Mahnmal Dortmund-Aplerbeck, Dortmund

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Denk_Mal, Dortmund Aplerbeck: Gegen das Vergessen

5  11.02.2003 (21.03.2011)

Pro:
zum Gedenken und zur Mahnung

Kontra:
kein

Empfehlenswert: Ja 

Qwastaccia

Über sich: ...

Mitglied seit:15.03.2001

Erfahrungsberichte:62

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Mein heutiger Beitrag ist einem düstren Kapitel der deutschen Geschichte gewidmet: der Euthanasie, der Vernichtung sogenannten lebensunwerten Lebens durch die Nationalsozialisten.
Genauer: ich schreibe über ein Mahnmal in einem Vorort südlich der Dortmunder Innenstadt, meiner Heimatstadt, das zum Gedenken an die Opfer errichtet wurde.

Das Mahnmal steht seit 1991 auf dem Gelände der damaligen Provinzheilanstalt, heute Westfälische Klinik für Psychiatrie in Dortmund Aplerbeck.

Immer wieder mal, wenn ich an dem Gelände vorbeikomme, halte ich auf dem Klinik-Parkplatz an und gehe die wenigen Schritte Richtung Hauptgebäude: hier steht das Mahnmal. 5 Stelen, das sind Säulen mit quadratischem Querschnitt, 35 cm jede Seite breit und zwischen 2,70 und 3,00 Meter hoch; sie bestehen aus Anröchter Dolomit, einem blau-grün-grauem Sandstein, der in der Nähe von Soest gebrochen wird.


Ihr wollt wissen, warum ausgerechnet hier auf dem Klinikgelände ein Mahnmal errichtet wurde:

nun, am 01. September des Jahres 1939 begann mit dem Euthanasie-Erlass der Krieg gegen die psychisch Kranken und geistig Behinderten, begann eine unvorstellbare und grausame menschenverachtende Vernichtungsaktion. Adolf Hitler beauftragte Reichsleiter Bohler und Dr. med. Brand, "die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranke bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann."

Über 200.000 Menschen wurden überall in Deutschland im Zuge dieses Erlasses unter grausamsten Bedingungen ermordet.
238 Kinder waren es in der Zeit zwischen 1941 und 1945 in der damaligen Kinderfachabteilung in Dortmund Aplerbeck. Wobei es sich nicht ausschließlich um schwer- und mehrfach behinderte Kinder handelte, sondern auch um solche, die schlechte Leistungen in der Schule brachten, sitzenblieben und somit als schwachsinnig galten.
Die Kinder wurden duch Verhungernlassen oder Injektionen getötet.

1989 wurde erstmals die Öffentlichkeit über die Existenz einer Kinderfachabteilung informiert. Damit war das Schweigen, das über dem Stadtteil lag, gebrochen. Ein nunmehr modernes psychiatrisches Fachkrankenhaus, wie es in Aplerbeck vorhanden ist, wollte die Stigmatisierung nicht verschweigen, sondern sich der Vergangenheit stellen und nichts unter den Teppich kehren.
Die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit sollte über das Medium Kunst erfolgen, und es wurde in einer Personalversammlung der Klinik beschlossen, ein Mahnmal errichten zu lassen, das sich mit der Grausamkeit des Geschehenen beschäftigt.
Prof. Uhlmann, ehemaliger Professor der FH-Dortmund und leider inzwischen verstorben, wurde für diese Idee gewonnen; eine Ausschreibung an der Fachhochschule für Design folgte. 15 Studenten und Studentinnen setzten sich ein Semester lang ernsthaft mit der traurigen und schwierigen Thematik auseinander, zeichneten Skizzen, fertigten Modelle, und schrieben ihre Gedanken und Gefühle zu ihrem jeweiligen Modell nieder.
Dann kam die Zeit, da diese Modelle in den öffentlichen Räumen der Klinik ausgestellt wurden.

Alle, Klinikleitung, nahezu 300 Beschäftigte und die Patienten (!) hatten die Qual der Wahl und durften ihre Stimme abgeben, welches Mahnmal auf ihrem Gelände errichtet werden solle.


Man entschied sich für diese 5 Säulen. Diese 5 Säulen, die durch das in Stein Gemeißelte die Angst der Kinder, die damals auf ihre Ermordung warten mussten, vor Augen führen soll. 5 Säulen, die an Angst und qualvolle Tode erinnern sollen, ohne so abstoßend zu wirken, dass der Betrachter sich abwendet. Nicht das Grausame, das Hässliche der Euthanasie-Verbrechen soll im Detail festgehalten werden, der Betrachter sollte stehenbleiben, die kleine Bronzetafel sehen, die zu Füßen der Stelen auf dem Rasen liegt, auf der steht: "Zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft".
Er sollte um die Stelen herumgehen, die fast kreisförmig mit einem Abstand von etwa 70 bis 85 cm zueinander angeordnet sind. Sollte sich jede Stele ansehen: die auf der oben das schreiende Kindergesicht ca. 80 cm hoch abgebildet ist mit diesen großen Augen und dem aufgerissenen Mund. Die, auf dem 70 cm hohe Hände in der Mitte der Stele eingemeißelt sind, die sich zu wehren versuchen. Auch die, an deren unterem Ende ein 1 Meter hohes zusammengekauertes ängstliches Kind sitzt, und die, die den Rücken und Kopf eines sich vor Furcht abwendendes Kind auf den oberen 80 cm der Stele zeigt. Und auch die, die die großen entsetzten Augen eines Kindes im oberen Drittel der Säule zeigt.

Was will uns dieses Mahnmal sagen?

Es soll uns nicht nur erinnern an die barbarischen Untaten, die auch in dieser Klinik geschehen sind, an die grauenvollen Tötungen psychisch Kranker und Behinderter, und die Not und das Elend der Patienten, die überlebt haben. Vielmehr geht es in erster Linie darum, dass wir wachsam sind und bleiben. Das Mahnmal soll uns vor Augen führen, dass die Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus mit ihren furchtbaren Auswirkungen auch für Psychiatrie-Patienten kein "Unfall der Geschichte" war, kein einmaliger Verlust aller sittlichen Maßstäbe. Uns sollte stets gegenwärtig sein, dass auch unsere heutige demokratisch verfasste Gesellschaftsordnung nicht gefeit ist vor unglaublicher menschlicher Brutalität gegen Minderheiten, gegen diejenigen, die eben anders sind als die sogenannten Normalen.

Doch es gab offensichtlich Berührungsängste mit dem Thema oder dem Mahnmal. Kaum jemand verließ den gepflasterten Weg des Klinikgeländes um um die Stelen herumzugehen, die dort in Aplerbeck auf der Wiese stehen, und so das Thema zu begreifen; anzufassen den kühlen und doch warmen Stein, die Konturen, die Angst der Kinder mit den Händen zu "begreifen".

Dies merkte die Klinikleitung sehr schnell, denn der Rasen zeigte kaum Spuren des Betretens, und so wurde die Bildhauerin erneut kontaktiert: sie dachte nach und kam zu dem Schluss, Plastersteine kreisförmig um die Stelen zu verlegen und diese Fläche durch einen Weg zum Hauptweg zu verbinden. Nun trauen sich die meisten Besucher, auch mal die alten Wege zu verlassen und Neuland zu betreten.


Maße ich mir an, die Intention des Künstlers / der Künstlerin allumfassend zu verstehen, nur weil ich das Werk für gelungen halte? ...

... Die Schwielen vom Meißeln und Pflasterstein-Verlegen sind inzwischen weg. Was ich mir bei meiner Arbeit dachte, weiß ich aber noch ganz genau ...

Danke für eure Aufmerksamkeit, für eure Gedanken, eure Ernsthaftigkeit, die ihr dem Thema anpasst und eure Kommentare!

Antje

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Aus der Rede des Seelsorgers der Klinik zur Enthüllung des Mahnmals:
"Lernen aus der Geschichte? Es geht nicht allgemein. Es muss in jedem einzelnen Herzen, in meinem, in Deinem, in den Herzen der Macher und in den Herzen der Opfer geschehen. Und es weist hinaus auf den, vor dem sich alles Leben verantworten muss: "Bei dir, Herr", sagt unser Wort weiter, "ist die Vergebung, dass man dich fürchte." In diesem Sinne sehe ich uns gemahnt zu Neuanfang mit klaren Augen - durch Gottesfurcht hindurch. "Die Furcht des Herren ist der Weisheit Anfang, sagen die Alten". Aus der Tiefe in die Höhe ragend sprechen Pfähle des Mahnmals auch davon.

Bilder von Mahnmal Dortmund-Aplerbeck, Dortmund
  • Mahnmal Dortmund-Aplerbeck, Dortmund Mahnmal
  • Mahnmal Dortmund-Aplerbeck, Dortmund es wird gemeißelt
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Mahnmal Dortmund-Aplerbeck, Dortmund Mahnmal
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
SchwesterE

SchwesterE

10.01.2012 17:45

Ich habe da leider keine Worte für.....

LESEZEICHENFEE

LESEZEICHENFEE

02.06.2011 17:13

Irgendwie kommt mir der Bericht bekannt vor. :-)

Karry2000de

Karry2000de

23.02.2010 17:37

Muss ich mir auch mal ansehen. Bisher hab ich das noch nicht gesehen.

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