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Landhaus Scherrer, Hamburg

Erfahrungsbericht

für Landhaus Scherrer, Hamburg
4 Sterne Vierländer Ente an blankem Busen
125 von 125 Ciao User haben diesen Bericht als hilfreich bewertet Bewertungen ansehen
Empfehlenswert: Ja

Pro es wird sehr fein gekocht, hervorragende Wein-Auswahl, schöne Lage, nettes Ambiente

Kontra Ausserhalb spezieller Angebote hochpreisig

Detailbewertung

Service

Der Autor

gox Seit 7 Jan 2000

'Mir grauet vor der Götter Neide, des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zuteil... mehr

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Schwellenangst und Angst um den Geldbeutel lassen viele Zeitgenossen einen Bogen um bekannte Gourmet-Tempel machen. Als von Geburt an mit gesunder Arroganz gesegneter Hamburger kenne ich zwar keine Schwellenangst vor dicken Teppichen, wohl aber die begründete Angst um meinen schmalen Geldbeutel.

Hamburg, an der Elbchaussee 130, das ist eine noble Adresse mit Elbblick.
Im Landhaus Scherrer, das bis 1975 der Elbschloss-Brauerei gehörte, wird der Gast freundlich im Vorraum in Empfang genommen und zum Tisch geleitet. Das gestaltet sich alles sehr unkompliziert, man sitzt bequem, ja gemütlich und auch sensible Gemüter verlieren schnell ihre Edelrestaurant-Beklemmungen. Sofern sie nicht in Flicken-Jeans erschienen sind.

Ein etwas altbackenes Ambiente mit wirklich dicken, schallschluckenden Teppichen lässt ein Gefühl aufkommen wie in Omas Wohnzimmer, im positiven Sinne. Eben typischer, pastellfarbener Landhaus-Stil.
Die tolle Akustik hat mich beeindruckt, trotz nicht vorhandener Hintergrundmusik sind Gespräche am Nachbartisch nicht zu verstehen und man muss nicht flüstern.
Möglichen Einfällen, die Einrichtung mit jungen, wilden Edelstahlteilen oder kalten Neonröhren aufzupeppen, hat man wohlweislich widerstanden. Es gibt Kritiker, denen zufolge Architektur und Kochkunst in diesem Hause auf hohem Niveau stagnieren, aber eben stagnieren.

Der Guide Millau 2003 hat diesem Restaurant 17 von 20 Punkten verliehen, wohl zu recht. Der freundliche Service ist aufmerksam, ohne ständig mit ‚Sehr wohl !’ zu nerven, Gläser werden stets zeitig nachgefüllt und niemand muss verdursten.
Die vor der eigentlichen Mahlzeit servierte 3 Sorten Brot waren ganz lecker, die Butter wies allerdings noch eine gewisse Kühlschrankfestigkeit auf. Das Menü selbst wurde dann auf Tellern mit erotischen Motiven serviert, da blitzen blanke Busen. Offenbar sieht sich das Haus Scherrer als Palast sinnenfrohen Lustgewinns.

An der Kochkunst selbst gibt es nichts zu bemäkeln. Seit etwa 27 Jahren auf der Speisekarte, ist die ‚krosse Vierländer Ente mit Spitzkohl, Sellerie und Bergpfeffersauce’ ein Klassiker und einfach grandios. Derart zartes und saftiges Entenfleisch habe ich noch niemals vorher gegessen. Marmeladisierte Rhabarberstücke gab es dazu, das harmonierte ausgezeichnet und gemahnte keinesfalls an die berüchtigte Ente-süß-sauer beim Billig-Kantonesen.
Formvollendet serviert wurde vom zu Scherzchen (‚Ente ist aus, ich bringe falschen Hasen, der ist von Ostern übrig und muss weg’) aufgelegten Chef Heinz Wehmann selbst. Sämtliche Speisen sind so dekadent dekoriert, dass selbst ein geübter Gourmand die filigranen Kreationen nur ungern mit grober Gabel zerstören mag.

Meine Empfehlung gilt auch dem ‚Dorschmedaillon in einer Senfkruste auf Graupenrisotto mit Sauce amoricaine’, sehr aromatisch und auf den Punkt gegart, besser geht es sicher nicht. Graupen waren in meinem Elternhaus verpönt, denn die gab es wie Steckrüben in der vielzitierten ‚schlechten Zeit’ und munden angeblich nicht. Tun sie aber bei Scherrer doch.
Zartester Fisch und nicht zu milder Senf ergänzen sich einfach traumhaft. Ich wäre sicher ein paar Jahre länger bei meiner lieben Mutti wohnen geblieben, wenn ich derartige Kreationen gelegentlich auf meinem Teller vorgefunden hätte.

Die ‚Spargelnudel und Tagliatelle von Büsumer Krabben mir Bärlauchpesto’ war zwar lecker, aber auch recht gewagt – wäre der noch ziemlich feste Spargel auch nur leicht bitter gewesen, hätte man den ganzen Teller wegkippen müssen. Musste man aber nicht, das Bärlauchpesto war umwerfend aromatisch und hübsch mit einem riesigen Bärlauchblatt garniert. Die Krabben waren arg klein leicht abzuzählen, aber dafür die Nudeln frisch und bissfest.

Nachtisch war auch gekonnt, gut gefallen hat mir die ‚Schokoladenvariation mit Tarte, Schokoladen Sorbet und Portweinfrüchten’, auch wenn auf meinem Teller nur eine einzige, halbe Portweinfrucht (Pflaume) zu finden war. Aber Gourmet-Tempel sind eben auch dadurch gekennzeichnet, dass keine Holzfäller-Portionen serviert werden. Eine beinahe schwarze, sehr feine Schokoladenmoussee dürfte auch für solche Menschen ein überragender Genuss sein, denen dunkle Schokolade ansonsten ein Gräuel ist.

Die gebotene Weinauswahl ist groß und edel, da bleiben keine Wünsche offen. 640 Positionen mit etwa 12.000 Flaschen sind für den, der Aldis Wein aus der Brickpackung verabscheut, verfügbar und werden vom fachkundigen Sommelier gekonnt kredenzt. Zuweilen gibt es Menü-Angebote inklusive Wein, da ist dann wirklich alles optimal aufeinander abgestimmt und ein echter Genuss.

Freunden der amerikanischen Krimiserie ‚Columbo’ rufe ich einen Satz aus der Folge ‚Wein ist dicker als Blut’ zu:
Wenn Sie nach dem Preis fragen müssen, ist es für Sie zu teuer!

Unter 100,- Euro ist kaum ein Menü zu bekommen, Getränke natürlich extra. Im Bistro gibt es 3-Gänge-Menüs ab 35,- Euro. Samstags bietet der Patron für 130,- Euro gut besuchte Kochkurse an.

Veröffentlicht auf goxpower.com und ciao.com

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  • KadettSky 04.09.2003 00:37
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • Klaus Alfred 18.08.2003 13:38
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich

    Ich mag auch keine Graupen (wegen der Einnerung an die schlechte Zeit. Aber im Scherrer würde ich sie probieren. Der Ruf des Lokals ist ja bis nach Berlin gedrungen. Gruß Klaus

  • BennoSchwarzer 03.06.2003 01:19
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich

    Mir läuft das Wasser im Munde zusammen ! Reine "Quälerei" für mich Deinen Bericht lesen zu müssen :-). Als solchen Genüssen sehr zugetaner Mensch wünsche ich Dir nur eins von Herzen: Sei Dein Geldbeutel nur immer so ausreichend gefüllt dass Du Dir dieses Restaurant ab und an leisten kannst. Da haperts bei mir z.Zt. leider auchn bischen. Gruß Benno

  • MattenRocker 25.05.2003 00:17
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • Wilma2000 20.05.2003 16:40
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich

    Auch ich war im Landhaus Scherrer sehr begeistert, obwohl der Besuch bestimmt schon 8 Jahre zurückliegt. Mir ist neben dem guten Essen, den hervorragenden Weinen noch der "lässige" Ton in Erinnerung, den ich sehr lustig und nett fand und der der gefürchteten "Vornehmheit" widersprach. Wenn ich in Hamburg bin, möchte ich gern mal wieder zu Scherrer!! Herzl. Grüße von Wilma

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