DB - ICE/ICE-Sprinter

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Lach- und Sachgeschichten mit der Deutschen Bahn Teil 3

3  09.02.2011

Pro:
Unterhaltsame Mitreisende

Kontra:
Straffe Dienststrukturen erzeugen groteske Mitarbeiterhandlungen

Empfehlenswert: Ja 

fredbaer

Über sich: Lesen und gelesen werden.

Mitglied seit:28.06.2004

Erfahrungsberichte:44

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Lach- und Sachgeschichten mit der Deutschen Bahn Teil 3

Die Betreuerin und die Armlehnenklapper

Im Bahnhof Frankfurt am Main Flughafen rollte ich die Rolltreppe zum Bahnsteig hinunter und betrat die 1. Klasse des ICE Richtung Berlin. Ich ergriff eine kostenfreie Tageszeitung und machte es mir an meinem Platz bequem.

Kurz nach Abfahrt des Zuges sprach mich eine blonde, leicht korpulente Bahnmitarbeiterin, Mitte Zwanzig, an: "Darf ich Ihnen eine Zeitung bringen?"
"Nein" entgegnete ich "Ich habe bereits eine Zeitung" und deutete auf meine Zeitung. "Das geht aber nicht so, dass Sie sich hier einfach eine Zeitung nehmen, ich muss Ihnen immer die Zeitung nämlich immer bringen!" empörte sich die Dame. "Sind Sie mit dem Flieger der Lufthansa angekommen?" fragte sie mich nun. Ich bejahte, worauf sich die Mine der Mitarbeiterin aufhellte." Das ist fein. Ich bin nämlich ihre persönliche Betreuerin und betreue Sie". Sie strahlte mich wie ein Honigkuchenpferd an. „Darf ich Ihnen einen Kaffee und etwas Kuchen bringen?“ Ich verneinte, da ich etwas schlafen wollte.

Ich versenkte mich schlummernd hinter meiner Jacke, als ich eine keifende Frauenstimme vernahm: „Schon wieder sind die Armlehnen hochgeklappt, können Sie nicht ordentlich sitzen?“ Eine Kundenbetreuerin fauchte einen Mann im Anzug an: „Ich bekomme hier immer Ärger, wenn die Lehnen hochgeklappt sind. Wenn Sie Ihren Platz wechseln bitte ich Sie die Armlehnen nach dem Aufstehen wieder herunterzuklappen!“ Der Geschäftsmann schüttelte verwundert den Kopf, entgegnete aber nichts. Kurz darauf kam wieder meine Betreuerin vorbei. „Haben Sie nun einen Wunsch?“ fragte Sie mich. „Ich bin wunschlos glücklich“ nickte ich Ihr zu. „Sie sind immer so abweisend, dabei möchte ich Sie bloß betreuen“ klagte nun die DB-Mitarbeiterin. Ich bat sie bei mir eine Ausnahme zu machen, da ich nicht betreut werden wollte. „Das geht aber nicht, ich bin extra dafür eingesetzt und Lufthansafluggäste zu betreuen und Sie sind nun einmal bloß der einzige Fluggast“ entgegnete die Betreuerin. „Deshalb muss ich Sie betreuen“. Mir ging diese Betreuungsaufdringlichkeit auf die Nerven, so dass ich zum Gegenschlag ausholte. Die Betreuerin stand noch immer an meinem Platz und wartete. „Ich hab da eine Idee“ wandte ich mich an die Betreuerin „Das sich mich ja unbedingt betreuen wollen, lade ich Sie heute Abend in Berlin in das Kino ein. Die Kinokarte bezahle ich Ihnen auch“. Ich grinste die Betreuerin an, worauf diese rot wurde. „So habe ich dass nicht gemeint. Geht ja auch nicht, ich steige nämlich in Fulda aus.“ Die Betreuerin wandte sich ab und verschwand.

Kurz stürmte die andere Mitarbeiterin durch den 1. Klasse-Wagen und schimpfte mit den anderen Fahrgästen, welche ihrem Habit nach zu urteilen, vorwiegend Geschäftsreisende waren. „Schon wieder sind die Sitzlehnen oben! Können Sie nach dem Verlassen Ihres Platzes nicht die Armlehnen wieder herunterklappen!!! Das sieht ja hier aus wie bei Hempels unterm Sofa. Saustall!!!“ Die Mitfahrgäste wunderten sich: „In was für einen Ton reden Sie denn mit uns?“ Die Kundenbetreuerin entgegnete: „Wir haben hier vom DB Job-Monitoring permanente Kontrollen, wenn die Armlehnen in der 1. Klasse nicht heruntergeklappt sind, kann das mich eine Abmahnung kosten!“ Die Kundenbetreuerin reckte den Kopf und rief: „HE, SIE DAHINTEN. KLAPPEN SIE BITTE DIE ARMLEHNE NACH VERLASSEN IHRES PLATZES NACH UNTEN!“ Ein Fahrgast war gerade aufgestanden und verließ den Wagen. Dabei hatte er die Armlehne NICHT nach unten geklappt.

Bei den nächsten Dienstreisen von Frankfurt (Main) Flughafen verschwand ich, trotz Erste-Klasse-Ticket immer in der zweiten Klasse und war so vor den Betreuerinnen und Fahrgästen welche die Armlehnen nach dem Verlassen ihres Platzes nicht sorgfältig nach unten klappten, sicher. Als ich dann, einige Zeit später, wieder die 1. Klasse des ICE benutze habe ich keine Fluggastbetreuerinnen und Sitzlehnen-Ordnungskräfte mehr gesehen. Wahrscheinlich hatten sich darüber genügend Fahrgäste beschwert.

Das mit dem Bringen der Zeitung habe ich auch noch herausgefunden, damit soll ein sogenannter Erstkontakt mit dem Fahrgast hergestellt werden, um ihm leichter Speisen und Getränke verkaufen zu können. Die Erste-Klasse-Kundenbetreuer erhalten dafür eine extra Schulung.

Eine Reise im Ruhebereich

In den ICE-Zügen der Deutschen Bahn gibt es extra ausgewiesene Ruhebereiche, in denen Handygespräche, laute Unterhaltungen, Feiern von Partys und Lärm aller Art unerwünscht ist. Diese sind mit einem Symbol gekennzeichnet, welches das Profil eines menschlichen Kopfes mit einem Finger vor dem Mund zeigt und einem weiteren Symbol mit einem durchgestrichenen Handy.

Als ich in Berlin Hbf. den Ruhebereich des gut besetzten ICE betrat, empfing das mich das Knattern einer Maschinenpistolensalve. "Wir schaffen es nicht, es sind zu viele Leute" brüllte eine Männerstimme "Wir brauchen Handgranaten!" Kurz darauf detonierten Handgranaten, ich taumelte aus dem Ruhebereich zurück.
Blut lief die Scheibe herunter, menschliche Gliedmaßen bedeckten den Raum. Ein fülliger junger Mann, saß über sein Notebook gebeugt und konsumierte einen

Bilder von DB - ICE/ICE-Sprinter
  • DB - ICE/ICE-Sprinter Die Geigerin probt
  • DB - ICE/ICE-Sprinter Mit den Schuhen auf dem Sitz
  • DB - ICE/ICE-Sprinter ICE Nürnberg Hbf
DB - ICE/ICE-Sprinter Die Geigerin probt
Die Geigerin probt für ihr nächstes Konzert.
Kriegsfilm. "Boah, geil" freute sich der junge Mann und starrte gebannt auf die Blutpfützen auf seinem Display.

Ich nahm rasch meinen Platz ein und versenkte mich ruhend hinter meiner Jacke. "Das ist mein Platz, stehen Sie auf. LOS, LOS!!!" Ein Mann in Begleitung einer südländischen Dame stand drohend vor einem sitzenden Fahrgast. "Ich habe aber diesen Platz reserviert" entgegnete der sitzende Fahrgast. "NEIN, das ist mein Platz" fauchte der stehende Mann. "Bei der Bahn arbeiten nur Idioten welche stets fehlerhafte Reservierungen verursachen, los bewegen Sie Hintern und geben Sie MEINEN Platz frei". Der sitzende Fahrgast erwiderte:
"Darf ich einmal Ihre Reservierung sehen?" Der stehende Mann knurrte und wedelte mit einem Blatt vor der Nase des sitzenden Fahrgastes herum. Dieser hielt das wedelnde Blatt fest und las ab: "Hier steht die Platznummer und die Wagennummer Wagen 3. Mein Platz befindet sich aber im Wagen 4, da haben Sie sich wohl geirrt." Der stehende Mann knurrte und fauchte. Er
zeigte auf dem Nachbarsitz des sitzenden Fahrgastes: "Hier steht ein Rucksack auf einem Sitz und so wie Sie aussehen, Buh, Bäh, Grrrr!"
Er wandte sich um und verlies polternd mit seiner Begleiterin den Wagen.

Ich nickte wieder ein, als ich kurz darauf durch lautes Stimmengewirr wieder geweckt wurde. "Ich sitze schon im Zug!", "Ich bin jetzt im ICE und in zwei Stunden da", "Weißt Du schon wo ich bin? Ich sitze im Zug, Hi, Hi!","Ich bin hier" gellte eine Frauenstimme an mein Ohr. Ich schob den Kopf hinter meiner Jacke hervor. Eine mir unbekannte Frau schaute mich an. "Ich bin hier" rief die Frau erneut. "Ich bin auch hier" entgegnete ich müde und winkte der Dame zu. Diese schien sich plötzlich nicht mehr für mich zu interessieren und plauderte angeregt in ihr Headset.

Nach der Abfahrt des Zuges begrüßte der Zugchef die Fahrgäste auf Deutsch und Englisch. Danach lud er in das Bordrestaurant ein und wiederholte die Einladung auf Englisch. Als ich der Meinung war, nun endlich weiter schlafen zu können, empfahl der Zugchef Getränke und Gerichte aus dem Bordrestaurant. Dazu las er die Speisekarte vor, nannte die Gerichte mit den Preisen. Dann folgten die Getränke von der Getränkekarte, ebenfalls mit Preisnennung. Die ersten Fahrgäste verzogen die Gesichter, andere hielten sich die Ohren zu. Nun folgte ein erneutes Vorlesen der Speisekarte, diesmal auf Englisch. Nachdem der Zugchef mit der Bordrestaurant-Vorlesung geendet hatte, kehrte Ruhe ein und schlummerte ich wieder ein.

Ein permanentes "Düdd, Düdd, Chr, Chr, Düdeldü, Peng" riessen mich aus dem Schlaf. An einem Tischplatz vergnügten sich die beiden Kinder einer Familie mit einem Gameboy.
Ein Renter stand auf und sprach die Familie an: "Könnten Sie bitte ein klein wenig die Lautstärke dämpfen, wir haben hier extra den Ruhebereich gebucht und erleben seit Abfahrt des Zuges nur Lärmterror. Hier ist es ja lauter als in einem Wagen ohne Ruhebereich". Der Vater schaute verärgert auf: "Wollen Sie den Kindern etwa das Spielen verbieten?" Nein, auf keinen Fall" erwiderte der Rentner "Sie möchten doch bitte etwas leiser sein. Hat denn das Spielzeug keinen Lautstärkeregler?" Er zeigte auf den Gameboy. "Sie sind ja ein KINDERFEIND" erboste sich jetzt die Mutter. Jetzt klingelte das Handy des Vaters. "Ja, ich bin hier. Wir sitzen im Zug" brüllte der Vater in sein Handy. Der Rentner hob abwehrend die Arme. "Könnten Sie bitte etwas leiser sein, hier ist nämlich der Ruhebereich" versuchte er friedlich zu erklären. "Eine Frechheit ist das" schimpfte die Mutter "Immer diese kinderfeindlichen alten Leute, die oberlehrerhaft alles besser wissen" Der Rentner wandte sich resigniert ab und ging zu seinem Platz. Der Geräuschpegel am Familientisch nahm etwas ab.
Ich versenkte mich wieder hinter meiner Jacke und nickte ein.

"RumbaBUM", "Trüüüüüüüht", "Prfffffft", "Tätärätä", "Schrill-Schrill", "...derber, straffer, fester, ich will ne Krankenschwester", "Rüüüüüülps", "Kein Schwein ruft mich an...." rissen mich aus dem Schlummer. Ich schaute hinter meiner Jacke hervor. Einige Plätze weiter hantierte ein junger Mann an seinem Handy. Der Rentner stand auf und sprach den jungen Mann an: "Hier ist ein Ruhebereich, könnten Sie bitte den Ton leiser stellen?" Er wies auf das Ruhebereichsymbol. "Ich probiere ja bloß meine Handyklingeltöne aus" erwiderte entrüstet der junge Mann. "Bitte üben Sie doch Rücksicht gegenüber den anderen Fahrgästen welche hier den Ruhebereich gebucht haben". Das schien dem jungen Mann nicht zu gefallen, verärgert widmete er sich wieder seinem Handy. An ein Weiterschlafen war nicht zu denken.

“Hallo Mutti, ich war heute beim Bewerbungsgespräch gewesen und weiß nicht was ich machen soll“ Ein etwa 35jähriger Mann mit kariertem Hemd und gestreifter Krawatte führte heftig gestikulierend ein lautes Telefongespräch. „Soll ich in Berlin oder in Hannover anfangen zu arbeiten? Eigentlich würde ich lieber bei Dir zu Hause in Hannover wohnen bleiben, was würdest Du denn sagen?“
"Ich sitze im Zug" übertönte eine Frauenstimme aus einem anderen Bereich des Wagens den telefonierenden Mann. "Verstehst Du nicht, ich sitze im Zug" fuhr die Frauenstimme fort. "Wie oft soll ich Dir noch sagen, dass ich im Zug sitze. IM ZUG. Bist Du so blöd dass Du es nicht verstehst, ich sitze im Zug". Die Frauenstimme gab nicht auf.

Als ein Kundenbetreuer den Wagen durchquerte, sprach ihn der Rentner an: "Können Sie bitte etwas gegen den Lärm unternehmen, wir haben extra den Ruhebereich gebucht, um unsere Ruhe zu haben. Die lauten Handytelefonate gehen uns auf die Nerven". Der Schaffner antwortete: "Ich darf hier leider keine Reisenden disziplinieren, der Ruhebereich ist lediglich ein Appell an die Fahrgäste, sich leise zu verhalten. So wie man in einer Bibliothek erwartet, dass die Benutzer sich leise verhalten".

Das Geheul eines anfliegenden Stuka-Geschwaders, untermalt von den Schüssen der Flak unterbrach die Ausführungen des Kundenbetreuers. Der eingangs erwähnte junge Mann hatte die Lautstärke seines Notebooks erhöht.
"Ich bitte Sie doch bloß Ihr Hausrecht wahrzunehmen und im Ruhebereich des Zuges die Mitreisenden freundlich um etwas Ruhe und Rücksichtnahme zu bitten. Wir haben doch extra den Ruhebereich gebucht, um Ruhe zu haben" entgegnete der Rentner. "Zu gefährlich!" gab der Kundenbetreuer zurück "dann gibt es bloß Beschwerden von den Fahrgästen, welche hier geräuschvoll ihre Individualität ausleben möchten. Das kann mich meine Zielvereinbarungsprämie kosten". Der Schaffner verzog das Gesicht, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. "Außerdem ist dass hier ein Spiegelbild der Gesellschaft". Sprachs und eilte mit schnellen Schritten davon. Der Rentner schaute ihm fassungslos nach. "Spiegelbild der Gesellschaft" murmelte er fassungslos vor sich hin und begab sich zu seinem Platz.

Ich hatte mich wieder hinter meiner Jacke verkrochen und war eingeschlummert. Plötzlich verspürte ich wie Hände über meine Jacke strichen und versuchte diese vom Haken zu nehmen. Ich tauchte hinter dem Jackenvorhang auf und erblickte einen sportlich wirkenden Mann, Ende Fünfzig" welcher meine Jacke befühlte und daran zupfte. "Das ist meine Jacke und die bleibt hängen! Haben Sie denn keine eigene Jacke?" knurrte ich den Mann an. Der Mann schaute mich verunsichert an und bemerkte: "Ich habe mich verlaufen und weiß nicht mehr wo mein Platz ist. Bin immer hin und her gelaufen da war plötzlich mein Platz weg". Der Mann zuckte mit den Schultern und wandte sich ab. Kurz darauf hörte ich wie ein Fahrgast den verirrten Mann lautstark darauf hinwies, dass er nicht seinen Rucksack befummeln möge.

An ein Weiterschlafen war nicht mehr zu denken. Als ich dann den Ruhebereich zum Ausstieg verließ kam ich wieder an dem jungen Mann mit dem Notebook vorbei. Jetzt peitschten wieder Schüsse, untermalt vom Kriegsgeheul der Indianer und Pferdegetrappel der US-Kavallerie. Der Protagonist schaute jetzt einen Western.
Der Pinkelpausen-Express

Eigentlich heißt er Schleswig-Holstein-Express und verbindet u.a. die Hansestadt Hamburg mit Kiel und Flensburg. Während einer mehrtätigen Dienstreise in Schleswig-Holstein übernachtete ich in Hamburg und nahm tagsüber einige Termine in Rendsburg und Neumünster wahr.

Am Nachmittag, gegen 15:00 Uhr läutete ich den Feierabend ein und schlitterte hurtig durch die mit festgetretenen Schnee behaften Fußwege zum Rendsburger Hauptbahnhof.

Der RE von Flensburg nach Hamburg hatte lt. Anzeige 15 Minuten Verspätung. Ich zog mir die Wollmütze über die Ohren, versenkte die Hände in den Hosentaschen und wartete bei gefühlten -10 C Außentemperatur auf den Zug. Als dieser in den Bahnhof einrollte, drängten sich Massen von Menschen auf dem Bahnsteig. Der Zug hielt, sofort drängelten sich Trauben von Menschen, unterstützt von Kinderwagen, Säcken, Kartons, Koffern und weiteren Gepäckstücken um die Einstiegstüren des vollbesetzten Zuges.
Während die Aussteiger aufgrund des dicht besetzten Bahnsteiges Mühe hatten aus dem Zug auszusteigen zwängten sich schon die ersten Einsteiger drängelnd in die Türen.

Der Kundenbetreuer, die Trillerpfeife im Mund, kämpfte sich außen am Zug durch die ein- und aussteigenden Fahrgäste. "Kann ich bei Ihnen eine Fahrkarte kaufen" wandte sich ein Paar an den Schaffner. Dieser winkte unwirsch ab, nuschelte mit der Trillerpfeife im Mund: "Keine Zeit, Pinkelpause" und eilte weiter. Nach etwa 10 Minuten, der Fahrgastwechsel war längst beendet, setzte sich der Zug in Bewegung.
Ich drängelte mich durch vollbesetzten Zug, schob mich an einem Cello vorbei, kletterte über auf dem Boden stehende Umzugskisten, sprang über eine Art Kartoffelsack, zwängte mich, diese streifend, an einer vollbusigen Dame vorbei, stolperte über auf dem Boden liegende Taschen und gelangte so in ein Großraumabteil, in dem glücklicherweise noch vereinzelt Stehplätze frei waren.

Hinter mir bemerkte ich den Kundenbetreuer. Eine Dame meldete sich, so wie in der Schule, mit dem Heben des Armes: "Herr Schaffner, dürfte ich bitte das WC benutzen, es ist wirklich sehr dringend" brachte sie schüchtern hervor. "Geht nicht" antworte dieser "Der nächste WC-Halt ist in Neumünster. Wenn der Zug rollt, dann bleibt das WC zu" fügte er noch hinzu und drängte sich durch die Fahrgäste.
Kurz vor dem nächsten Haltepunkt, in Nortorf kontaktierte ein Mann den Kundenbetreuer. "Könnten Sie bitte einmal das WC, ausnahmsweise nur für mich, öffnen?" "NEIN" antworte im Kommando-Ton der Schaffner. "Das hier ist ein Haltepunkt und kein Bahnhof. Pinkelpausen gibt es nur Bahnhöfen. Kommen Sie bloß nicht auf die Idee eigenmächtig das WC zu öffnen und zu benutzen!!!" Der Kundenbetreuer sprang aus dem haltenden Zug und eilte am Bahnsteig entlang, da ein Durchkommen im Zug nicht möglich war. Einsteigenden Fahrgästen rief er zu: "Wenn Sie die Toiletten benutzen möchten, dann bitte ich um eine Anmeldung bei mir. Toilettenbenutzung nur nach vorheriger Anmeldung. Dann werde ich die WCs freigeben. Die nächste Pinkelpause ist dann in Neumünster". Die Einsteiger nahmen dies mit Gelassenheit auf und stiegen in den Zug.

Vor dem WC hatte sich eine Mutter mit ihrer Tochter eingefunden. "Mutti, ich muss mal ganz nötig" jammerte das kleine Mädchen. "Ich halte noch aus, sie können vor mir dass WC benutzen" wandte sich der vor dem WC stehende Mann an die Mutter. "In Neumünster sind wir in 7 Minuten, dann ist wieder Pinkelpause" ergänzte er. "....und wenn wir doch heimlich das WC benutzen" die Mutter klinkte an der WC-Tür, welche aber verschlossen schien. "Haben sie eine Anmeldung für dieses WC" fragte der Mann. "Nein" antwortete die Mutter "Meine Tochter muss mal, ganz ohne Anmeldung". "Wie ich schon sagte, Sie können meine WC-Anmeldung haben. Ich frage dann den Kundenbetreuer, ob ich nach ihnen darf" erwiderte der Mann großzügig. Ein anderer, im Gang stehender Mann schimpfte: "Zustände sind das hier, das müsste man doch glatt unter den Sitz sch..... .
Kurz darauf erschallte die Stimme des Kundenbetreuers aus dem Lautsprecher: "Sehr geehrte Fahrgäste, in Kürze errechen wir den Bahnhof Neumünster. Für die vorgemeldeten Fahrgäste gebe ich die WCs frei, somit ist in Neumünster wieder die langersehnte Pinkelpause. Eine weitere gute Nachricht habe ich noch, auf dem Gleis gegenüber steht ein Regionalexpress nach Hamburg Hbf. bereit, mit welchen Sie diesen schneller erreichen als wie mit unserem Zug. Außerdem gibt es dort ausreichend Sitzplätze und funktionierende WCs. Weiterhin soll dieser Zug in Hamburg von der Strecke genommen werden und in die Werkstatt gebracht werden".
Das nahmen die Fahrgäste freudig auf und quollen aus dem vollbesetzten Pinkelpausen-Express in den gegenüberliegenden Zug.

Die Ursache für die "Pinkelpause" habe ich auch noch herausgefunden. Nach dem Benutzen der WCs versagte die Spülung und der Zug konnte deshalb nicht weiterfahren, so die Aussage des Kundenbetreuers. Dieser musste im Anschluss an die WC-Benutzung einen Schaltkasten öffnen und dort ganz bestimmte Schalterkombinationen drücken. Dadurch leerte sich das WC und der Zug konnte wieder weiterfahren. So eine Art elektronische Störung. Die WC-Leerung konnte er aus eisenbahnbetrieblichen Gründen aber nur in Bahnhöfen, aber nicht in Haltepunkten durchführen.
So hat mir es der Schaffner erklärt. Um den Fahrgästen die WC-Benutzung zu ermöglichen, bat er diese um vorherige WC-Anmeldung, entriegelte am Bahnhof die WCs, drückte die Knöpfe im Schaltkasten, verriegelte die WCs wieder und erteilte dann das Abfahrtssignal.

Am nächsten Morgen erwartete mich in Neumünster ein anderer Termin. Frohgemut fand ich mich am Hamburger Hbf. ein und wollte lt. Reiseplanung den RE nach Kiel über Neumünster benutzen. Anstelle der sonst verkehrenden Doppelstockzüge nach Kiel stand am Bahnsteig ein Zug mit flachen Wagen. Kurz nach dem Einstieg bemerkte ich einen Disput zwischen dem Kundenbetreuer, einem jungen Mann und Fahrgästen. Dort ging es um das vorherige Anmelden bei der Benutzung der WCs. Die Situation kam mir vom Vortag her sehr bekannt vor, ich nahm in einem Abteil mit einer Gruppe Rentner Platz.
Eine Rentnerin fragte mich: "Sagen Sie mal, haben Sie hier ein funktionierendes WC gesehen?" Ich grinste die Dame an: "Höchstwahrscheinlich müssen Sie sich vor der WC-Benutzung beim Kundenbetreuer anmelden, so eine Art Pinkelpause auf Voranmeldung". Die Rentnerin schaute mich verwundert an: "Sie wollen mich wohl veralbern?" Nun erklang die Stimme des Kundenbetreuers aus dem Lautsprecher: "Sehr geehrte Fahrgäste, das Zugteam der Deutschen begrüßt Sie auf der Fahrt nach Kiel. Der nächste planmäßige Halt ist Hamburg- Dammtor. Beachten Sie bitte weiterhin, dass die Toilettenbenutzung aufgrund einer technischen Störung nur auf vorherige Anmeldung möglich ist. Bitte sprechen Sie mich auf eine mögliche WC-Benutzung an".

Die Rentner schüttelten die Köpfe. "Das ist ja unglaublich, genauso wie Neunzehnhundertsechsundvierzig, als die Leute nach dem Krieg zum Hamstern aufs Land gefahren sind. Da waren auch immer die Züge überfüllt und die Toiletten funktionierten nicht oder konnten nur auf Kommando aufgesucht werden" kommentierte Rentner aus der Gruppe.
"Aber da haben Sie ja noch gar nicht gelebt" wandte er sich an mich.
Fazit

Das Reisen mit der Bahn bietet eine Fülle von Erlebnissen und soziologischen Studien, welche in anderen Verkehrsmitteln, in dieser Ereignisdichte, nicht möglich wären.


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masterlanguages

masterlanguages

16.04.2014 19:35

EInfach klasse! BH, LG Claudete

Trolles

Trolles

17.11.2013 03:25

bh

citycrush

citycrush

01.11.2013 21:14

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