand voneinander über die kilometerlange Ausfallstraße zum Flughafen zu beiden Seiten eine Art Allee der ausführenden Gewalt bildeten.
‚M-6 muss wohl so etwas wie eine Spezialeinheit sein‘, dachte ich. Kein Wunder, nach dem Anschlag auf das Arcana-Café, da gab es bestimmt viel zu sichern und zu untersuchen. „Look, ici! Il y a le roi.“ Trotz seines kritischen Wesens, auch dem Staat gegenüber, verwechselte er beim Anblick eines uns passierenden Autokonvois unsere Hauptkommunikationssprache. Da irgendwo, in einem der vielen ungewohnt blitzend-geputzten Autos, saß also der Marokkanische König, der in Marrakech einen Palast besaß. „M six“ (Em-Sis), sagt mein Bekannter wieder und deutete auf die sich entfernende Blechkaravane.
Mit dem weichen französischen Wort für „sechs“ klang es schon gar nicht mehr so hart, wie eine Spezialeinheit. Das französische ‚M-6‘ war der etwas technisch klingende Kosename für den König Mohammed VI. Beeindruckend, was der König, der gleichzeitig der höchste religiöse Diener des Staates und des Volkes ist, bei jedem einzelnen Marokkaner bewirkte. Selbst weltoffene, teilweise staatskritische Marokkaner würdigten die Person und die Leistungen des Mohammed VI.
Das mag zum einen am machthungrigen, gewaltbereiten und verschwenderischen Vorgänger, Hassan II. gelegen haben, dass ein Durchatmen mit einem neuen König durch das Land ging, aber vielleicht war das Volk gerade bereit für den beginnenden Umbruch.

Zurück in Deutschland wurde dem Anschlag wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Im Gegensatz dazu waren die Hochzeitfeierlichkeiten des Britischen Prinzenpaars noch immer in aller Munde. Zum einen ein Beispiel für die Medienmaschinerie, der wir tagtäglich ausgesetzt sind, zum anderen jedoch ein großes Glück für Marokko. Denn dadurch war der terroristische Anschlag, der mit al-Qaida in Verbindung gebracht wurde, nicht in den Köpfen der westlichen Welt verankert worden. Aziz verkauft bereits wieder rege Immobilien an europäische und amerikanische Investoren und das Tourismusgeschäft hatte nicht die erwarteten Einbrüche zu verzeichnen. Ein großes Glück für Marokko, die doch mit den ausländischen Devisen einen Teil ihres Fortschritts realisieren können.


Infokasten:
Sollten Sie einmal einen ungewöhnlichen Urlaub, zwischen 1001-Nacht und einem Besuch des Hamburger Hauptbahnhofs um 17 Uhr am Freitag suchen, begleitet von Freundlichkeit, Düften und Eindrücken, dann fliegen Sie doch von z.B. Bremen in dreieinhalb Stunden ins Herz von Marokko, nach Marrakech – mit Rynair (im Sommerhalbjahr) zu einem lächerlich günstigen Preis. In den Souks (verwinkelten Gassen der „Fußgängerzone“ [wie wenig passt dieser Begriff zu den Souks ;-]) finden sich Riads (Familienhotels mit lichtdurchfluteten Innenhöfen, die einen direkt vom wirren Treiben auf den Straßen in eine entspannte Atmosphäre tragen). Diese sind für einen günstigen Preis z.B. über Booking.com zu buchen.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
winnymaus

winnymaus

20.05.2012 19:23

BH auch von mir! LG

whitehero

whitehero

20.05.2012 16:19

Super Bericht! BH

BefamousV

BefamousV

20.05.2012 16:08

bh

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