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Hildesheim - Bahnhofsumfeld
Pro Besser als auf dem Bahnhof sitzen
Kontra Aber nicht viel
Eindruck eines Durchreisenden
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Wenn man auf Reisen ist, so passiert man gelegentlich Orte, die sich einem nur oberflächlich erschließen. Zurück bleibt ein erster Eindruck, der sich einprägt. Er ist, wie schon bemerkt, oberflächlich und wird es auch bleiben, wenn man sich diesem Ort nicht direkter, offensiver und vor allem vorurteilsfrei nähert. Diese Zeit bleibt den wenigsten und meist hängt dem Durchreisenden auch noch ein Hauch Arroganz am Hals, sich Umsteigepunkten gegenüber reserviert zu benehmen.
Menschen, die von Berufswegen viel Reisen müssen, wissen sicher nur all zu gut, dass Reisen anstrengend sein kann, mithin eine Last. Für alle anderen gilt, Reisen gehört zu den Dingen, die eine geplante Erholung einleiten sollten. Schon deshalb möge sich das Reisen in den Urlaub stressfrei gestalten.
Um die ca. 2000 km von Berlin in den Süden Frankreichs zu überbrücken, ohne sich gewissen Stressanfälligkeiten ausgesetzt zu sehen, die einen nach zu vielen Stunden im Auto mit Sicherheit heimsuchen, wobei langsam auf der Hose schmelzende Schokoladenkrümel oder plötzlich in der Hose piepsende Taschentelefone, die einem lediglich an einen einzuhaltenden Zahlungstermin erinnern, genügen, um plötzlich unkontrolliert aus der Haut zu fahren, hatte ich mir überlegt, der Deutschen Bahn soviel Schotter in den gierigen Schlund zu werfen, dass sie klein beigibt und schließlich gewillt war, mir die Bequemlichkeit eines Autoreisezuges möglich zu machen.
Frankreich ist vom Westen Deutschlands aus leicht zu erreichen. Es ist einfach näher dran.
So fahren wir nach Hildesheim - wir vier sind neben meiner Herzdame und mir noch unsere beiden halbwüchsigen Infanten. 240 km zwischen Frühstück und Mittagessen. Verladung ist um 14.00 Uhr und wir sind dank freier Straßen und großzügiger Zeitplanung um einiges zu früh. Die Verladeklappe hat noch dicht und so beschließen wir uns das weltberühmte Hildesheim in Ruhe anzuschauen.
Als bekennender Schattenparker bevorzuge ich das nahe gelegene Parkhaus am Verladebahnhof - zweifelsohne bereits die erste Sehenswürdigkeit. Kaum habe ich das Auto verschlossen, strebe ich dem Ausgang zu, der mir mit Pfeilen angezeigt wird. Ich lande am Grund eines unbeleuchteten Neubautreppenflurs. Wo muss ich hin? Ich versuche es mit einer oberen Etage und taste mich die vorgefertigten Formstücktreppen hinauf. Dort wo ich eine Tür vermute, kann ich nur ein verschlossenes Blech ohne Klinke ertasten. Eine Etage höher öffnet sich die Tür allerdings. Frauenparkdeck steht an der Wand und in der Tat trifft mich sofort der missbilligende Blick einer Autofahrerin beim Rouge auftragen. Wieso gibt es eigentlich Frauenparkdecks? Ich hörte davon, dass sie sicherer sein sollen für Frauen. So können sie in Ruhe einparken, Lippenstifte nachziehen und all die Dinge tun, bei denen sie Männer nicht dabei haben wollen. Das Frauenparkdeck soll den Frauen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, aber ich frage mich, was für eine Sicherheit das sein soll, wenn Typen wie ich über einen Zugang dorthin gelangen können, der offensichtlich stillgelegt ist. Ich blicke über die Brüstung und stelle fest, dass ich viel zu weit oben bin, also taste ich mich wieder durch die Dunkelheit des Treppenflurs, bis ich nach unten keine weitere Treppe finde. Dafür ist der Boden knöcheltief überflutet, was meine leider nicht wasserfesten Sandalen nach wenigen Augenblicken deutlich betonen. Ich entfliehe über den Autos vorbehaltenen Weg.
Vor einem Strassencafé lungert eine Romakapelle auf sehr musikalische Weise herum. Sie bekommen unser spendenfreudiges Wohlwollen zu spüren und legen sich gleich noch etwas mehr ins Zeug.
Wir gucken ein bisschen Schuhe, ramschen etwas wohltatsche Billigbücher zusammen und finden uns bereits vor dem Bahnhof wieder. Von der Sicherheit der Fußgängerzone zum Leichtsinn verführt, wollen wir die Straße überqueren. Busse rasen aus einer Seitenstraße, die dort auf harmlose Reisende von Außerhalb lauern. Hupend und hydraulisch pupsend prasseln sie heran, Bus wie Busfahrer mit gleichermaßen gefletschter Frontansicht.
Das Verladen des Autos ist unkompliziert. Eine steile Rampe hinauf und hinter dem nächsten Auto anstellen. Die Männer von der Verladefront stöpseln ein paar Krallen vor die Räder, machen ein paar Witze, deren Pointe sie geschickt vor mir versteckt halten. Das war's. Und das hält nun bis Narbonne. Ich werde nicht umhinkommen in den Kurven gelegentlich aus dem Fenster zu blicken, um einen kontrollierenden Blick zu werfen.
Der Hildesheimer Kleinstadtbahnhof macht einen auf moderne Kundenbetreuung. Ausladender Presseshop, Cafeteria, klebende Fliesenfußböden, ein Backwarenstand, ein Drogerie. Nichts was man länger aushält, als nötig. Also setzen wir uns auf den vom gleißenden Sonnenlicht weichgegrillten Bahnsteig. Die Kopfhörer meines Taschentelefonradios verraten mir, dass auch im Großraum Hannover keinen hörenswerten Radiosender existiert. Stattdessen unterhält uns der Bahnhofsirre.Auf dem Bahnsteig gegenüber steht die Hildesheimer Vorstadtjugend und wartet auf den Zug in die große Stadt - Hannover. Gepiercte Bauchnäbel blinken in der Sonne. Pinkfarbene Handtaschen liegen auf Hüftwulsten, hochgepresst von blutstoppenden Jeans in den Trendfarben ausgeblichen, eingegilbt oder vollgepullert, das kann ich von hier nicht genau erkennen. Riechen tut es auf dem ganzen Bahnhof aber so. Turnschuhe ziehen Kaugummifäden hinter sich her, die den Tag überdauern werden. Das Leben brummt in Hannovers Einkaufzone und wartet auf erlebnishungrige vierzehnjährige.
Wir warten auf den Zug, der nun endlich einfährt und uns von Hildesheim entfernt.
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Wolle0509 14.09.2009 08:39
Pat1 20.05.2005 08:58
Lily 30.04.2005 18:56
PS: Und als wäre das Elend nicht schon groß genug, muss ich immer wieder daran denken, dass ein Bekannter sich eine Lebensmittelvergiftung geholt hat nach dem Genuss eines Döners aus einem Imbiss in der Bahnhofsgegend....
Lily 30.04.2005 18:16
Die Hildesheimer werden entsetzt sein..... Aber das ist einfach zu gut beschrieben. Und es gibt leider genau die Eindrücke wieder, die auch wir bei der ersten Begegnung mit Hildesheim bzw. mit dem Hildesheimer Bahnhof hatten. Als erstes scheint einem, dass hier kaum jemand den Zug nimmt; gleichzeitig scheint kaum ein Jugendlicher frewillig zu bleiben bereit zu sein, wobei die Kids vom persönlichen Stil her noch nicht für Hannover bereit sind. .... Das Bahnhofsumfeld sowie die Gerüche dort sind von dir wunderbar herausgearbeitet. Gleichzeitig Provinz, aber auch nicht übermäßig gepflegt, das alles..... Naja, wenn man dann Leute kennenlernt bzw. schon kennt, die man besucht, dann wird das Gesamtbild wieder etwas gerade gerückt durch Stadtführungen, den schönen Dom, nette Menschen etc.. So bleibt einem die Stadt dann auch besser in Erinnerung, und diese Möglichkeit lässt du ja auch offen. ....Wenn man hingegen nur den Bahnhof bzw. das Umfeld dort als Aushängeschild betrachtet, ja, dann....... Volles bh von mir. Grüße! Lily
radlman 27.10.2004 12:54