Marienhospital, Dortmund

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Marienhospital Kirchhörde Psychiatrie

5  05.09.2000

Pro:
Kompetenz, freundliche Einrichtung

Kontra:
lange Wartelisten

Empfehlenswert: Ja 

kimbalee

Über sich:

Mitglied seit:22.07.2000

Erfahrungsberichte:216

Vertrauende:36

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 8 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Das Marienhospital in Dortmund Kirchhörde ist eine der wenigen kompetenten Kliniken in Dortmund, die fachlich auf psychisch kranke Menschen ausgerichtet ist.

Wenn ich sie mit den anderen mir bekannten Psychosomatischen Kliniken in Dortmund vergleiche, schneidet sie am besten ab.

Während das Landeskrankenhaus in Dortmund Aplerbeck und das evangelische Krankenhaus in Lütgendortmund aus riesigen anonymen Gebäudekomplexen bestehen, in denen man sich alleine und verloren vorkommt, hat das Marienhospital eher den Charakter eines Kurzentrums.

Es ist im Süden von Dortmund in einer sehr angenehmen Wohngegend gelegen und in grünes Park- und Waldgebiet eingebettet.
Ein Teil des Parks gehört zum Klinikgelände und kann von Patienten und Besuchern für Spaziergänge genutzt werden.

Durch die etwas außerhalb gelegene Lage findet der Besucher hier problemlos einen Parkplatz unweit des Hauses, schwer erkrankte Patienten dürfen mit dem Auto direkt bis vor die Eingangstür gefahren werden.

Das Gebäude selbst hat nur wenige Stockwerke und ist eher nach hinten hinaus in die Tiefe gezogen, so daß man beim ersten Anblick nicht gleich erschlagen wird.

Dies ist besonders wichtig für die Patienten, da viele von ihnen ungern stationär gegen ihre psychischen Probleme behandelt werden möchten.
Wenn sie sich schon aus ihrem sicheren familiären Umfeld herauswagen, muß das zukünftige "Zuhause" für die nächsten Wochen oder Monate schon ein gewisses Maß an Freundlichkeit und Wärme bieten.

Hinter der Eingangstür kommt man in eine Eingangshalle, die mit selbstgebastelten Kleinigkeiten und Kunstwerken, die aus den Beschäftigungstherapien stammen, geschmückt ist.

Obwohl viele Patienten beim ersten Eintreten in die Klinik ganz in sich zurückgezogen sind, merkt man oft, daß der Anblick der selbstgebastelten Dinge von Menschen, wie man selbst einer ist, einen gewissen Ehrgeiz erwecken.
Es wird gestaunt, wozu ein kranker und von der Umwelt als nutzlos abgestempelter Mensch in der Lage sein kann.

Ich gehe davon aus, daß diese Dinge bewußt dort im Eingansbereich plaziert worden sind, um genau diesen Effekt zu erzielen.
Aufflackernder Ehrgeiz ist für einen Menschen, der dabei ist, sich aufzugeben, ein winziger Schritt Richtung Heilung.

Nach der Anmeldung wird dann dem Patienten ein helles, gemütlich eingerichtetes Zimmer zugewiesen, daß nur entfernt an ein Krankenzimmer erinnert.
Vorhänge, Bilder. Lampen, kleine Sitzecken...das alles soll den Aufenthalt so angenehm wie möglich gestalten.

Bei der Einweisung ist es sehr wichtig, eine Überweisung vom Facharzt sowie eine Liste der zuletzt eingenommenen Medikamente samt Dosierung dabei zu haben.
Falls Ihr Euch mit den Medikamenten nicht auskennt, packt einfach zu Hause alles ein und nehmt es mit (So haben wir es gemacht, da unsere Mutter vor der Einweisung bei zig verschiedenen Ärzten war und keiner mehr durchblickte, wer was verschrieben hatte).

Ich muß leider dazu sagen, daß es nicht besonders einfach ist, in diesem Krankenhaus mal eben schnell einen Platz zu bekommen.
Die beiden Male, als wir unsere Mutter dort unterbringen mußten, standen wir mehrere Wochen auf der Warteliste.

Zwei weitere Male konnten wir aufgrund der Schwere der Erkrankung nicht auf einen Platz warten, und mußten unsere Mutter leider woanders unterbringen (s.o. Wobei von der Behandlung her das ev. Krankenhaus in Lütgendortmund ebenfalls gut war, insgesamt herrschte hier aber ein Krankenhauscharakter vor. Außerdem ist die psychiatrische Station nur eine von vielen und das KKH in Kirchhörde befasst sich ausschließlich damit, ist also eine Fachklinik).

Als wir unsere Mutter nach monatelanger Herumquälerei zu Hause endlich in Kirchhörde in gute Hände gegeben hatten, machte sich ein Gefühl der Erleichterung breit.

Endlich würden sich kompetente Menschen ausgiebig mit ihrer Krankheit befassen und sie würde unter Aufsicht sein.
Zu Hause gab es immer die Angst, was sie wohl tut, wenn sie alleine zu Hause ist.
Selbstmordandeutungen haben wir nicht nur einmal herausgehört...

Nach einem Tag durfte sie uns das erste Mal zu Hause anrufen, von einer Verbesserung war noch nichts zu bemerken, aber man sollte nicht ungeduldig sein.
Schließlich mußten sich die Ärzte erstmal ein Bild von unserer Mutter machen, um dann die Behandlungsmethoden und Medikamente auszuwählen.

Als erstes wurden die "Hämmer" abgesetzt, es gab kein Schlafmittel mehr, um von den giftigen Stoffen zu entwöhnen.
Ein weiteres Medikament, das abgesetzt wurde, war Rohypnol.
Was es genau bewirkt, weiß ich nicht, wohl aber, daß Junkies es einnehmen, wenn sie auf Entzug sind (hat mir ein Polizist in der Nachbarschaft berichtet).
Gesund war es sicher nicht...

In den folgenden Wochen wurde meine Mutter zu vielen Therapien eingeteilt, Einzelgespräche, Gruppentherapie, Beschäftigungstherapie ( Basteln, Handwerken, Handarbeiten, Kochen...), Familiengespräche mit meiner Schwester und mir.

Diese Familientherapie fand ich äußerst sinnvoll, da wir hier etwas über die Krankheit unserer Mutter von einer Fachkraft erfahren konnten.
Außerdem wurden Hilfestellungen aufgewiesen, wie man in solch einer schwierigen Situation miteinander umgeht.
Weiterhin durfte jeder sagen, wie er sich selbst und die anderen Familienmitglieder einschätzt, z.B., wer ist das Familienoberhaupt (mein Vater ist übrigens tot), wer ist am abhängigsten usw.

Ich kann nur jedem raten, der einen Angehörigen in solch einer Klinik unterbringen muß, Kontakt zu den Ärzten aufzunehmen und am Genesungsprozess teilzuhaben.
Man versteht das Ganze nachher viel besser und ist auch gut vorbereitet, falls die Krankheit zurückkommt.
Leider ist es tatsächlich so, daß die Krankheit zurückkommen kann.
Der behandelnde Arzt sagte mir bei der Entlassung, unsere Mutter würde nicht als geheilt, sondern als "gebessert" entlassen.

In dem Krankenhaus werden übrigens zahlreiche Varianten der psychischen Erkrankung behandelt, von der Magersucht über Epilepsien, bis hin zu Depressionen und anderen psychischen und psychosomatischen Leiden.

Meine Mutter leidet unter einer bipolaren endogenen Depression.
Endogen bedeutet, daß die Depression nicht durch äußere Lebenseinflüsse (obwohl diese das Krankheitsbild verschlimmern können), sondern durch eine Stoffwechselfehlfunktion im Gehirn verursacht wird, die durch Medikamente eingestellt werden muß.

Bipolar heißt, daß sich Phasen der absoluten Niedergeschlagenheit (Depression-aus dem Lateinischen heißt so viel wie Bedrückung--kann in Verwahrlosung oder Selbstmord enden, muß aber nicht) mit Phasen der unkontrollierten Hochstimmung (Manie-zeigt sich nach außen hin in übertrieben agressiver oder auch überfreundlicher Stimmung, Kaufrausch bis hin zur finanziellen Pleite, manche glauben, sie können alles und springen aus dem Fenster, weil sie fliegen wollen etc.--wegen Selbstüberschätzung sehr gefährlich) abwechseln.

Während des Klinikaufenthaltes werden den Patienten, je nachdem, wie gut sie genesen, immer mehr Freiräume gelassen.
Anfangs dürfen sie die Klinik nicht verlassen, später sind dann Tagesbesuche oder sogar Übernachtung zu Hause am Wochenende möglich.
In Gruppe werden unter Aufsicht Ausflüge ins Schwimmbad oder in die Stadt zum Bummeln unternommen.
Teilweise entstehen hierbei richtige Freundschaften unter den Patienten, die sogar den Klinikaufenthalt überdauern.
Hier guckt niemand einen schräg an, da alle irgendwie unter ähnlichen Problemen leiden...

Wer allerdings als gefährdet gilt, darf noch nicht einmal die Station, geschweige denn das Krankenhaus verlassen.
Ich habe selbst mitbekommen, daß die Augen der Schwestern und Pfleger überall sind...wer sich heimlich verdrücken will, wird gnadenlos zurückgepfiffen...zu seiner eigenen Sicherheit.

Neben den "verschriebenen" Freizeitaktivitäten haben die Patienten noch die Möglichkeit, an Gesangsgruppen oder Spielekreisen und ähnlichem teilzunehmen, das obliegt aber jedem selbst.

Weiterhin gibt es einen Aufenthaltsraum und eine Teeküche, für deren Sauberkeit und Pflege die Patienten selbst zuständig sind (Blumen gießen, spülen, aufräumen...).

Hierdurch verliert der Patient nicht ganz den Bezug zu "körperlicher" Arbeit und Verantwortung und kann sich nach der Entlassung leichter in seine Hausarbeit oder den Beruf hineinfinden.

Ein Münztelefon auf dem Stationsflur ermöglicht den regelmäßigen Kontakt zu den Angehörigen, Besuche sind jederzeit außerhalb der Therapiesitzungen möglich.

Das Personal ist übrigens durchweg gut geschult und durch nichts so leicht zu erschüttern.

Die Behandlung meiner Mutter im Marienhospital hat nach ca. 3 Monaten eine Entlassung ermöglicht.
Die Gesundphase dauerte ca. 2 Jahre an.

Es ist auch möglich, sich selbst entlassen zu lassen, davon rate ich aber dringendst ab.
Viele Leute haben sich danach überhaupt nicht mehr mit ihrem Leben zurechtgefunden, eine Frau hat sich sogar erhängt.
Es ist auf jeden Fall wichtig, die Behandlung erfolgreich abzuschließen, alles andere passiert auf eigene Gefahr.

Mit der Zeit wird man als Angehöriger sensibel für diese Krankheit und sollte die ersten Anzeichen des Wiedererkrankens nicht übersehen.
In diesem Fall sollte nicht allzu lange daran herumgedoktert werden und eventuell RECHTZEITIG ein Platz in einer guten Klinik reserviert werden.

Tut Euren Angehörigen nicht die Einweisung in ein Landeskrankenhaus an.
Ich habe die Lebensumstände dort gesehen und kann nur sagen, wer bis dato nicht geisteskrank war, der wird es dort sicherlich...

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Betsi

Betsi

11.03.2001 23:47

Hallo kimbalee! Das ist ein ganz, ganz phantastischer Beitrag zu einem sehr sensiblen Thema und leider auch häufigen Tabu-Thema. Ich selber bin gebürtige Aplerbeckerin und bin rings um das LKH aufgewachsen. Im Grunde kann man sogar sagen damit, da fast meine gesamte Familie im Bereich Psychatrie arbeitet. Über das Marienhospital selber habe ich auch schon sehr viel gutes gehört. Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute! Gruß, Betsi

kimbalee

kimbalee

05.09.2000 22:12

Du meinst sicherlich das Marienhospital in Dortmund Hombruch. Das ist eine normale Klinik. Grüße kimbalee

Brasilia

Brasilia

05.09.2000 21:00

Eine TOP-MEINUNG muss man dir lassen...Bravo...Gruss Brasilia :o)

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