Von Vogelkojen und Grönlandfahrern
08.09.2003
Pro:
Einzigartige Kulturdenkmäler
Kontra:
Es sind so wenige
Empfehlenswert:
Ja
 Clandestina
Über sich:
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Vertrauende:9
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 52 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Die fast kreisrunde Insel Föhr liegt vor der Nordseeküste zwischen Amrum und Sylt. Im Gegensatz zu diesen beiden vorgelagerten Inseln ist Föhr flach und grün. Es gibt so gut wie keine Dünen. Ein Großteil der Fläche kann daher landwirtschaftlich genutzt werden. Das ist nur durch die komplette Eindeichung der Ufer möglich geworden. Im Süden umgibt en 15 km langer, jedoch nicht sehr breiter Sandstrand die Insel – der Grund dafür, dass seit 1819 Touristen nach Föhr kommen. Zentrum ist das Städtchen Wyk, seit 1842 als Heilbad bezeichnet, Fährhafen nach Dagebüll auf dem Festland und zur Insel Amrum. Die 82 km2 Fläche der Insel Föhr darf man mit dem Auto befahren. Allerdings lassen es die exorbitant hohen Kosten für die Fähre überlegenswert erscheinen, sich mit dem Fahrrad oder Inselbus fortzubewegen. Die 11 Inseldörfer liegen immer nur wenige km auseinander. Sie wären – außer den oft sehr malerischen Reetdachhäusern – nicht weiter besuchenswert, gäbe es nicht in dreien dieser Dörfer sehr alte Steinkirchen mit künstlerisch bemerkenswerter Innenausstattung: Nieblum, Süderende, Boldixum.
Nieblum 6 km westlich von Wyk gelegen, ist das Vorzeigedorf der Insel mit kopfsteingepflasterten Straßen, gesäumt von Ulmen- und Lindenalleen. Die Kirche St. Johannis, als „Friesendom“ bezeichnet, stammt aus dem 12. Jahrhundert. Der Backsteinbau ersetzte eine Vorgängerkirche aus der Zeit Karls des Großen, von der noch ein Taufbecken mit eindrucksvollen Tierreliefs erhalten ist. Der geschnitzte Flügelaltar stammt aus dem 15. Jahrhundert. Süderende hat mit der Kirche St. Laurentius ein ähnlich altes und prachtvoll ausgeschmücktes Gotteshaus vorzuweisen, ebenso wie Boldixum bei Wyk, dessen Kirche St. Nikolai sich auszeichnet durch einen Renaissancealtar und eine dazu passende Kanzel. Alle drei Kirchen sind glücklicherweise tagsüber geöffnet (was ja sonst bei evangelischen Kirchen nicht üblich ist), sodass man sie außerhalb der Gottesdienste besichtigen kann. Zumindest in der Hochsaison finden an den Sonntagen in den Kirchen Konzerte mit teilweise bekannten Interpreten statt. Die Kirchen zeugen von der Vergangenheit der Insel Föhr, als deren männliche Bewohner schon mit 14 Jahren auf Walfang zogen und die Versorgung ihrer Häuser und Äcker den Frauen überließen. Die Walfänger wurden für ihre gefährliche Tätigkeit sehr gut bezahlt und brachten Ihrer Heimatinsel Wohlstand, natürlich sparten sie auch nicht an der Ausstattung ihrer Kirchen. Die Kapitäne konnten es sich leisten, prächtige Grabsteine auf den Friedhöfen für sich und ihre Familien zu errichten. Diese Grabsteine, meist aus dem 17./18. Jahrhundert, stellen heute die Hauptattraktion der Friedhöfe der drei genannten Kirchen dar. Mit wunderschönen Bildmotiven geschmückt – meist Segelschiffe – erzählen die umfangreichen Inschriften die Lebensläufe der Föhrer Seefahrer, und zum Glück in leidlichem Hochdeutsch, sodass man sie verstehen kann. Stundenlang kann man sich auf den Friedhöfen aufhalten und viel vom rauhen Leben und den Abenteuern der Walfänger erfahren. Geschichte aus erster Hand!!!
Die Dörfer mit ihren Kirchen liegen ausnahmslos auf dem Hochland der Geest. In den Marschen gibt es keine Wohnsiedlungen. Sie dienen ausschließlich der Viehwirtschaft. Früher wurden auch Wildenten dort gefangen, in sogenannten Vogelkojen. Das sind Teiche innerhalb von kleinen Wäldchen, wo man mit Hilfe von Lockenten die einfliegenden Zugvögel in reusenähnliche Fallen lockte. Man kann die Vogelkojen besichtigen bei einer angenehmen Rast, geschützt vor dem unablässigen Wind. Wer nun Lust bekommen hat, mehr über das Leben der Föhringer (so heißen die Bewohner von Föhr) in der Vergangenheit zu erfahren, findet dazu Gelegenheit im Friesenmuseum in Wyk. Man betritt das Gelände durch einen Torbogen aus zwei riesigen Walrippen. Aufgebaut ist neben dem Haupthaus auf dem Freigelände neben einer Windmühle und einem Stall das älteste Haus von Wyk, der Olsen-Hof von 1617 aus dem Dorf Alkersum. In diesem Haus kann man sich (standesamtlich) trauen lassen. Im Haupthaus der Museumsanlage findet man zunächst im Erdgeschoss die (wenigen) Funde zur Vor- und Frühgeschichte. Am interessantesten sind aber die volkskundlichen Sammlungen: Leben auf der Insel in vergangenen Zeiten, der Walfang, viele viele Schiffsbilder und –modelle, Briefe von Kapitänen, Mitbringsel von ihren Fahrten. Eine Kajüte und die Wohnstube eines Friesenhauses (Pesel) sind originalgetreu aufgebaut. Puppen sind mit der alten Föhrer Tracht aufgeputzt (die heute noch bei Hochzeiten getragen wird). Ein Raum befasst sich mit der Geschichte des Seebades Wyk und zeigt originelle Badeutensilien. Ein weiterer Raum behandelt die Auswanderung von Föhr im 19./20. Jahrhundert, die nötig wurde, als aufgrund des Rückgangs der Walfängerei die Insel ihre Bewohner nicht mehr zu ernähren vermochte. Interessanterweise gab es (und gibt es) besonders in New York und Galveston in Texas „Föhringer-Kolonien“. An der Museums-Kasse gibt es geschmackvolles Kunstgewerbe zu recht günstigen Preisen – nette Mitbringsel, die sich vom üblichen Kitsch abheben.
Dr. Carl Häberlin Friesenmuseum Rebbelstieg 34 Eintritt: 2,50 für Erwachsene Juli/August: tägl. 10-17 Uhr Nov.-Febr. Di-So 14-17 Uhr März–Okt.: Di-So10-17 Uhr info@friesen-museum.de
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29.08.2007 02:01
Ist ja interessant, wie es vor 4 Jahren auf Föhr aussah! Inzwischen hat sich ein bisschen was geändert - aber interessant zu lesen...:-) Gruß aus dem gallischen Dorf Miraculix1967:-)
09.09.2003 00:01
Danke, das du uns mit deinen Erzählungen rauf nach Föhr mitgenommen hast! lg Andreas
08.09.2003 15:29
Guter Bericht. Wenn man mit dem Auto anreist und den Wagen an der Fähre in Dagebüll stehenläßt, muß man inzwischen auch richtig viel Geld bezahlen. Da mu0 man echt schauen, ob nicht mitnehmen sogar billiger kommt. cu Kalli