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Rockin' Chicago

5  08.09.2008

Pro:
Abwechslungsreiche, unterhaltsame, gepflegte Stadt .

Kontra:
Unberechenbares Wetter, Kriminalität außerhalb des Zentrums .

Empfehlenswert: Ja 

komiker13

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Mitglied seit:02.08.2006

Erfahrungsberichte:64

Vertrauende:81

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 399 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Wir schreiben das Jahr 1770. Auf einem Feld nahe des Lake Michigan pfeift mir der Wind durch die Rippen. "Checagou" - "Land, das nach Zwiebeln stinkt" nennen die Rothäute die Gegend und sie treiben hier Handel. Dort drüben errichtet Jean Baptiste Point du Sable gerade einen Handelsposten. Der Schwarze sei der erste Weiße, der sich hier niederlässt, juxen sie über ihn. Er weiß nicht, dass er gerade den Grundstock für die am 12.08.1833 gegründete, drittgrößte Stadt der USA gelegt hat. Die hervorragende natürliche Infrastruktur mit den Wasserwegen über den Lake Michigan Richtung Ostküste und dem Chicago River zum Mississippi in den Mittleren Westen hinein ließen die Stadt gedeihen. Der Bau der Ost-West-Eisenbahn und später die legendäre Route 66 taten für das "Tor des Westens" ihr Übriges. Um den Erfolg zu verdeutlichen von 4.200 Einwohnern im Jahr 1837 wucherte die Zahl auf zwischenzeitlich 3 Millionen im Jahr 1980 und 2,8 Millionen heute.

Springen wir ein bisschen.

10.10.1871 - eigentlich wollte ich, wie viele hier, nur ein großes, leckeres Steak grillen - außen kross und innen schön saftig - von der Flamme geküsst und geschmacklich "Muuuh!" beim Reinbeißen brüllend. Doch die Jungs hinter mir haben es übertrieben. Ja, sie hatten etwas mehr Fleisch aus den Schlachthöfen vor der Stadt. Aber mussten sie deshalb gleich das ganze Zentrum abfackeln?? Und dann diese Ausreden... Ein Hornvieh habe angeblich (aus Frust?) gegen eine Laterne getreten und das Feuer entfacht. Doch das vermochte beim besten Willen keiner zu glauben. Also rückte als nächstes eine katholische Einwanderin in Verdacht. Den Neuen kann man einfach nicht trauen. Nie! Schließlich vermutete man, ein gewisser Daniel Sullivan habe beim Versuch, ihr Milch zu stehlen, das Feuer gelegt. Kurz vor seinem Tode gab er dies sogar zu. Doch profitiert, haben vom Brand letztlich ganz andere. Nicht zuletzt die Stadt an sich - schuf der von diversen Umständen begünstige Brand doch viel Platz für die in 2008 noch so schön hoch ragenden Häuser. Doch später dazu mehr.

Statt dessen ein weiterer Sprung.

Gehen wir in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein. Man mag mir sagen, was man will, aber die Stadt charakterisiert(e schon immer) ein gestörtes Verhältnis zum Alkohol. Schon der "Lager Beer Riot" 1855 war ein Wahnsinn. Ein Aufstand für das Recht am Sonntag Bier ausschenken zu dürfen! Damals fragte ich mich noch, was kommt als nächstes? Ausweiskontrolle am Pub?? Und manch etablierte Frau schüttelt heute noch den Kopf über diese Deutschen. Aber hatten sie nicht Recht? Und ich stell mir mal vor, die Prüderie wäre damals schon auf den Gedanken gekommen, einen Zusammenhang zwischen Alkohol und Kriminalität zu entwickeln. Manchmal frage ich mich, was die wohl nehmen. Jedenfalls haben sie es nun endgültig auf die Spitze getrieben! Was waren das noch für Zeiten, früher, als man mit den Jungs nach Feierabend noch auf ein, zwei Bier in der Bar gegenüber ne Runde Karten spielen konnte. Und heute? Einfach verboten! Zu kriminell. Pah! Haben die schon mal 'nen Betrunkenen 'ne Bank überfallen sehen?? Unsinn! Zum Glück habe ich von einem guten Freund gehört, dass am Ende der Stadt ein Italiener ein Speakeasy eröffnet hat, eine Flüsterkneipe. Dort kommt zwar nicht jeder rein, aber wenn man sich kennt... Selbst der Chief hängt dort lieber ab, als zu kontrollieren, habe ich gehört. Und wenigstens gibt es dort noch Schnaps! Der schmeckt mir zwar nicht so gut und beim letzten Mal hatte ich auch noch nen ganz schönen Kater am nächsten morgen, aber die neue Idee, den Whiskey auf Eis zu servieren, gefällt mir. "On the Rocks" nennen sie das und zwei, drei davon von und der Abend rockt!

(Die oben verwendeten Daten habe ich bei de.wikipedia.org recherchiert.)


Ein Sprung in die Gegenwart.

Arrivin' Chicago - Welcome to America
Ankommen - eine wichtige Voraussetzung fürs Erleben. Chicago bietet derlei mehrere Möglichkeiten: Schiff, Eisenbahn, Bus, Auto, ich entschied mich fürs Flugzeug über den Flughafen - Chicago O'Hare (ORD). Von Deutschland aus kam ich nach ca. elf Stunden Flug mit siebenstündiger Zeitverschiebung dort an. Der Flughafen bietet mit seiner Größe mehr Möglichkeiten sich zu verlaufen als sich zu orientieren und das amerikanische Genuschel des Servicepersonals macht es dem geneigten Schulenglisch Ermächtigten nicht zwingend einfacher. Dennoch es gibt fiesere Fallen, wie z.B. den Weg in die Stadt. Gemeinhin landen international Reisende am Terminal 5, innerländische Fluggäste an den Terminals 1 - 3. Low-Bugdet-Reisende nehmen einfach die Flughafenrundbahn bis zum Terminal 2, an dem die CTA Blue Line (Straßenbahn) Richtung Chi City für lumpige 2 $ abfährt. Alternativ holt man sich am Automaten eine günstige Mehrfahrten- oder Mehrtageskarte. Mehr Infos hierzu gibts unter http://www.transitchicago.com/ unter CTA Store. Komfortmögende Menschen setzen sich einfach in ein offizielles Taxi und fahren für ca. 40 $ in die Innenstadt. Oder wer zuviel Geld hat, bucht die unfreiwillige Stadtrundfahrt für das Dreifache in einem wilden Taxi. Daneben gibts noch den Airport Express für um die 23 $ und die Option eines Mietwagens.

Ich entschied mich für die Blue Line. Die Option ist zwar gerade am Wochenende wegen Umbaumaßnahmen etwas abenteuerlich (Umstiege etc.), aber ansonsten durchaus ok. Die normale Fahrt dauert ca. 45 Minuten bis in den Loop (Innenstadt). Jede Station wird in einem klar verständlichen Englisch angesagt und Sicherheitsprobleme fielen mir auch nicht auf. Im Allgemeinen ist die Stadt sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln, sprich Straßenbahn und Bussen versorgt.

Watchin' the Loop
Der Loop ist im engeren Sinne das Downtown-Viertel im Herzen Chicagos welches von der El, der Hochbahn, eingegrenzt ist. Es lädt zur Nackenstarre beim Schlendern ein, denn es wimmelt nur so von sehenswerten Hochhäusern. U.a. findet sich im Loop der Sears Tower, das derzeit höchste Gebäude Nordamerikas. Zwischen den blinkenden Hochglanzwolkenkratzern bekommt man wie in den anderen Vierteln auch eine andere Seite Amerikas zu sehen, die dunklen Hintergassen mit den schwarzen Feuerleitern, den Bodenpfützen und Müllcontainern. Die Hauptgehwege und Straßen sind jedoch sehr gepflegt und sauber. Neben dem Wolkenkratzern gibt es in hier zudem am Boden eine Menge zu sehen, so finden sich im Loop zahlreiche Skulpturen berühmter Künstler, wie z.B. Picasso. Das Marshalls Field, das ehemals größte Kaufhaus der Stadt, das inzwischen von Marcys übernommen wurde und zahlreiche andere Läden laden zum Einkaufen ein. Wer Kultur am Abend mag, wird sich auf die Theatermeile freuen.

Crossin' the Magnificent Mile
Nördlich des Loops über den Chicago River hinweg vorbei am Wrigley Building gelangt man auf der Michigan Avenue zu dem Abschnitt der Mag(nificent) Mile. Eine Flaniermeile zum Shoppen, Essen, Trinken und weitere Gebäude gucken. U.a. befinden sich an der Mag Mile der markante Water Tower, die ehemalige Feuerwache, die den großen Brand von 1871 überstand. Gleich nebenan befindet sich der John Hancock Tower mit seiner Aussichtsplattform. Zudem sind mit Bloomingdales und Marcys zwei große Kaufhäuser und auch etliche Kleinläden zu finden.

Enterin' the Navy Pier
Östlich der North Michigan Avenue am Ausläufer des Stadtteils Streeterville ist das Navy Pier zu finden. Während im zweiten Weltkrieg die Amerikaner hier noch die Landung in der Normandie probten, befindet sich hier heute ein in den See reinragendes Vergnügungsareal mit Karussells, Kinos, Restaurants, Fressbuden und manch anderem, was dazu gehört. Auch dieser Bereich lädt nett zum Flanieren ein.

Chillin' the Park
Östlich des Loops befindet sich der Millennium Park der Richtung Süden in den Grant Park übergeht. Der Millennium Park wurde erst 2004 fertiggestellt und bietet mit der Spiegelbohne und dem "Crown Fountain" genannten Videobrunnen einige Sehenswürdigkeiten. Die Parkanlagen waren im Frühjahr sehr gepflegt und bei schönem Wetter gehören die beiden Parks auf dem Weg zum See zum Pflichtprogramm! Zwischen Park und See findet man die Buckingham Fountain aus dem Vorspann einer schrecklich netten Familie. Südlich des Grant Parks beginnt die Museumsinsel.

Chicago Architecture Foundation (CAF)
Wer sich statt dessen mehr für Architektur interessiert, sollte sich die Führungen der CAF nicht entgehen lassen. Das CAF-Büro findet sich an der South Michigan Ave. direkt gegenüber des Millenium Parks. Die Touren stehen und fallen zwar erwartungsgemäß mit den Entertainment-Qualitäten des Guides, sie bieten dennoch einige Hintergrundinformationen zu der Stadt mit ihrer vielfältigen Architektur. Neben Wanderungen werden auch Bootsfahrten über den Chicago River angeboten. Weitere Infos gibts hier: www.architecture.org/.

Lunch at China Town
Auch außerhalb von Downtown gibt es sehenswerte Viertel, wie z.B. China Town beweist. Nicht so lieblos heruntergekommen wie in New York, sondern wesentlich sehenswerter mit Pagoden und Verzierungen präsentiert sich dieser Abschnitt. Neben einigen Plunderläden finden sich hier natürlich auch besuchenswerte asiatische Restaurants mit leckeren Speisen zu günstigen Preisen.

Museen
Mit dem Field Museum of Natural History und dem Museum of Science of Industry habe ich zwei große und sehenswerte Einrichtungen selbst besucht. Das Field Museum befindet sich auf der Museumsinsel südlich des Grant Parks in der Nähe des Shedd Aquariums und des Adler Planetariums mit dem eher kleinen aber auch interessanten Astronomy Museum. Fürs Museum of Science and Industry muss man hingegen etwas stadtauswärts nach Süden zum ehemaligen Expo-Gelände Chicagos zum Jackson Park fahren. Daneben bietet die Stadt für Kunstliebhaber noch das Art Institute of Chicago und das Museum of Contemporary Art.

Shoppin' Chicago
Neben den großen Shopping Malls außerhalb der Stadt laden in Chicago vor allem die Mag Mile und der Loop zum Einkaufen ein. Ein Kulturschock bot für mich die Tatsache, dass es einfacher ist deutsche Adidas-Schuhe zu bekommen, als amerikanische Vans. Interessant fand ich es auch, dass Macys eine ganze großzügige Etage für Herrenartikel anbietet, während sich die übrigen 7/8 des Kaufhauses mit Frauenklamotten und anderem nutzlosen Plunder befassen. Aber zurück zu den Schuhen. Geschäfte, die wie in Deutschland 50 verschiedene Schuhe an einer Wand anbieten, sind zwar vorhanden, aber nicht die Regel. Meist werden 7-8 verschiedene Schuhe ausgestellt, zwischen denen man dann wählen kann. Wenn man bsp. ein Paar Sneakers sucht, sind unter den Exponaten dann mit Glück zwei paar Sneakers zur Auswahl. So ungefähr stellte ich mir bisher eigentlich den real-existierenden Sozialismus vor. Welcome to America! Nichts desto trotz gibt es an den genannten Stellen sehr viele Geschäfte, in denen Frau sicher gerne den ganzen Urlaub verbringt, während Mann sich die Stadt anschaut. Abgesehen davon laden die Preise und der derzeitige Wechselkurs sehr zum Kofferfüllen ein. Alles weitere darf man nachher ggf. mit dem Zoll ausmachen.

Fast and Food
McDonalds zu besuchen, gilt in den USA gemeinhin ja als Frevel, heißt es. In Chicago sieht man es etwas lockerer. Hier wurde 1955 der erste McDonalds errichtet und heute findet sich direkt gegenüber vom Hard Rock Cafe das Rock'n'Roll McDonalds. Typische Tourifalle, da kommt man nicht dran vorbei, geht rein und stellt keine großen Unterschiede fest, außer dass ein wenig Musik läuft. Die zahlreichen Rock'n'Roll-Exponate, die es hier geben soll, muss ich irgendwie übersehen haben. Hätte ich mich doch mal besser nebenan angestellt. Eine ernst zu nehmende Konkurrenz fürs Hard Rock Cafe ist Rock'n'Roll McDonalds jedenfalls nicht. Naja. Ansonsten ist Chícago noch für seine Pizzen berüchtigt, die so groß wie Kuchen sind und man üblicherweise sich mit mehreren Personen teilt. Fast Food Ketten wie Burger King und Kentucky Fried Chicken sind ebenfalls vorhanden, aber eher versteckt und nicht so wichtig. Viel eher trifft man an vielen Ecken auf Burrito-Ketten, Dunking Donuts, Corner Bakery und Subways, welches mit seinen 30 Fragen bis zum Sandwich hier zu einem echten Ernährungsproblem mutieren kann, wenn man nach dem dritten erfolglosen Nachfragen einfach dazu neigt, mit "Yes" zu antworten. Man kann es einfach auch übertreiben. Entspannter geht des da schon in zahlreichen Bars mit Essensangeboten zu, wo man die typischen amerikanischen Burger bekommt. Pancakes oder Bratkartoffeln zum Frühstück sind ebenso Standard, wie Bagels in allen Variationen. Der gemeine US-Bürger mags kalorienreich.

Das Wetter und andere Herausforderungen
Wer das deutsche Wetter schon für eine Zumutung hält, wird in Chicago seinen Spaß haben. Die Winter sollen eiskalt und die Sommer schwülheiß sein. Im Allgemeinen zeichnet sich das Wetter zudem durch extreme Wechselhaftigkeit aus. Man könnte von einer Aprilstadt reden. Ich war im späten Frühling dort und erlebte, wie das Wetter innerhalb von zwei Tagen von regnerisch-bewölkt bei 5°C zu strahlendem Sonnenschein mit 25°C wechselte. Nichts ist so beständig wie die Änderung. Immerhin bekommt man von allem was geboten und wenn es morgens in Strömen regnet, kann man beruhigt davon ausgehen, es am Abend trocken zu haben. Wetterfeste Kleidung ist im Allgemeinen empfehlenswert.

Sport
Chicago ist eine große Sportstadt. American Football (Bears), Soccer (Fire), Basketball (Bulls), Eishockey (Blackhawks, Wolves) und Baseball (Cubs, White Sox) stehen je nach Jahreszeit auf dem Programm. In zahlreichen Sportbars werden die amerikanischen Spiele, sowie Spiele aus Europa übertragen. Ich war während der Baseballsaison vor Ort und der Besuch eines Spiels stand außer Frage. Ob zu den Cubs oder zu den White Sox ist eine Glaubensfrage. So wie FC oder Düsseldorf, Barcelona oder Madrid, Deutschland oder Holland - es sind dazu keine zwei Meinungen zulässig. Der sympathischere Baseballclub bilden natürlich die als Lovable Losers bekannten Cubs aus dem Norden, die diesjahr ausnahmsweise eine ordentliche Rolle in der Meisterschaft mitspielen. Die Cubs spielen im Wrigley Field im Stadtteil Lakeview. Schön an dem Stadion ist, dass man vom Block aus übers Stadion hinweg auf den See schauen kann. Die Dächer der Nachbarhäuser sind zudem mit Sitzplatztribünen versehen, falls das Stadion mal voll ist, vielleicht gibts ja noch nen Platz im Pub. Nach dem Spiel laden die unzähligen Bars in der Umgebung dazu ein Siege zu feiern oder Niederlagen zu vergessen. Ganz in der Nähe befindet sich auch das Hofbräuhaus an der Schnitzelstreet.
Vom Cellular Field des wegen Korruptionsgerüchten als Black Sox verspotteten Rivalen rate ich daher natürlich ungetestet aus Prinzip ab. Go Cubs go!

Money...
Das Chicagoer Preisniveau ähnelt abgesehen vom Wechselkurs im Allgemeinen dem Deutschen. Kleidung ist wesentlich billiger, eine Levis-Hose gibts für 30-40 $, die man hier für 80 € erhält. Importieren wäre auch bei ordnungsgemäßen Versteuern noch eine Geschäftsidee. Alkohol ist hingegen wesentlich teurer. Die Kreditkarte ist immer gern gesehen, Bares bei kleineren Beträgen auch. Auch Traveller Checks wurden akzeptiert.

Sicherheit, Sauberkeit, Verhaltensregeln etc.
Im Allgemeinen ist Chicago eine sehr saubere und sichere Stadt. Das gilt zumindest für Downtown und die Gegenden, in denen sich Touris gemeinhin aufhalten sollten. Zwar gibts hier auch dunkle Hintergassen und die allgemeinen Großstadtverhaltensregeln (nicht allein durch dunkle Parks laufen) sind auch hier sicher nicht außer Kraft. Aber ich fühlte mich hier nachts in den Straßen wesentlich sicherer als in manch deutscher Großstadt. Diese Ausführungen gelten mit Sicherheit nicht für alle Viertel. Fährt man ein wenig raus, wechseln die Gebäude nicht nur von schön nach zunehmend verfallen. Sicher gibt es auch Stadtteile, in denen man als Weißer nur angeschaut wird, wie ein Tier im Zoo. Ich bewerte es auch als harmlos, dass ein Schwarzer uns abends auf einer Busfahrt vergeblich versuchte, Drogen anzudrehen. Aber Chicago hat darüber hinaus ein massives Kriminalitätsproblem, wie die Statistiken belegen. Dies gilt insbesondere für den Süden der Stadt. Statistisch stirbt jeden Tag mehr als ein Mensch in Folge von Verbrechen in der Stadt. Im heilen Downtown bekommt man davon eher gar nichts mit. Man findet keine besoffenen Penner auf der Straße, keine grölenden Sportfans, keine alkoholisierten Jugendlichen mit der Bierkästen im Park. Alkohol auf offener Straße ist nicht nur tabu, sondern auch extrem teuer. Warnschilder kündigen Strafen von bis zu 500 $ oder ein halbes Jahr Haft für Alkoholkonsum am Strand an. Selbst beim stark besuchten Baseballspiel war niemand mit einer Bierflasche in der Öffentlichkeit zu sehen. Wo in Deutschland Alkoholverbote in Straßenbahnen zu Fußballspielen auf Grund der Vielzahl der Leute, die sich nicht daran halten, faktisch außer Kraft gesetzt werden, scheint es hier noch im aufrichtigsten Rebellen tief verankert zu sein, dass es zutiefst verabscheuenswürdig ist, Alkohol auf offener Straße zu trinken. Erst im Pub, Stadion, etc. nach Ausweiskontrolle wird ein normaler Umgang mit dem Teufelszeug gepflegt. Sehr anstrengend, ein Leben ohne Bier für den Weg. Umgekehrt ist hier etwas anderes selbstverständlich, für das viele Deutsche ihr Sandkastenplärrverhalten und Kindertrotz wieder ausgraben: Das Rauchverbot. In öffentlichen, geschlossenen Räumen wird nicht geraucht. Wer Rauchen will geht raus und kommt danach wieder rein. Kein Mensch beschwert sich, niemand denkt darüber nach, es funktioniert. Nur des Deutschen Existenz hängt noch immer dran, ich wundere mich, warum.
Im Gegensatz zu Deutschland ist es weiterhin üblich, den Ausweis nicht nur immer mitzuschleppen, sondern ihn auch bei jeder Gelegenheit vorzuzeigen. Möchtest du in eine Bar? ID. Möchtest du einen Drink? ID. Möchtest du mal aufs Klo? Trinkgeld nicht vergessen.
Die Leute in Chicago sind sehr serviceorientiert, im Umkehrschluss ist es üblich, ihnen bei jeder Gelgenheit Trinkgeld zu geben, sei es in der Bar, im Hotel, Restaurant. Das Trinkgeld ist nicht wie in Deutschland eine Gefälligkeit, sondern das Gehalt von dem die Leute leben und sollte daher auch gegeben werden.

Die Menschen
Bei den Leuten vor Ort habe ich z.T. große Unterschiede wahrgenommen. Eine gewisse, hochnäsige Prüderie konnten manche nicht verbergen, während andere wiederum extrem locker eingestellt waren. Die meisten Menschen waren sehr freundlich, ob beim Einkaufen, auf der Straße, im Bus oder in der Bar stets zu einem Smalltalk bereit. Auch wenn einer die Stelle in Köln sehr beeindruckend fand, an der "the Wall" einst stand. Na klar und das Louvre erst am Ebertplatz... Vielerorts werden Serviceleistungen für kleines Trinkgeld angeboten. Auch wenn ich (formuliere, um meine Bedenken aufzuzeigen, an dieser Stelle bewusst) Kloneger, die einem im Restroom Seife und Handtücher für nen Dollar reichen, etwas makaber fand. Für sie schien es aber völlig okay, weil sie offenbar dafür respektiert wurden, dass sie den Job machen. Ich möchte hier nicht den Aufschrei hören, wenn Hartz IV-Empfänger... Auch hier sicher eine Frage des Respekts, aber uns geht es schon gut.


Fotos
Finden sich hier: http://commons.wikimedia.org/wiki/Chicago,_Illinois?uselang=de. Auch das Video "Homecoming" von Kanye West bietet eine kleine Stadtrundfahrt.

Fazit
Chicago hat viel zu bieten und ist im Zentrum eine sehr sehenswerte, saubere und sichere Stadt. Prinzipiell lädt ganz Downtown zum Spazieren ein. Natürlich habe ich auch bei Weitem nicht alles, wie z.B. den Lincoln Park Zoo, gesehen. Aber allein das, was ich sah, genügt für eine Weiterempfehlung. Und ja, ich würde in die Stadt gerne wieder kehren. Im warmen Sommer laden die sauberen Sandstrände am See sicher zum Baden ein und eine Schneeballschlacht im Winter und Rumschliddern auf dem zugefrorenen See klingt einfach zu verlockend, um vor den Minusgraden und dem eisigen Wind zu zaudern. Naturgemäß habe ich mich eher in den Tourivierteln aufgehalten und mir ist bewusst, dass Chicago noch eine andere Seite hat. Gerade der Süden Chicagos ist für seine Kriminalität berüchtigt. Das mindert allerdings nicht die Qualität der mir bekannten Stadtteile.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
sannahschnuffi

sannahschnuffi

30.07.2013 03:13

Ich hab mir den Bericht gerade noch einmal durchgelesen, weil wir inzwischen vor Ort sind. Allerdings nur für einen Tag, Business und so ... *seufz* Loop und Mag Mile werden wir bestimmt mitnehmen, Chicago von oben betrachten und dann an den See ...

Handballerin

Handballerin

27.03.2013 15:18

BH :-)

Syriah

Syriah

29.03.2012 14:55

Ich hatte wirklich ein anderes Bild von der Stadt. Toll berichtet, BH und lg

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