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Chicago

5  09.03.2001

Pro:
vielseitig und lebendig

Kontra:
viel Armut, saukalt im Winter

Empfehlenswert: Ja 

joas

Über sich:

Mitglied seit:07.02.2000

Erfahrungsberichte:96

Vertrauende:131

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15 Grad Fahrenheit, Eiswind, Schnee. Es ist dunkel, die Straßen nur spärlich geräumt. Zwischen den Wolkenkratzern pfeift der Wind. Die wenigen Menschen auf der Straße eilen vorüber, als sei ihnen der Teufel leibhaftig auf den Fersen. Ein paar dunkel verhüllte Gestalten in augenfreien Masken stehen mitten auf der Straße und versuchen mit verbissener Sturheit unter dem Einsatz von schrillen Trillerpfeifen den Autoverkehr in die gewohnten Bahnen zu lenken. Und ich?

Ich geh auf Sightseeing-Tour!

2 Wochen Chicago Ende Februar sind wohl nicht jedermanns Sache - soviel steht fest. Dennoch sind sie so mit das Spannendste, was ich mir vorstellen kann. Vorweg noch kurz die Bemerkung, daß obige Schilderung nur auf die ersten paar Tage meines Aufenthalts zutrifft. Im Laufe der Zeit stiegen die Temperaturen beständig an und die Windstärken nahmen kontinuierlich ab. Dennoch empfehle ich warme Sachen, lange Unterwäsche (auch wenn megaout) und Mütze, Schal und Daunenjacke denjenigen, die winters in die 'Windy City' aufbrechen.


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** Generalities **
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Wer nach Chicago fährt, der sollte sich mit einem guten Reiseführer versorgen, denn sonst läuft er Gefahr, in diesem Moloch von Stadt die wesentlichen Dinge zu übersehen, da sie oft abseits der ausgetretenen Touristenpfade liegen. Ich empfehle den englischsprachigen Fodor's, der preiswert und zuverlässig ist und von Architektur über Kultur und Minderheiten bis zu Shopping, Restaurants und Ausgehen einfach zu allem brauchbare Tips bereithält, und das ohen viel Schnickschnack.

Dieser 'Erfahrungsbericht' soll den Führer nicht ersetzen, sondern eher eine subjektive Auswahl der möglichen Pfade durch diese Stadt aufzeigen und ein wenig das gefühl dieser Stadt vermitteln.


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** O'Hare **
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Schon das Tor zu Chicago ist eingehenderer Untersuchungen würdig: Der weltweit größte internationale Flughafen, O'Hare, ist (gerade für Berliner, die ja so mächtig stolz auf ihren Miniflughafen Tegel sind) eine Offenbarung. Alles grösser, weiter, länger, chromiger, transparenter - und schneller - als in irgendeinem anderen Flughafen, den ich kenne. Eine eigene Bahn verbindet die unzähligen terminals, die jeweils in ihren Dimensionen dem Frankfurter Flughafen entsprechen mögen. Die Wege sind kurz und der Service fit.

Vom Flughafen kann man bedenkenlos mit der 'El', der U-Bahn, in die Innenstadt gelangen. Zuständig ist die 'Blue Line', also die blaue Linie. Das Ticket kostet $1,80, die Fahrt dauert ca. 45 min., gern auch ein wenig länger, wenn der Fahrer trödelt, was oft geschieht. Taxis kosten wohl so an die $50, so daß sich der Transfer mit der U-Bahn echt lohnt.


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** Unterkunft **
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Über Hotels kann ich leider nix sagen, da ich privat untergebracht war. Wer auf hohen Standard steht, der sollte mal nach dem 'Drake' schauen - dort gibt es nachmittags real english afternoon tea mit sandwiches und scones und clotted cream und jelly und gutem Tee (für Nichthotelbewohner $20) in wahrhaft feudaler Umgebung.
Wer in ein Youth Hostel will, der sollte diejenigen z.B. britischer Organisationen den YMCA-Häusern vorziehen, soweit ich informiert bin. Zudem sollte man beachten, daß Unterkünfte außerhalb der Innenstadt in ziemlich rauhen Gegenden liegen könnten, die gerade au der southside durchaus lebensgefährlich sein können.


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** Innenstadt **
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Die Innenstadt ist natürlich an sich ein überwältigendes Spektakel, wenn auch meiner meinung nach nicht wirklich so spektakulär wie Manhattan. In Chicago findet sich mit dem Sears-Tower das zweithöchste Gebäude der Welt, bald soll ein neues enstehen, das dann die Spitzenposition übernehmen soll. Interessanter sind jedoch die älteren Wolkenkratzer, die die unterschiedlichen Epochen des Hoch-hinaus-Wollens dokumentieren und als Vorbild vieler berühmter Gebäude z.B. auch in New York dienten. Ein Spaziergang über State Street, Wabash usw. mit einem guten Führer liefert viele Aufschlüsse.

Interessant ist die relativ aktuelle Umkehr der Architekten weg von technokratischen Glas-Chrom-Stahl-Palästen hin zu einer mehr historisierenden Bauweise. Ein Highlight ist die Public Library, die kein Chicago-Besucher verpassen sollte. Für mich das interessanteste Gebäude der ganzen Stadt. In der Public Library (first floor, also EG) gibt es zudem einen kleinen Buchverkauf, der ausgemistete Exemplare aus der Bibliothek für 10 bis 50 Cent anbietet. Dort gibt es ziemlich viele interessante Bücher, der Bestand wird täglich aufgefüllt.

Das Wrigley-Building und die Marina-Towers am Chicago River sollten auch auf jeder Tour mitgenommen werden. Sowohl Sears Tower als auch John-Hancock Center können zum Überblick über die Stadt genutzt werden, wobei nicht unerhebliche Kosten entstehen ($9,50 für Erwachsene).

Die 'Magnificent Mile' on Michigan ist es sicherlich auch wert, 'erlaufen' zu werden.
Viele Modedesigner und Kaufhausketten haben hier ihre Dependancen, außerdem ist jeder Laden vertreten, der etwas auf sich hält (Border's Bookstore, F.X. Schwarz, Warner Bros., Nike usw.), also alles ein bißchen wie Fifth Avenue in NY. Ein Geheimtipp ist 'Hammacher-Schlemmer', ein Laden, der erstaunliche Erfindungen aus Technik, Küche und everydaylife präsentiert. Abhörgerät oder Nachtsichtfernrohr gefällig? Wolltest Du schon immer mal einen Original-Einarmigen-Banditen besitzen oder einen Rasenmähroboter? Dann nix wie hin!


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** Museen **
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Am interessantesten an Chicago finde ich mit weitem Abstand die wirklich beeindruckenden Museen, allen voran das Chicago Art Institute mit einer erstaunlich umfassenden Sammlung europäischer und amerikanischer Kunst aller Epochen (Monet bis zum Umfallen, Pissaro, Picasso, Whistler, Hopper (unter anderem das berühmte 'Kneipenbild'), Warhol, Mondrian sind nur ein paar der berühmtesten Namen in völliger Unordnung), daneben sehr schöne Antiken- und Fernost-Sammlungen sowie Architektur, Design und Fotografie des 20 Jahrhunderts. Anders als oft in deutschen Museen ist nahezu jedes Bild kommentiert, und das mit großer Kenntnis. Einen lehrreichen Tag sollte man schon dort planen, dienstags ist meines Wissens freier Eintritt.

Sehr faszinierend ist das Aquarium, das 'ganz nebenbei' auch noch ein Ozeanarium umfasst, in dem Delphine und Beluga-Wale sowie Seeotter, Pinguine und andere Lebewesen ihr Unwesen treiben. Die Nachbildung eines Korallenriffs in einem großen Glaszylinder, der zu festen Zeiten von einem Taucher bestiegen wird, um die vielen Fische zu füttern und Fragen der Besucher zur Pflanzen-, Tier- und Korallenwelt zu beantworten, ist mein Favorit und findet sich gleich im Eingangsbereich des Museums. Hier kann man stundenlang verweilen und die Schöpfung bewundern.

Das Museum of Science & Industry ist ein Technik- und Wissenschaftsmuseum wie das Deutsche Museum in München oder das Deutsche Technikmuseum in Berlin. Es hat ganz klar seine Stärken in dewr Interaktivität der Exponate. Also knöpfchendrücken und schauen, was passiert! Ich war etwas enttäuscht, da ich das Museum als größer und umfassender in Erinnerung hatte (von mehreren Besuchen 1985). Einiges hat sich seitdem nicht verändert, was bedeutet, daß man durchaus mal 'interaktiv' mit einem C64 umgehen muß, was leider abtörnt. Dennoch: Viele gute Exponate, unter anderem ein U-Boot der deutschen Kriegsmarine des WWII, Embryonalpräparate, eine sehr gute Ausstellung über AIDS und das HI-Virus, multimediale Bildbearbeitung zum Selbstausprobieren usw. usf.

Viele weitere Museen laden zur Besichtigung ein, Details siehe Stadtführer.


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** ethnische Viertel **
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Chicago ist weit mehr als die Innenstadt, in der eigentlich kaum jemand wohnt, in der aber viele, viele arbeiten. Wie in den USA üblich, gibt es für viele Minderheiten bevorzugte Viertel, in denen eigene Mikrokosmen entstehen, die meist sehr sehenswert und beeindruckend sind. Ein paar will ich erwähnen:

1)Devon
Devon (nördlich der Innenstadt) ist ursprünglich von Engländern gegründet worden, nun aber teils von Indern, teils von russischen und ukrainischen Juden bewohnt. Beide Teile sind äußerst sehenswert.
Ob man nun nach indischen Lebensmitteln sucht, oder ob man sich einen Sari massschneidern lassen will, ob man in die Bücher in dutzenden Sprachen führenden Buchhandlungen schauen will, oder nach indischem Nippes sucht, in Devon findet man alles auf einem Platz. Auch wenn man nur gucken will, wird man überwältigt sein von der Vielfalt der Angebote und der Freundlichkeit der Menschen hier. Viele Restaurants bieten all-you-can-eat-Buffets für 6 bis 8 Dollar an, die sehr zu empfehlen sind.
Auch im russischen Teil erwartet einen ein mittlerer Kulturschock. Auf den Strassen beherrschen russischsprechende ältere Ehepaare das Bild, Lebensmittelgeschäfte führen alles - vom kaviar bis zur Kohlsuppe, vom Wodka bis zum Kwas.

2)Chinatown
Chinatown liegt wie auch Little Greece und Little Italy südlich der Innenstadt und ist nicht so groß wie in New York oder San Francisco, aber dennoch sehenswert. Viele Nippes-Läden, Restaurants, Lebensmittelgeschäfte, Ginseng-Apotheken laden zum Stöbern und vor allem zum Staunen ein. Getrocknete Fischaugen? Kein Problem! tausendjährige Eier? Logo! Ferrero Rocher? Na klar! ;o)

3)Pilsen
Pilsen liegt ebenfalls südlich der Innenstadt, man komme aber nicht auf die Idee, von Chinatown dorthin zu laufen. Außer vielleicht man heißt Bruce Willis...
Pilsen ist von tschechischen Einwanderern gegründet worden und beherbergt heutzutage fast ausschließlich Hispanos, wohl wegen der großen Anzahl katholischer Kirchen. Eine sehr aktive Künstler-Community hat sich hier ausgebreitet, dennoch wirkt alles ärmlich und ein wenig heruntergekommen. Anders als in Devon oder Chinatown ist es hier auch nicht ganz ungefährlich, weshalb man 'big city caution' anwenden und nicht nach Einbruch der Dunkelheit mit dem Geldbeutel herumwedeln sollte.

Es gibt natürlich noch viele weitere interessante ethnische 'Enklaven' in Chicago, ich will es aber mal bei diesen hier belassen.


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** Und sonst? **
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Südlich der Innenstadt (Bus Nummer 6, Jeffrey Express bis ca. 57. Straße) liegt Hyde Park, Sitz der berühmtesten Uni in weitem Umkreis, der U of C.
Der Unicampus ist sehr sehenswert, da in pseudogotischem Stil den alten englischen Unistädten Oxford und Cambridge nachempfunden. Die Gegend ist leider ansonsten etwas tot, dennoch finden sich ein paar gute Restaurants und Antiquariate (Powell's on 57th), allerdings mit recht hohen Preisen. Hier findet man auch das Robie-Haus von Frank Lloyd-Wright, das Beispiel für seinen vielgefeierten Prairie-Stil. Unbedingt angucken! Von hier aus ist man übrigens in weniger als 5 Minuten zu Fuß beim Museum of Science&Industry. Hyde Park und ebenletzteres kann man sich also an einem Tag zuführen.

Weit im Norden Chicagos liegt die Northwestern University (in Evanston). Die gesamte Gegend erinnert eher an eine eigene kleine Unistadt als an einen Stadtteil von Chicago (das es ja offiziell auch nicht ist). Sehr angenehme Gegend mit vielen kleinen Geschäften und Kneipen. Gute Antiquariate und CD-Läden, auch 2nd Hand.

Für mich am interessantesten in punkto CD-Shopping und Lifestyle war die Gegend auf N.Clark zwischen 22. und 50. Straße. Hier sind viele junge Leute zuhause, hier gibt es viele kleine Geschäfte mit interessantem Sortiment, sehr gute Plattenläden (Reckless Records hat auf dem Indie-Sektor fast alles für USD 3-7) und Antiquariate. Schöne Kneipen, auch ein kleines Schwulenviertel. Also alles da, was man sonst in Chicago ein wenig vermisst. Hier ist es extrem Multikulti, sodaß man sich unweigelich an SoHo oder Kreuzberg erinnert fühlt, wobei Kreuzberg natürlich doch besser ist ;o)


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** Finis **
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Das ist ja jetzt mal wieder ziemlich lang geworden. Wenn dennoch irgendwelche Fragen offengeblieben sind, einfach mail an joas@physik.fu-berlin.de oder einen kleinen Kommentar, dann freut sich der joas :o)

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ela_309

ela_309

24.02.2004 16:14

Hallo, ich hab von 96 bis 97 als Au Pair in Chicago (Randgebiet) gelebt und kann gut verstehen wenn du sagst das es im Winter saukalt ist ... wenn sogar der Michigansee soweit zufriehrt das man sogar Autospuren darauf sieht. Meine "Familie" hatte kein Problem damit das ich mir das Auto nahm und nach downtown fuhr ob tags oder nachts (nicht wie bei den meisten anderen Au Pairs). Kennst du die Crobar ? echt geiler laden ! Ich war in diesem Jahr in sehr vielen anderen US Städten (Miami, SF, Seattle, Denver, NY...) aber ich war immer wieder froh in Chicago zu sein und was das schönste ist am 11.4.04 geht`s für eine Woche wieder da hin ... Gruß Ela

radlman

radlman

01.06.2001 11:05

Ein wirklich toller Bericht über die Stadt - war selbst schon 2x da - allerdings im Sommer und Herbst ... da konnte man auf den Wiesen liegen, da gab es Open Air´s ... auch nicht zu verachten ! Gruß - Frank

behnke

behnke

21.05.2001 15:11

Prima Bericht - sehr detailliert! Chicago ist und bleibt auch einer meiner City-Favouriten, den ich zuletzt im April d.j. besucht habe. Noch ein schneller Hotel-Tip: Das Drake ist klasse, stimmt! :o) Für weniger Geld aber nicht unbedingt weniger Stil ist direkt gegenüber das Knickerbocker Hotel -> Tole Lage, prima Service, schöne Zimmer.

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