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Erfahrungsbericht

für Hinz und Kunzt, Hamburg
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5 Sterne Was macht Hinz ohne Kunzt?
31 von 31 Ciao User haben diesen Bericht als hilfreich bewertet Bewertungen ansehen
Empfehlenswert: Ja

Pro Sozial, Hilfe zur Selbsthilfe.

Kontra Dann müßte ich aus dem Nähkästchen plaudern!

Detailbewertung

Preis-/Leistungsverhältnis
Anbindung
Sehenswürdigkeiten
Sicherheit
Gastfreundlichkeit

Der Autor

Mattes1203 Seit 25 Mai 2002

Es tut mir leid, daß ich mich lange nicht gemeldet und Berichte geschrieben bzw. kommentiert habe... mehr

7 Mitglieder vertrauen mir

Ich berichte erstmal über meine eigenen Erfahrungen und gebe im Anschluß noch ein paar Hintergrundinformationen.

Eigene Erfahrungen

Es ist jetzt fast drei Jahre her, als ich Hinz & Kunzt Verkäufer wurde. In der Zwischenzeit habe ich soviel erlebt, daß es für einen Bericht reicht.
Ich hatte damals viel Zeit. Und irgendwie brauchte ich eine Möglichkeit, meine Bewerbungen zu finanzieren.
Von Hinz & Kunzt hatte ich schon viel gehört und auch ab und an ein Exemplar gekauft. Nicht nur, um den Verkäufer zu unterstützen, sondern auch die H & K - Artikel haben mir gefallen. Doch anfangs war ich sehr skeptisch. Mir kam es ehrlich gesagt blöd vor, mich hinzustellen und Zeitungen zu verkaufen. Außerdem ist der Verkauf von "Hinz & Kunzt" hochschwellig. Der Psychologe meint damit, daß die Hemmschwelle, sich zu outen, in diesem Falle sehr weit oben liegt.
Schließlich hat es mein Bekannter Wolfgang (ebenfalls Hinz & Kunzt Verkäufer) Mitte Oktober 2003 geschafft, mich zu überreden und in den Vertrieb mitzunehmen.
In dem für Verkäufer zugänglichen Teil des Vertriebes haben wir uns erstmal einen Kaffe geholt. Den gibt's für Verkäufer kostenlos. Regelmäßig liefert auch die Hamburger Tafel Lebensmittelspenden, die Nachmittags verteilt werden.
Nach dem Kaffee mußte ich ins Vertriebsbüro, mir einen Verkäuferausweis ausstellen lassen. Zuerst wurden die üblichen Daten wie Vorname, Name und Adresse aufgenommen. Danach wurde ich fotografiert, da jeder Ausweis ein Bild des Verkäufers trägt. Das Foto soll verhindern, daß ein Verkäufer seinen Ausweis an einen Nicht - Verkäufer weitergibt! Desweiteren steht auf dem Ausweis die jeweilige Verkäufernummer, in meinem Fall die Nummer 3375. Allerdings gibt es zu Zeit nur circa 430 aktive Verkäufer, da viele "Aussteiger" sich nicht im Vertrieb abmelden!
Ich mußte danach noch einige Regeln unterschreiben, die für alle Verkäufer verbindlich sind. So darf ich während des Verkaufes keinen Alkohol oder Drogen konsumieren, nebenbei nicht Betteln und muß den Ausweis gut sichtbar tragen. Der Verkauf in öffentlichen Verkehrsmitteln ist ebenfalls verboten!
Als "Startkapital" bekam ich zum Schluß 10 Zeitungen geschenkt und konnte mir einen Verkaufsplatz aussuchen.
Eine praktische Plastikhülle für die Zeitungen habe ich mir für einen Euro gekauft. So kann ich einen Stapel Zeitung bequem in der Hand halten. Und die Hülle schützt bei schlechtem Wetter! Die Zeitung sieht dann nicht aus wie nasses Toilettenpapier.
Anfang diesen Jahres bekam jeder Verkäufer noch eine gesponsorte Weste mit mehreren "Hinz & Kunzt" - Aufnähern geschenkt.
Die Verkaufsplätze befinden sich zum Beispiel vor Supermärkten, größeren Geschäften, vor Eingängen zur U - Bahn und Einkaufspassagen. Die genehmigten Plätze stehen auf einer langen Liste und werden Mittwochs neu vergeben. Ausgenommen davon sind Festplätze. Das sind Plätze, die für einen bestimmten Verkäufer reserviert sind.
Mein allererster Verkaufsplatz war vor einem Supermarkt in der Nähe meiner Wohnung. Ich war ganz schön nervös!!! Und jeder, der mich ansah, schien schlecht über mich zu denken!!! Doch als meine erste Kundin auf mich zukam und eine Zeitung kaufte, wurde ich langsam ruhiger. Statt der 1,60 Euro, die eine Zeitung kostet, gab sie mir zwei Euro und ich durfte den Rest behalten! So nach und nach kam ein Euro zum nächsten und die 10 Zeitungen waren schnell verkauft. Sehr angenehm ist es, wenn mir Leute, die vorbeikommen, einfach so eine kleine Spende zukommen lassen!!! Ich mußte mich auch erst daran gewöhnen, einen längeren Zeitraum zu stehen. An meinem ersten "Arbeitstag" habe ich 4 ½ Stunden gestanden. Das mag für einige wenig sein. Aber ein Hinz & Kunzt - Verkäufer verkauft bei jedem Wetter, egal ob Regen, Frost oder Sonnenschein!
Von dem eingenommenen Geld habe ich mir einen Teil beiseite gelegt, um mir neue Zeitungen kaufen zu können. Im Vertrieb bezahle ich 0,75 Euro für jede Zeitung. Wieviele Zeitungen ich nehme, bleibt mir überlassen. Pro verkaufter Zeitung sind 0,85 Euro dann für mich. Mittlerweile gibt es ein Bonusprogramm. Wenn ich 50 Zeitungen im Vertrieb gekauft habe, bekomme ich im Folgemonat 4 Zeitungen geschenkt. Bei 100 Zeitungen sind es acht, die ich gratis bekomme!
Im Vertrieb kann ich mich auch jederzeit über Gesamtzahl der verkauften Exemplare und Veranstaltungen für Verkäufer wie z. B. Filmvorführungen oder Skatturniere informieren.
Regelmäßig im Dezember findet eine Weihnachtsfeier für die Verkäufer statt. Letztes Jahr waren wir in einem Zirkuszelt an der Bahrenfelder Trabrennbahn. Über das Programm konnte man wirklich nicht meckern! Die Verpflegung war Super, das Showprogramm ebenfalls! Als Prominente haben unter anderem Tim Mälzer, Maria Ketikidu und Daniel van Buyten teilgenommen! Ich hatte sogar das Glück, eine Freikarte für das Spiel HSV - Slavia Prag zu bekommen!
Für viele Obdachlose dient die Anschrift des Vertriebes als Postadresse.
Ein gewisses kaufmännisches Denken ist - wie für jeden, der etwas verkaufen will - auch nötig. So muß ich mir zum Beispiel immer etwas Geld für neue Zeitungen zurücklegen. Zum Monatsende muß ich aufpassen, daß ich nicht zu viele Zeitungen hole, da ich überzählige Exemplare nicht zurückgeben kann! Und vor allem: Immer freundlich sein (auch wenn es schwerfällt)!!! Das zahlt sich auf alle Fälle aus!!!
Anfang des Jahres habe ich mir einen Festplatz in der Innenstadt erarbeitet. Trotz der riesengroßen Anzahl an Personen, die an mir vorbeigehen, erkenne ich mittlerweile viele wieder. Meistens sind es Angestellte der umliegenden Geschäfte oder Leute, die dort regelmäßig einkaufen. In dem Geschäft, vor dem ich stehe, kann ich mir mittlerweile auch einen Kaffee geben lassen! Ab und zu bekomme ich auch ein Stück Kuchen oder ein halbes Brötchen von Passanten gespendet.
Da ich ja täglich und über mehrere Stunden verkaufe, habe ich auch genug Zeit, die vorbeigehenden Leute zu beobachten. Man lernt ganz nebenbei, Personen einzuschätzen! Da gibt es zum Beispiel diejenigen, die mich aus dem Augenwinkel betrachten. Es steht ihnen ins Gesicht geschrieben, was sie über mich denken, und das ist bestimmt nicht positiv! Absichtlich sage ich dann freundlich "Guten Morgen". Ganz erschreckt wird dann wieder geradeaus geschaut. So mancher Person sieht man es an der Nasenspitze an, was sie denken und daß sie niemals eine Zeitung kaufen würden.
Dann gibt es Personen, die an mir vorbeilaufen und mich ganz intensiv anstarren (anders kann ich es nicht nennen!). Dabei kann es sich doch nur um einen Touristen handeln! Doch ab und zu bleibt einer stehen und fragt, was ich da verkaufe. Manchmal werde ich auch eine Zeitung los oder bekomme eine kleine Spende. Oft genug kommt es vor, das ich Auskunftsbüro spielen muß. Informationen sind natürlich kostenlos!!!
Doch es gibt auch genug Leute, die sehr freundlich zu mir sind! Viele geben von sich aus mehr als 1,60 Euro oder stecken mir eine größere Münze zu!
Zuerst hatte ich nur Laufkundschaft, doch im Laufe der Zeit habe ich schon einige Stammkunden gewonnen. Anfang des Monats hatte ich einen älteren Herren, der gleich zwei Zeitungen kaufte. Wir kamen ins Gespräch und da erfuhr ich, daß er einen Sohn in Papua - Neuguinea hat, der regelmäßig ein Exemplar bekommt. Von einem Herrn bekam ich zwei Euro mit der Bemerkung: "Ich finde es toll, daß Sie den Mut haben, hier zu stehen und Zeitungen zu verkaufen!"
Noch ein wenig zum Thema "Freundlichkeit": Viele Leute sind überrascht, wenn sie auf einen freundlichen Verkäufer treffen, der sich vernünftig gibt und auch sauber gekleidet ist. Ich habe Kollegen, die sind Alkohol- und /oder Drogenabhängig. Das Recht, krank zu sein, will ich ihnen nicht abstreiten. Aber herumlaufen wie ein Schlunz, mit einer Fahne drei Meilen gegen den Wind, Pöbeln, Aggressiv werden und dabei Zeitungen verkaufen ist ein ganz schön dicker Hund! Viele Leute, die eine Zeitung kaufen würden, schreckt so etwas ab und bringt die vernünftigen Verkäufer in Mißkredit! Und ich billige längst nicht alles, was seitens der Verlagsmitarbeiter als "soziales Engagement" und "Sozialarbeit" unternommen wird!!!

Inhalte

Da "Hinz & Kunzt" eine Zeitung von und für Obdachlose ist, wird viel aus der Hamburger Sozialpolitik berichtet. So steht zum Beispiel im aktuellen Heft Mai 2006 ein sehr guter Bericht über die Hamburger Stadtentwicklungspolitik. berichtet wir darin u. a. über Sparmaßnahmen an Schulen und Schließung von Ämtern und Bücherhallen. Auch kommen Betroffene zu Wort.
Weiter geht es mit einem Bericht über die Große Bergstraße in Altona, die durch Künstler wieder aufgepeppt werden soll.
Es wird auch über brisante Themen berichtet, wie z. B. das Bettelverbot in der Innenstadt und Abschiebungen im Morgengrauen.
Ein Teil der Zeitung ist für Verkäufer reserviert. Es gibt einige, die selbst für "Hinz & Kunzt" schreiben. In der Momentaufnahme wird ein Verkäufer interviewt, was er zum Beispiel letzte Woche erlebt hat, wie ihm die vorherige Ausgabe gefiel und was er für die Zukunft plant.
Im März 2005 gab es zum ersten Mal die Beilage "o. T." (ohne Titel). Sie berichtet über Kunst, Design und Architektur in Norddeutschland.
Seit Mai 2006 gibt es auch einen Stellenmarkt in "Hinz & Kunzt"!

Hintergrund

Es war im Jahr 1993, als der damalige Diakoniechef Dr. Stefan Reimers die Idee hatte, in Hamburg ein Straßenmagazin auf die Beine zu stellen. Nach dem "Biss" aus München ist "Hinz & Kunzt" die zweite Obdachlosenzeitung in Deutschland. Journalisten und Obdachlose setzten sich zusammen und erarbeiteten ein Konzept für eine Obdachlosenzeitung. Die Zeitung sollte alle Menschen ansprechen und neben Sozialpolitik auch über Kunst berichtet. Die Texte wurden von Profis geschrieben und berichten auch aus dem Lebensalltag von Obdachlosen.
Herausgeberin ist die derzeitige Landespastorin Annegrethe Stoltenberg.
"Hinz & Kunzt" ist eine gemeinnützige Verlags- und Vertriebs- GmbH.
Zur Zeit gibt es rund 400 Verkäufer, die monatlich im Schnitt 70.000 Zeitungen verkaufen. Die 75 Cent, die jede Zeitung im Einkauf kostet, finanziert die eine Hälfte der Arbeit von "Hinz & Kunzt". Die andere Hälfte finanziert sich aus Spenden und Anzeigenerlösen. Der Freundeskreis "Hinz & Kunzt" hat mittlerweile 1300 Mitglieder, die regelmäßig Beiträge, in der Regel 60 Euro im Jahr, zahlen.
Im Vertrieb arbeiten rund 15 Mitarbeiter überwiegend in Teilzeit. Der Sozialarbeiter hilft zum Beispiel bei der Wohnungssuche oder beim Umgang mit Behörden. Oft hilft es schon, sich mit Kollegen zu Unterhalten oder einem Vertriebsmitarbeiter sein Herz auszuschütten.
"Hinz & Kunzt" ist Mitglied im "INSP", ein Netzwerk von Straßenmagazinen aus Europa, Afrika, Amerika und Australien, welches 1995 in London gegründet wurde. Ferner ist "Hinz & Kunzt" eines der Gründungsmitglieder vom "Bundesverband der Sozialen Straßenzeitungen e. V.", in dem 22 von 30 regelmäßig erscheinenden Straßenzeitungen vertreten sind. Der Bundesverband will bei Konflikten vermitteln und in Krisensituationen helfen und er sieht sich als Sprachrohr für sozial Benachteiligte.
Die Zahl der regelmäßigen Leser beläuft sich auf fast 100 Prozent, jede Zeitung wird von durchschnittlich 2,3 Personen gelesen. Das sind fast 161.000 Leser pro Monat! Laut einer Umfrage ist "Hinz & Kunzt" bei 91 Prozent der Hamburger Einwohner bekannt. Auf dem Markt etabliert hat sich "Hinz & Kunzt" als publizistisches Produkt und als soziale Institution.
"Hinz & Kunzt" hat sich unter anderem zum Ziel gemacht, der Obdachlosigkeit ein Gesicht zu verleihen. Der Teufelskreis aus Wohnungs- und Arbeitslosigkeit, Sucht und Einsamkeit ist nur sehr schwer zu durchbrechen!
Wer als Außenstehender die Hamburger City kennen lernen will, kann die Nebenschauplätze bei einem etwas anderen Stadtrundgang kennen lernen. Bei der Führung lernt man die Straße als Wohnort und Anlaufstellen für Obdachlose kennen.

Ein Wort zum Schluß

Der Verlag hat es durchgesetzt, daß der Verkauf von "Hinz & Kunzt" einem 1 - Euro - Job gleichgesetzt ist.
Ich habe den Bericht in meinem Appartement an meinem alten, aber bezahlten und eigenem PC geschrieben.
Durch den Verkauf von "Hinz & Kunzt" habe ich schon ein paar soziale Kontakte knüpfen können. Aushilfsweise habe ich in dem Geschäft, vor dem ich stehe, auch schon Ware ausgepackt und eingeräumt!
Wer gerne mal eine "Hinz & Kunzt" lesen möchte oder persönlich schreiben möchte, gern! Ich habe zu Hause einige ältere, nicht verkaufte Exemplare gesammelt. Zu erreichen bin ich unter Matthias.Reese@gmx.de.

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Kommentare

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  • evafl 22.10.2007 12:37
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • Winni230 14.09.2007 15:57
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • ChristineInLeder 23.01.2007 14:41
    Bewertete diesen Bericht als
    besonders hilfreich

    Ich habe die Zeitung schon öfter gekauft und auf so einen tollen bericht habe ich schon lange gewartet! Lieben Gruß, Christine.

  • Joe69 12.01.2007 14:45
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • StephenkingFanJessica 14.12.2006 15:42
    Bewertete diesen Bericht als
    besonders hilfreich

    Dieser Bericht hat ganz klar ein bh verdient! Hinz und Kunzt liegt auch mir als (bald) Wahl-Hamburgerin sehr am Herzen, ich kaufe immer ein Magazin, wenn ich mal in HH bin und einem Verkäufer / einer Verkäuferin begegne. Und kürzlich bin ich dem H&K-Freundeskreis beigetreten. Ich kann mir auch vorstellen, mich ehrenamtlich zu engagieren, da ich solch ein Projekt enorm wichtig finde. Die Leute, die du beschreibst, wie sie dich ansehn und an dir vorbeigehen und "Nie eine Zeitung kaufen würden" kann ich mir bildlich vorstellen, das macht mich traurig und wütend zugleich! Aber das Projekt zeigt, wieviele "andere" Menschen es gibt..das ist schön und birgt viele Hoffnungen. Eine Frage hat sich mir noch ergeben: ich meine in den Unterlagen die ich bekommen habe gelesen zu haben, dass nur zu dem Zeitpunkt wohnungslose Verkäufer werden können, du schreibst aber, dass du deine Adresse angeben musstest bei der Bewerbung...? Jedenfalls ein ganz toller und wichtiger Bericht! Ganz liebe Grüsse, SKFJessica

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