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Roland, der Ries
Pro Das Sinnbild Bremens
Kontra keine
Es ist ein bisschen mehr geworden, als ich gedacht habe. Aber lasst euch durch soviel Text nicht abschrecken, es lohnt sich :o)
Mancher unter uns wird nicht wissen, dass unser Roland im Laufe der Zeit schon 39 Brüder in deutschen und benachbarten Landen gehabt hat, in Österreich, Holland, Ungarn, Siebenbürgen, Polen, in Lettland, Italien, Spanien, in der Schweiz und in den Niederlanden. Rolande standen oder stehen noch in Amsterdam, Berlin, Florenz, Prag, Riga, Verona – und in der engeren Heimat in Bederkesa, Buxtehude, Hamburg, Verden und Wildeshausen.
Wieweit sie alle mit unserem verwandt waren oder noch sind, ist nun nicht mit ein, zwei Sätzen zu sagen, vielmehr ist das eine kleine Wissenschaft für sich, wie es überhaupt eine sehr umfangreiche Roland-Literatur und durchaus handfeste Gelehrtenstreite rund um den Roland gibt. Ehe wir aber darauf näher eingehen, sei noch festgehalten, dass der Bremer Roland bei weitem vor allen anderen an der Spitze steht: er ist einmal der älteste von allen anderen in Deutschland, bei Längen der berühmteste und auch wegen seiner Abstammung umstrittendste und mit seinen fünf Meter und fünfundvierzig Zentimetern Höhe obendrein der größte.
Ja, so ziemlich ist das dann auch eigentlich schon alles, was man von ihm weiß, wenn man von Nebensächlichkeiten wie seinen Baukosten und seinem wechselvollen Gesundheitszustand absieht.
Aber gehen wir hübsch der Reihe nach und beginnen da, wo die Wissenschaftler aufhören: bei Rolands Geburt. Was danach kam, war für sie nicht interessant, denn erstens ist es bekannt, und zweitens lässt sich darüber nicht streiten. Das aber scheint, zumindest in früheren Zeiten, eine große Rolle bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Stoff gespielt zu haben, denn anders ist es wohl kaum zu erklären, dass sich ehrenwerte Männer mit Professoren- und anderen titeln handfest wegen Rolands Vergangenheit sozusagen in die lateinische Wolle gekriegt haben. Man sollte meinen, ein so durch und durch sympathischer Mann wie Roland, der urkundlich nun schon seit mehr als einem halben Jahrtausend an Liebe und Verehrung seiner Mitbürger geradezu Rekorde aufstellen kann, sollte tabu für alles Streiten sein, aber weit gefehlt.
Nun, an der Liebe und Verehrung ist natürlich nicht herumzutüfteln, und daher betrifft der Streit ja auch Rolands Elternhaus, von dem man nichts weiß, nämlich die Zeit vor seiner Geburt.
Die klassische Kathederweisheit kam über These und Antithese wenigstens noch zur Synthese, die Gelehrten-Weisheit über unseren Roland kommt aber zu einer Vielzahl von Synthesen und Erklärungen des Herkunftsproblems, unter denen sich jeder das ihm am besten Passende heraussuchen kann. – Für den Bremer ist das doppelt schwer, denn warum soll er plötzlich in bezug auf seinen Roland umlernen: Was es da zu wissen gibt, das hat er doch wirklich schon gewissermaßen mit der Muttermilch in sich aufgenommen, und derart urbremische Dinge stimmen bis in alle Ewigkeit.
Danach haben die Bremer des 15. Jahrhunderts den Roland, den man ja tagtäglich schon beim Straßenbahnfahren von der Neustadt zum Bahnhof oder vom Steintor zum Hafen stein-echt vor sich sieht, genau so wie er dasteht, aufgestellt als Wahrzeichen der Freiheit.
Das waren damals schon genauso freie Bürger wie wir heute, obwohl so etwas damals sehr viel schwieriger war als heute.
Jedenfalls stand Roland mitten auf dem Markt – der Rathausgebäudekomplex fehlte noch – er zeigte ein blankes Schwert, für das er den Waffenschein des Rats in der Tasche hatte, und peilte hübsch hinüber zum Dom, wo der Herr Erzbischof nicht nur das geistliche, sondern auch das weltliche Sagen hatte. Eben nur dort, und nicht auf dem Markt, und darauf passte Roland auf – eine Sache, die ihm gar nicht mal allzu große Sorgen machte, denn hier in Bremen war die Sache der Zweiteilung sonnenklar, und Roland konnte sogar dabei milde lächeln. Denn wer wollte hier schon dem Rat das Recht absprechen, Herr im eigenen Hause zu sein...
Roland, der Ries
am Rathaus zu Bremen,
steht er, ein Standbild,
standhaft und wacht
Sachlich ist der Herr Roland zunächst einmal der Markgraf Hruodland aus der Bretagne gewesen, der im August 778 bei einem Rückzugsgefecht im spanischen Feldzug Karls des Großen gefallen ist. Er wurde ein Opfer baskischer Partisanen, als sich Karls Heer vor der Übermacht des mohammedanischen Sarazenen- oder Mohrenkönigs Marsilie quer durch die Pyrenäen zurückzog. Der Ort des Geschehens hieß Roncesvalles.
Angeblich war Roland auf den Rat seines Stiefvaters, des verräterischen Ganelon von Mainz, auf hoffungslosem Posten als Hüter Spaniens zurückgelassen worden. Was aber hat dieser Mann, der nachweislich nichts mit Deutschland – oder dem damaligen Germanien, geschweige denn mit der ihm später angedichteten Niederwerfung der heidnischen Germanen und speziell der Sachsen zu tun hatte, dazu beigetragen, dann man ihn bis heute in Bremen geradezu als Nationalheld betrachtet?
Nun, schlicht gesagt, nichts. Und doch ist die Sache zu erklären, ob allerdings diese Herleitung stimmt – das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Schon 1066 sang man Rolands Lied bei der Schlacht von Hastings, dann wurde sein Ruhm in Turpins Chronik geschildert, bis 1090 gab es bereits mehrere „Chansons de Roland“, und 1131 schrieb „der Pfaffe Konrad“, der im Dienst Heinrichs des Stolzen stand, das späthin bekannteste Rolands-Lied, das „Roulandes liet“.
1405 ließ der Rat dann Roland als Steinfigur neu erstehen..
Der neueste Stand aller Weisheit ist jedenfalls der, dass man es hierbei mit einem Zeichen des Gerichts und der Versammlung zu tun hat, oder weiter gefasst, diejenigen, die in Bremen das Sagen hatten – zunächst der Erzbischof, und dann die Bürger –, wollten das verliehene Hoheitsrecht sinnfällig zum Ausdruck bringen, um dem sich eben für eine Ansiedlung interessierenden fremden Kaufmann die Sache schmackhaft zu machen, gewissermaßen als Reklame. Man wählte, da Karl der Große als Vater des Rechtes in deutschen Landen galt, dessen vielgepriesenen Recken Roland und zog ihn wie einen Richter an. Sein Schwert soll bei näherem Hinsehen nämlich gar keins sein, weil keine Scheide am Gürtel hängt. Was er in der Hand hält, sei nur ein Symbol. Entsprechend könnte man auch seinen Schild nicht als ritterliches Attribut werten, sondern nur als eine Art direkten Draht nach oben, zum Kaiser persönlich. Wie gesagt, man glaubt, dass dort, wo unser Roland heute steht, ursprünglich eine Gerichtstätte war, auf der zunächst ein sogenannter Gerichts- oder Schwertpfahl stand. Und aus der Bezeichnung „dat rode land“ wurde „roland“.
Der Zwerg schließlich zu Füßen Rolands, der nach urbremischer Überlieferung den Krüppel darstellt, der einst die Grenzen der von der Gräfin Emma geschenkten Bürgerweide festlegte, indem er die Strecke durch Kriechen zurücklegte, dieser 1675 sogar von einer Krone gezierte, unbekannte Wicht soll auch etwas anderes gewesen sein. Mal soll er bereits im Mittelalter das unterworfene wendische Heidentum darstellen, dann wieder 1799 schlechthin die Schikane, die von der Gerechtigkeit besiegt wird.1737 stellte man auch eine kleine Nachbildung des Rolands als Brunnenfigur in der Neustadt auf, und zwar zunächst in der Nähe der St.-Pauli-Kirche in der später „Rolandstraße“ benannten Straße.
Erst 1899 kam die Figur auf den benachbarten Markt, wo sie dann im letzten Krieg alle Zerstörungen rundum überstand. Genau das hatte der Ratssekretär Johann Heinrich Eggeling mit seinem Spruch vorhergesagt, den man an der Rokoko-Figur anbrachte:
Doch wieder zurück zu Roland selber, den die Franzosen 1811 während der napoleonischen Besatzungszeit als berühmtes Siegeszeichen nach Paris bringen wollte, so wie sie es 1807 mit der Quadriga des Brandenburger Tores in Berlin gemacht hatten. „Verhindern konnte das der von den Franzosen als Maire von Bremen eingesetzte gutbremische Gymnasialprofessor Wichelhausen, der dem zuständigen Präfekten in vaterländischer Selbstverleugnung meldete, die Rolandfigur sei ohne jeden ästhetischen Wert.“
Was haben nun alle Kritiken und Schmähungen erreicht? Man hat es in Bremen vergessen, ja, nicht einmal erst genommen, was man unserem Roland alles angedichtet hat, selbst der Hinweis, der Ur-Roland sollte ein unehelicher Sohn Karls des Großen gewesen sein, musste herhalten, an ihm etwas auszusetzen. Auch, dass er nicht schön sei, wird bei seinen Mitbürgern nur mit einem Lächeln quittiert und allenfalls noch mit dem Hinweis auf das künstlerisch geradezu einmalig schöne Gürtelschloss mit dem musizierenden Engel aus der Welt geschafft. Und keineswegs nur aus lokalpatriotischer Gesinnung erkennt Bremens früherer Staatsarchivdirektor Dr. Prüser unserem Roland zu dem Prädikat des größten und ältesten unter seinesgleichen auch das urteil zu, er sei ebenfalls der schönste in Deutschland, ein Werk hoher Kunst schlechthin.
Aber all das trifft noch längst nicht den Kern unserer Roland-Verehrung. Zu erklären oder – besser gesagt – nicht zu erklären ist nämlich, warum und dass Roland nun schon fast ein Jahrtausend sozusagen einen Vertrauensposten im politischen und geistigen Leben der Bremer einnimmt, dass diese treu zu ihm stehen und dass diese unerschütterliche Verehrung kein Beispiel in der deutschen Geschichte kennt.
Liebe Grüße und Danke fürs Lesen :o)
Talianna ©1997-2001
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Yju2001 10.09.2010 00:16
Miem 07.09.2005 00:30
Wow, super recherchiert! Hier noch ein Tip: Nach meinen Informationen war Roland der uneheliche Sohn von Karls Schwester, die wegen der Schwangerschaft vom Vater verstoßen wurde. Karl erwischte den zehnjährigen Roland beim Klauen und nahm ihn prompt als Pagen und seine Schwester an seinen Hof. (Laut meinem Sagenbuch, also auch nicht gesichertes) Lg, Wiebke
Beavi 03.10.2002 15:58
Vor dem steinernen Roland, der 1404 aufgebaut wurde, gab es einen hölzernen, der 1366 von Knechten des Erzbischofes verbrannt worden nach der Rinesberch-Schene-Chronik. Auf dem Schild steht der Spruch: "vryheit. do. ik. ju. openbar. de. karl. und. mennich. vorst. vorwar. desser. stede. ghegheven. hat. des. danket. gode. is. min. radt." Was soviel heißt wie "Freiheit verkünde ich Euch, die Karl und manch anderer Fürst fürwahr dieser Stadt gegeben hat. dafür dankt Gott, das ist mein Rat." Ansonsten aber ein gut recherchierter bericht, dessen Sätze aber sehr schwer zu lesen sind, deshalb nur ein hilfreich von mir. Gruß Beavi
LotharH44 21.09.2002 23:57
Flying_angel 21.09.2002 18:04
Borr wie lange haste da gebraucht zum schreiben ?
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