Tag 1
Der erste Tag der Marokko-Tour stand ganz unter dem Motto "Mensch gegen Maschine", was dem neuen elektronischen Spielzeug
von Herrn H. geschuldet war, das mit einer sexy Frauenstimme den Weg ansagt. Zunächst aber erlebten wir das seltene Vergnügen den Anfang eines Autobahnstaus mitzuerleben, denn zumindest ich hatte mich immer gefragt wie es eigentlich am Anfang eines Staus aussieht. Jetzt weiss ich es: Ein Caminganhänger gerät ins Taumeln, dreht sich um 180 Grad und bleibt dann halb schräg auf der Autobahn stehen. Fünf nette Franzosen springen aus ihren Autos und versuchen das Ding schnell von der Autobahn zu schieben. Ihre Autos blockieren die herbeieilenden Sapeur Pompiers und waehrend die zu dritt das blutende Knie eines Kindes versorgen, bremsen die Schaulustigen den übrigen Verkehr ab. Unseren Navi lies das kalt. SIE bereitete ihren ersten diabolische Schachzug in Lyon vor. Und zwar entschied das Ding, das wir keinesfalls nach Orange-Marseille weiterwollen, sondern in das Zentrum von Lyon. Ich kannte die Strecke jedoch sehr gut und musste gegen die Technokraten anschreien die unbedingt ins Stadtzentrum wollten, weil ein Navi immer recht hat. Das Ergebnis: Wir nahmen direkt Kurs auf die Leitplanke in der Mitte der Strassenbiegung und im letzten Moment riss Herr B. das Steuer in Richtung Orange-Marseille. Eine halbstündige Diskussion über ausgerechnet meine krankhafte Technikfeindlichkeit entbrannte. Die Strecke Lyon-Nimes verlief relativ ereignislos und kurz vor Perpignan entschieden wir in Port au Neuville, einem kleinen Industrieschifferkaff zu übernachten. Von dem sanften Dieselmotor - der wohl die Stadionflutlichtbeleuchtung des Kahns, der auf unseren Bus strahlte, mit Strom versorgte -,"gelegentlich" vorbeipötternden Mopeds und öligem Miesmuschelgeruch wurden wir in den Schlaf "gewiegt".
Tag 2
Flugs aufgestanden, zwei "Baguettes l´Ancienne" gekauft und ab nach Granada... Dachten wir... Vielmehr stellten wir kurz hinter Perpignan fest, dass unsere Wasserpumpe gar nicht funktionierte. Als wir den vermeintlich leeren Tank befuellen wollten sickerte ploetzlich eine Wasserlache in den Bus. Irgendwelche Schlaeuche lagen frei herum und aus ihnen läuft Wasser. Herr H. und Herr B. fummelten fachmännisch daran herum, waehrend ich nach jungen Französinnen Ausschau hielt. Während der Reparatur gingen zwei Schlauchschellen - oder wie das Zeug heisst - kaputt und ich rettet meinen Ruf, indem ich kurzerhand eine Schelle an der Luftdruckpruefstation der Tankstelle abmontierte und so die Pumpenreparatur zum Abschluss brachte.
Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch keinen "Affen" bekam, wollte ich die Beruhigungsmittel die mit Frau K. vor der Abfahrt
zusteckte und die eigentlich fuer Flugreisende gedacht waren, mal ausprobieren.. Unter 1 1/2 von den Dingern tat sich nix, ausser das mir der Verlauf der Reise bis Valencia unter dem diesigen Himmel Ostspaniens erstaunlich egal war. Kurz vor Lorca besann ich mich dann doch nochmal auf meine Kerntugend, kaufte zwei Heineken und übereredete unsere Navi-Zicke uns an einen Stausee in der Nähe von Baza zu bringen, an dem wir dann auf einer stockdunklen Schotterpiste mit Blick auf ein beschauliches Umspannwerk unser Lager aufschlugen. Die Location wird demnächst bei www.wildcampen.net auftauchen, ist jedoch nichts für Leute die Blair Witch Project gesehen haben oder vor serbischen Schlächtern und rumänischen Räubern Angst haben. Zumindest waren das die Schreckensgespenster die in meinem verwirrten Kopf umgingen, bevor mich die letzte Haelfte meiner beiden "Anti-Affen"-Tabletten in einen unruhigen Schlaf begleiteten.
Tag 3 und 4
Kurzfristig haben wir uns entschlossen in Granada die Alhambra oder - wie ich es nannte - das "Ford Granada" anzuschauen. Leider verleideten einem die tausende Oma-Touristenbusse schnell die Lust. Ein kurzer Stadtbummel und dann weiter nach Algeciras zu der Faehre die uns auf den afrikanischen Kontinent bringen soll. Entlang der spanischen Küstenstrasse gibt es zahlreiche Tankstellen an denen die Fährgesellschaften Tickets nach Tanger und Ceuta verkaufen. Es lohnt sich hier mal nach Promotionaktionen der Gesellschaften zu schauen. Wir zahlten fast 100 Euro weniger als gedacht, Algeciras-Tanger hin und zurück 265 Euro fuer drei Personen und Campingbus. Die Nacht auf einem sauteuren spanischen Campingplatz ist nicht weiter erwähnenswert, wohl aber der morgendliche Dialog mit deutschen Touristen, die mich wiederholt fragten ob wir "koa Wind" dabeihätten und es nicht fassen konnten, dass wir "ohne Wind nach Marokko" fahren. Später fand ich heraus das sie Surfbretter meinten...
Die Fähre nach Tanger ist in der Regel unpünktlicher als die nach Ceuta, braucht laut Fahrplan 2 1/2 Stunden und in echt
knapp 3 1/2, ist aber deutlich billiger. Nach drei Stunden Fahrt sahen wir Tanger am Horizont: Der afrikanische Kontinent, wir hatten ihn erreicht. Ein Lärm von Tröten und Sirenen drang auf uns ein, die Sonne stand schon tief und ein Gewusel von Leuten war erkennbar. Ich war mehrmals vor Tanger, den Einreiseformalitaeten und den sog. Guides gewarnt worden, von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie William Burroughs in "Naked Lunch" und Daniel, einem Marokkokenner, der noch heute Bauchschmerzen bekommt, wenn er an Tanger denkt. Es war jedoch halb so schlimm: Die Fährgesellschaft hatte uns schon Einreiseformulare gegeben die wir ausgefuellt hatten, alle mit demselben Beruf "technicien"... Diese gibt man zusammen mit den Reisepässen dem putzig uniformierten Grenzbeamten und man bekommt einen Einreisestempel. Danach wird eine Fahrzeugeinfuhrgenehmigung ausgefüllt "la carte vert" die man sehr oft braucht. Ein netter kleiner Beamter brachte uns zur Polizei, die registrierte unser Fahrzeug - unbedingt den Fahrzeughalter-Reisepass und Fahrzeugpapiere abgeben - und dann mussten wir fuer 870 Dirham = ca. 76 Euro eine Marokkofahrzeughaftpflicht abschliessen. Nach der läppischen Frage nach zu verzollenden Sachen: "Vous avez pistolas?", gefolgt von einem Lachen, durften wir ziehen. Für einen der noch nie Europa verlassen hat ist Tanger ein Schock. Hunderte von Menschen rennen ohne zu gucken über die Strasse, schreien in ihr Handy, diskutieren laut mit der Polizei oder sitzen erregt in Cafes rum. Aufgehetzt vom unserem Buchreiseführer von Erika Daerr machten wir, dass wir aus Tanger wegkamen, auf nach Tetouan und zu einem Campingplatz in Martil, wo wir freundlich empfangen wurden. Der Wächter der Strandpforte - Mustafa mit Namen und Fan von Pierre Littbarski - wurde schnell mein Kumpel und wir debattierten auf Französisch ueber mauretanische Fluechtlinge, Marokko an sich und die Weiber. Dabei hielt er mich wohl für
ein bischen doof, da er mir mehrmals erklärte wo Nordafrika und Europa liegen, unbeachtet der Tatsache, dass wir es ja auch ohne ihn nach Marokko geschafft hatten. Die philosophische Einsicht, die er mir am Strand mit auf den Weg gab war folgende:
Eine Frau und Kinder, dass wäre was Feines, aber irgendwie auch ein Kreuz, wobei er sehnsuechtig auf den Horizont schaute und Fortuna rauchte...
Tag 5,6 und 7
Kurz bevor wir in Martil aufbrachen erzählte mir Mustafa noch, dass am Strand das Militär Streife geht, um die Fischer davon
abzuhalten mit ihren Booten einfach nach Spanien abzudüsen. Für seine Gesellschaft bat er um eine Flasche Rotwein und eine weitere Fortuna, um sie dann zu verstecken und in sein Zimmerchen mitzunehmen. Wir fuhren eine Serpentinenstrasse nach Et-Tetla-de-Oued-Laou auf einen weiteren Campingplatz. In einem Restaurant bekamen wir unglaubliche Mengen frittierter Calamari und Scampi mit Fritten und wurden unsere Meinung nach beim Preis total beschissen. War zwar weniger als drei McMaroc!!!-Menues, aber irgendwie viel im Vergleich zum Preis fuer einen Whisky Marocainne - Pfefferminztee - der 3 Dirham kostet. Am Strand lernte ich einen neuen Mustafa (sic!) kennen, der ununterbrochen Kif rauchte und die Vorteile von Kif und Haschisch aus dem Rif-Gebirge pries. Da wir alle clean sind, interessierte uns das Verkaufsgespräch nicht, und wir schauten den Fischern bei ihrem merkwürdigen Treiben zu. Dann ab ins Auto und nach Fes ueber die Gebirgsstadt Chefchaouen... Hier scheinen alle Marokkaner aus der Kyfhäuserstrasse in Köln geboren zu sein. Auf meine Frage: Haschnu Smitak - Wie heisst du - antwortet ein Asi in Nike Jordans: Smiti BrauchenRauchen! Überhaupt bekamen wir 25mal frisches Haschisch oder Kif angeboten... Netter Ort!
Da wir aber auf Extrem-Sightseeing-Tour sind - im vierten Gang durch Marokko!!! - fahren wir wie die Irren weiter nach Ouezzane und dann auf eine von Erika Daerr - dazu spaeter - und von Herrn H. favorisierte "Erlebnisstrasse" mit Stausee, wo man laut Stefan baden koenne soll. Die abgewrackte Geröllpiste kann sich keiner vorstellen... Wir vergurkten uns total auf Strassen, die nicht mal unsere ultragenaue Karte kannte, und die GPS-Koordinaten brachten uns ausser einem wilden Zahlenwirrwarr auch nicht weiter. Es wurde dunkel und wir kamen in einen Ort, der gleichzeitig eine Sackgasse war. Plötzlich tauchte ein Sammy-Davis-Jr. Marokkaner auf und fragte auf Franzosisch wo wir hinwollen. Eine Sekunde spaeter stehen 45 Marokkaner aus drei Generationen um den Bus rum, die mit Brocken Deutsch, Englisch, Arabisch und Französisch auf uns einlabern. Ich kriegte im Busheck voll den Affen und überall an den Fenster tauchten grinsende Gesichter auf. Ich dachte: "Gleich grillen die uns auf dem Dorfplatz!", als Herr B. mit Sammy-Davis-Jr. ausmacht, dass wir bei ihm schlafen können. Ich schrie ihn an weiterzufahren, wohl ein kleiner Hardcore-Kulturschock, aber man kann sich kaum vorstellen wie 45 Marocs im Dunkeln im Rif-Gebirge wirken. Nach viel "Salam!" und "Ouacha!" und "Au revoir!" fuhren wir weiter durch dunkle Pfade. Als wir ein paar saufende Maroks an einem Mercedes - ein Fahrzeug zu dem die Marokkaner ein fetischistisches Verhältnis haben - am Wegesrand sahen, stellten wir uns ein paar Meter weiter dazu. Blair Witch Project 2...
Am nächsten Morgen weckten uns ein paar Kühe und Hirten und wir fuhren weiter. Der "idyllische" Stausee war natürlich vom
Militär bewacht, was Stefan "vergessen" hatte zu erwähnen. Über eine Buckelpiste tasteten wir uns an Fes heran. In Spanien hatte wir Bonbons und Weingummi fuer die "Pänz" gekauft, die wir an die Kinder verteilten, die uns beim Frühstueck neugierig und ängstlich beäugten. Diese schienen über eine Art telepathisches Fernmeldesystem zu verfügen, denn aus jedem Grashalm schoss ein süsses Kindergesicht - halb in gefälschten Markenprodukten, halb in Trachten gewandet - hervor. Ich verteilte "Kamelle" und als sie zu gierig wurden rief ich: "Der Prinz kütt!" und die Kinder zuckten zusammen und nahmen reißaus. So wirkt Kölsch auf Marokkanerkinder.
Die Strasse wurde besser und wir erreichten tatsächlich Fes, den Campingplatz Diamond Vert und haben nun einen Pool, nicht ohne den einen oder anderen Nervenzusammenbruch. Morgen gehts in die riesige und laut Daniel wunderschöne Medina von Fes. Erika Daerr ist uebrigens die Autorin unseres Standardreisefuehrers und jeder deutsche "Marokko-Kenner" den wir bisher trafen, kannte "uns Erika" angeblich, da alle sie im vertraut-tuenden Stil mit Vornamen nannten. Herr B. ging absichtlich nicht auf das Name-Dropping ein und auch ich versuchte die Traveller-Schnalle - die "den Mick" - ja, Mick Jagger - in der "geilen Location" Agadir getroffen hat und "Erikas" Reiseführer kritisierte - so gut wie möglich zu ignorieren. Deutsche Traveller, ein Volk fuer sich!!!!
Ehe ich bei Dir nach Marokko komme, muss ich mich durch viele Schreibfehler und Fakten quälen, die mich nicht interessieren. Das hier sollte ein Erfahrungsbericht über Marokko (!) sein.