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Fugir, para bem longe outro lugar...
Pro Kleines feines Naturparadies - von Rio de Janeiro aus sehr gut zu erreichen. Ökologisch ausgerichteter Tourismus.
Kontra Viel zu weit weg von hier...
Aus dem pastellorange erleuchteten Horizont schiebt sich träge die Sonnenscheibe. Noch matt vom Dunst über der Bucht von Guanabara schickt sie sich an, ihren steilen Aufstieg zu beginnen. Die millionenfach verstreuten Lichter unter uns, die uns seit knapp einer Stunde vorgaukeln, über ein tropisches Paradies zu fliegen, verblassen je weiter wir uns dem Boden nähern. Dass ein Großteil der Leuchtpunkte von Favelas stammt, macht den Anblick nicht weniger atemberaubend.
Nach rund 12 Stunden Flug in einer schäbig wirkenden Varig-Maschine mit einem miesen Bordservice vor dem Herrn und unattraktiven Flugbegleitern endlich Landung in der Cidade Maravilhosa: Rio de Janeiro. Wieder mal eine perfekte Gelegenheit sich über die astronomischen Flughafengebühren zu erregen, für die man dann eine Stunde Schlange stehen darf, weil nur zwei Einreiseschalter geöffnet sind. Eine Metroverbindung in die City von Rio gibt es auch nicht und ist soweit ich weiß auch nicht geplant. Wir versuchen das ganze mit der gleichen tropischen Gelassenheit zu nehmen wie unsere Mitreisenden.Der Flughafen ist zu so früher Stunde - abgesehen von einer Horde Schwarztaxifahrern - nahezu menschenleer. Es gibt auch reguläre Taxistände, doch dieses Mal entschließen wir uns die ca. 50 Reais zu sparen und statt dessen mit dem Bus für weniger als ein Zehntel des Preises in die Stadt zu fahren. Unser Ziel: Die Rodoviaria Novo Rio, der große Busbahnhof von Rio. Von dort soll uns ein Fernbus zur Ilha Grande bringen.
Aufgrund zahlreicher Warnungen und Schauermärchen habe ich ein wenig Herzklopfen als wir uns der Rodoviaria nähern. Durch verfallene Tore alter Lagerschuppen erspähe ich verblichene Karnevalsrequisiten. Der Bus hält in einer runtergekommenen Gegend. Doch die Sorge scheint unbegründet. Starke Militärpräsenz verfehlt zumindest ihre psychologische Wirkung nicht. So riesig und vergammelt, wie ich mir die Rodoviaria nach all den Gräuelgeschichten aus diversen Reiseführern und Internetseiten vorgestellt habe, ist sie auch bei Weitem nicht. Nach kurzer Orientierung finden wir den Schalter von Costa Verde (unten rechts in der Ecke), der Buslinie, die uns nach Angra dos Reis an die Fähre zur Ilha Grande bringen soll. Für 28 Reais erstehen wir zwei Tickets und wenig später schaukeln wir im klimatisierten Reisebus durch die endlosen Vororte der Zona Nord - das volle Kontrastprogramm zur palmenbewachsenen Idylle von Ipanema.Langsam wird es ländlich und eine beeindruckende Landschaft türmt sich rechts und links der Schnellstraße auf. Rund 40 km weiter verläuft sie dann direkt an der Küste, wo es wirklich spektakulär wird. Landeinwärts bizarre Berge mit überwucherten Steilhängen, die sich direkt vom Straßenrand erheben und auf der anderen Straßenseite Dutzende verträumte Buchten mit vorgelagerten Eilande, die kleine Kronen aus Urwald tragen. Ich empfehle Sitzplätze auf der in Fahrtrichtung linken Seite des Busses. Von dort bietet sich ein atemberaubender Blick auf die zerklüftete Atlantikküste südwestlich von Rio. Gegen Reisekrankheit sollte man eine gerüttelt Maß an Immunität mitbringen, denn die Fahrer nehmen die engen Serpentinen ausgesprochen temperamentvoll.
Nach 2,5 Stunden war ich trotz der grandiosen Szenerie froh, endlich in Angra dos Reis zu sein, wo wir die Fähre besteigen wollten. Gegen zehn Uhr morgens waren wir dann am Hafen, die offizielle Fähre verkehrt aber leider täglich um 15:30 Uhr. Zum Glück gibt es genug geschäftstüchtige Bootsbesitzer, die Touristen zur Insel bringen. Das ist zwar mit 10R$ deutlich teurer als die Fähre, aber 5 Stunden wollten wir wegen ein paar Reais nicht warten. Die "Kapitäne" beginnen mit der Abfahrt, wenn genug zahlungswillige Kundschaft eingetrudelt ist, um die Überfahrt lukrativ erscheinen zu lassen. Gegen 11 Uhr gings dann los. Die folgenden 2 Stunden waren mit Abstand der erholsamste Teil unserer bisherigen Reise. Türkisblaue See, eine leichte Brise und das Bollern des Schiffmotors. Entlang der zerklüfteten Inselküste boten sich immer neue Einblicke in kleine Buchten, auf winzige Inseln, Halbinseln und die wuchernde Flora der steilen Berge, die sich oft direkt aus dem Wasser erhoben.Schließlich erreichten wir die Bucht, in der sich zwischen den bewaldeten Hängen die Häuser des Hauptortes Villa do Abraão versteckten. Hoch über dem Ort thront die höchste Erhebung der Insel - der Papageienfelsen. Die Form seines Gipfels macht seinem Namen alle Ehre. Unsere Pension liegt ca. 500 m von der Anlegestelle entfernt ein kleines Stück den Hang hinauf. Sie hat zwar keinen Seeblick zu bieten, liegt dafür quasi mittem im Dschungel. Wir zahlen 40 Reais pro Nacht im Doppelzimmer. Die Ausstattung ist spartanisch, aber es ist sehr sauber, es gibt einen Fernseher mit drei brasilianischen Kanälen und ein gutes Frühstück, das im Freien zwischen wuchernder Vegetation serviert wird.
Wir bleiben nur kurz um unser Gepäck abzuladen und begeben uns sogleich auf Erkundungstour. Es ist schon zwei Uhr nachmittags und im Juni (sprich Winter) sind die äquatornahen Tage noch kürzer als sie es ohnehin schon sind. Also heißt es, die wenigen restlichen Stunden Sonnenlicht auszunutzen.Von Villa do Abraão weg zu kommen haben wir um diese Uhrzeit keine Chance mehr. Autos gibt es auf der Insel nicht - wäre auch nicht sehr sinnvoll, denn es fehlen Straßen, auf denen sie fahren könnten. Sämtlicher "Nahverkehr" spielt sich in privaten Booten entlang der Inselküste ab. Um diese Uhrzeit, es ist bereits früher Nachmittag, sammeln die Boote die Touris von den diversen Stränden ein und schippern zurück nach Villa do Abraão. Deshalb beschränkt sich unsere Erkundungstour auf den Ort.
Mit seinen kleinen, grell bunten Häusern mutet Villa do Abraão ein wenig an wie die brasilianische Version von Walt Disney World - nur dass hier richtige Menschen leben. Einige halbverfallene Hütten jedoch, umherstreunende Hunde und handtellergroße Krebse, die mit aufgerichteten Scheren in aller Seelenruhe durch den Ort flanieren, verleihen dem Ganzen Authentizität. Außer Tourismus gibt es allerdings nicht viel. Die vielen Kinder in den Straßen und die winzige örtliche Kirche, die auch Treffpunkt der alcoolicos anonimos ist, umreißen grob die möglichen Freizeitaktivitäten der Einheimischen: Saufen, f*cken, beichten (in der Reihenfolge). Unser Rundgang endet an einem kleinen und unspektakulären Strand einen Steinwurf vom Hafen entfernt, wo wir mit den letzten Sonnenstrahlen unsere Haut auf subtropische Lichtverhältnisse einstimmen.Jedes Fitzelchen Küste, das auch nur annähernd als Strand bezeichnet werden kann, trägt in Brasilien übrigens einen eigenen Namen. Die Ilha Grande macht da natürlich keine Ausnahme. Am nächsten Tag wollen wir uns auf den Weg zum Praia Lopes Mendes machen. Der wird in allen Reiseführern als Traumstrand gerühmt. Hin kommt man mit einem der vielen Boote, die jeden morgen in Abraao ablegen - wenn man es sich leicht macht. Aber getreu dem Motto "Nur die Harten kommen in den Garten" machen wir uns per pedes auf den Weg entlang der Inselküste. Die drei Stunden, die die Inselkarte im Hafen für die Strecke angibt, scheinen uns maßlos übertrieben.
Was für eine Fehleinschätzung! Obwohl der Weg fast auschließlich in Küstennähe verläuft, geht es über Stock und Stein, bergauf, bergab. Mitunter erinnert er mehr an einen Kletterparcours über wuchernde Baumwurzeln, die gleichzeitig Halt bieten und Fallstricke legen. Urwald wechselt sich stellenweise ab mit Feldern struppiger Kakteen, auf denen wir gewahr werden, dass sich die Sonne sehr beeilt, den Zenit zu erreichen. Gut, dass wir ausreichend Trinkwasser dabei haben. Mehrmals führt der Pfad zu einem der kleineren Strände hinab, um sich am anderen Ende des Strandes wieder den Hang hinauf zu schlängeln. Abzweigungen kennt er nicht, ab und zu gibt es handgemalte Hinweisschilder und Wegweiser. Eine Karte ist also überflüssig, kann aber nicht schaden.Nach zahllosen Aufs und Abs erreichen wir endlich Praia Lopes Mendes - und wir müssen einsehen, dass die Zeitangaben auf der Wanderkarte recht behalten hatten. Dort sah die Insel so klein und niedlich aus, aber glaubt mir: es zieht sich!
Doch der Lohn der Mühen liegt nah, nur noch ein paar Meter durch einen Kakteenhain, und ein unbeschreiblich schönes Panorama öffnet sich uns. Der sanft geschwungene, schneeweiße Sandbogen umgibt in weitem Bogem eine blauklare Bucht. Ein Saum von Bäumchen, die orangefarbene Früchte produzieren, als gelte es einen Weltrekord in Fruchtbarkeit zu brechen, umschließt das Ganze wie ein schattiger Wandelgang. Der Sand ist derart fein, dass er beim Laufen quietscht. Dort, wo er von Wasser überspült wird, bildet er eine nahezu betonharte Piste. Rechts endet der Strand in einer Felsformation, die bei genauerem Hinsehen der Lebensraum von Abertausenden Muscheln, Krebsen und anderen merkwürdigen Lebewesen ist. Auch der Strand ist bewohnt. Legt man sich still auf die Lauer, kommt man dem Geheimnis der zahllosen Löcher im Sand auf die Spur - kaum groß genug um einen Tischtennisball aufzunehmen. Dort wohnen kleine Krebse und ist man ganz leise, weckt das ihre Neugier. Mit Stielaugen und vorgeschobenen Scheren schauen sie dann scheu heraus, um bei der kleinsten Regung wieder blitzartig in ihrer Höhle zu verschwinden.Weniger Zurückhaltung gegenüber Fremden zeigen kleine Schwärme seltsam durchsichtig erscheinender Fische. In dem seichten Wasser machen sie sich ein Vergnügen daraus, wie wild um unsere Füße zu wuseln - ein gar merkwürdiges Gefühl. Schwimmen ist fast unmöglich, wenn man gegen diese Kitzelattacken nicht immun ist. Den Grund für dieses Verhalten haben wir nie herausgefunden. Vielleicht wähnten sie sich in unserer Nähe sicher vor Raubvögeln.
Eine Szenerie wie ein Werbespot für Bounty oder Bacardi. Nichts trübt das Bild der unberührten Natur. Den weitläufigen Strand teilem wir uns mit nur wenigen anderen Sonnenhungrigen. Praia Lopes Mendes ist touristisch absolut unerschlossen. Keine Strandverkäufer, die einem den letzten Nerv rauben - das heißt aber auch keine Versorgung mit Eis, Keksen, Getränken, Sonnenöl und allem was an den großen Publikumsstränden sonst so feil geboten wird. Eigenversorgung lautet die Devise. Darum genug Wasser und Verpflegung für einen Tag mitnehmen! Außerdem sollte man bedenken, dass es keine Rettungsschwimmer gibt.Auf den Rückweg sollte man sich rechtzeitig machen. Sei es um das letzte Boot zurück vom nahegelegenen Praia Mangues nicht zu verpassen, oder um nicht mittem im Dschungel von der Nacht überrascht zu werden, und die beginnt in diesen Breiten früh und fällt schnell. Im Nachhinein betrachtet war es ziemlich leichtsinnig von uns, keine Taschenlampe dabei zu haben wie es vielerorts dringend empfohlen wird. Diese hätte uns übrigens auch bei den beiden Apagãos (Stromausfällen) gute Dienste geleistet, von denen wir in drei Tagen zwei erlebt haben und die mit Vorliebe nach Einbruch der Dunkelheit auftreten. Die hilfsbereiten Insulaner sind aber auf alles vorbereitet und helfen gern mit Kerzen für den Heimweg aus.
Fazit:Ilha Grande ist ein Naturparadies ohne Gleichen quasi direkt vor der Haustür von Rio de Janeiro. Tourismus wird aus ökologischen Gründen klein gehalten, darum ist die Insel nicht überlaufen, obwohl sie längst kein Geheimtipp mehr ist. Dieses Refugium ist perfekt geeignet, um sich von einer Woche anstrengendem Nachtlebens in der Samba-Metropole zu erholen. Außer fantastischen, menschenleeren Stränden gibt es nur wenig Ablenkung. Beliebt bei inländischen Touristen, die meisten Ausländer sind - natürlich - Deutsche. Wer nach Südbrasilien reist sollte auf jeden Fall ein paar Tage Ilha Grande einplanen. Es lohnt sich.
PS: Die Überschrift ist die erste Zeile aus "Outro Lugar", dem Hit von Salomé de Bahia, der für mich die inoffzielle Nationalhyme Brasiliens ist. Übersetzt heißt es so viel "an einen weit entfernten Ort entfliehen". Fand ich passend. :-)
Allgemeines und Insidertipps
www.ilhagrande.com.ar (Englisch)
www.ilhagrande.com.br (Portugiesisch)
Vom Flughafen Rio zur Rodoviária Novo Rio ca. 20 Minuten mit Bus oder Taxi. Von dort stündlich komfortable Reisebusse mit "Costa Verde" nach Angra dos Reis. Tickets ca. 15 R$ pro Person. Sicherheitskräfte an Bord.
Von Angra 2h Überfahrt mit der Fähre (Normaltarif ca. 3R$, wochenends und feiertags 10R$) oder mit "Schwarztaxis" (ab 10R$).
Ich bevorzuge den Winter auf der Südhalbkugel (April bis Oktober). Tagsüber gemäßigte Temperaturen, allerdings recht kurze Tage. Nachts kann es etwas klamm werden. Ilha Grande ist ein beliebtes Wochenendziel für Touristen aus Rio und Sao Paolo. Daher nach Möglichkeit Wochenenden und katholische Feiertage meiden.
Preise und Geld:1 Euro = 3,6 R$.
Preise liegen auf üblichem Niveau mit leichtem Inselzuschlag. Für Übernachtung im einfachen Ambiente haben wir 40R$ im Doppelzimmer bezahlt (Stand Juni 2002). Restaurantpreise ca. 15-20R$, allerdings sind es - anders als sonst in Brasilien üblich - Einzelportionen. Wichtig: Genug Bargeld mitnehmen! Es gibt keinen Geldautomaten und keine Bank auf der Insel!Aufenthaltsdauer:
Empfohlene Aufenthaltsdauer mindestens zwei Nächte. Maximale Dauer je nach persönlicher Resistenz gegen Inselkoller.Unterkunft:
Schnuffige kleine Herbergen (Pousadas) ab 40R$ pro Nacht (Juni 2002). Je näher am Meer, desto teuerer. Camping möglich.Freizeit:
Strand, Strand, Strand. Absolutes Muss: Praia Lopes Mendes (siehe Bericht). Jeden Morgen Boote von Villa do Abraão zum Praia Mangues, von dort 30 min Fußweg. Zu Fuß ca. 3 Stunden (empfehlenswert).
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Kuschelwuschel 18.01.2006 15:13
sicher 05.10.2005 19:55
Veedra 30.06.2004 17:14
mangano 19.06.2004 03:02
Gothicman1 17.06.2004 14:02
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