Bozen, Südtirol

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Apfelstrudl und Cappuccino

3  28.10.2002

Pro:
kontrastreich, überschaubar, einladend

Kontra:
mitunter "kleinkarierte" politische Lage

Empfehlenswert: Ja 

Aprikose

Über sich:

Mitglied seit:01.05.2002

Erfahrungsberichte:18

Vertrauende:1

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 43 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Eines Abends schwebte ich über die Dächer von Bozen. Die gelben Straßenlampen strahlten zwischen den malerischen Häusern. Der Feierabendverkehr wurde zu einem weißroten Geflecht aus Perlenketten. Der Waltherplatz lag zum Greifen nah, die bunten Dachpfannen des Domes spiegelten den roten Frühherbst-Abendhimmel wieder. Die Sonne war untergegangen, auch die Dolomiten verloren auf nahezu alltäglich-dramatische Weise ihren roten Glanz und verschwanden im nächtlichen Grau.
Da lag sie also wieder, diese widersprüchliche Stadt. Von oben ganz beschaulich, übersichtlich. Hübsch, ja hinreißend! Vom Steuer eines Kleinflugzeugs aus wurden alle Dekadenzen unsichtbar, vor uns lag die hell erleuchtete Landebahn des Möchtegern-Verkehrsflughafens. Fünfzehn Monate hatte ich von 1999 bis 2000 in Bozen gearbeitet und nicht weit entfernt gewohnt. Doch das schien im Moment, an diesem lauen Oktoberabend des Jahres 2002, in sehr weite Vergangenheit gerückt. Neben mir saß eine ehemalige Arbeitskollegin, Südtirolerin und (wie viele SüdtirolerInnen, die nicht in Bozen leben) normalerweise wenig begeistert von dieser Stadt, dieser aufgezwungenen Großstadt im Heileweltland Südtirol. Doch nun staunte auch sie, sah aus wenigen hundert Metern zu Boden und sprach: „Von oben ist Bozen geradezu schön.“
Und tatsächlich kann man immer wieder staunen, wie kontrastreich unterschiedliche Welten in Bozen aufeinander prallen, sich mitunter vermischen, doch oft nebeneinander existieren. Mal ist es eine hübsche Stadt, mal einfach abstoßend. Mal scheint sie vertraut, dann wieder entdeckt man Straßen, die gänzlich fremd wirken.


- Lage und Bedeutung -

Bozen (italienisch: Bolzano) ist die Hauptstadt der Provinz Bozen (auf gut Deutsch: Südtirol), liegt in Norditalien (seit den 1920er Jahren, vorher gehörte es zu Österreich) und befindet sich im weiten, flachen Talkessel der Flüsse Etsch, Eisack und Talfer. Umgeben ist es im weiten Umkreis von allerhand Hochgebirgszügen. Touristen stellen eine der größten Bevölkerungsgruppen der Stadt dar, allen voran Deutsche, wenn auch die wenigsten ihr Quartier direkt in Bozen haben. Denn kaum jemand käme Bozens wegen extra über den Brenner. Vielmehr handelt es sich zumeist um Bergwanderer oder Skifahrer (je nach Jahreszeit), die in Bozen die nötige Dosis Kultur zu sich nehmen.


- Zur Geschichte -

Bozen war bis zum Ende des Ersten Weltkrieges ein eher unbedeutendes Handelsstädtchen. Hier wohnten ca. 30.000 Menschen, die von der Lage an der Brennerstraße (einer der wichtigsten Alpenübergänge) profitierten. Insgesamt aber war Bozen ebenso bescheiden wie das restliche Tirol auch, zu dem es gehörte.
Anfang der 1920er Jahre anektierte Italien unter Mussolinis Führung den südlichen Teil Tirols. Für Mussolini und Hitler war damit die Welt in Ordnung: Die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Italien lag schön sauber auf dem Alpenhauptkamm. Doch für die Südtiroler brach natürlich eine Welt zusammen. Und das Trauma der Anektierung lastet noch heute auf der Deutschsprachigen Bevölkerung. (Wenn man das auch etwas differenzierter betrachten muss, doch dazu weiter unten mehr.)
Die italienische Taktik bestand darin, massenweise Industrie in Bozen anzusiedeln und die nötigen Arbeiter aus den strukturschwächeren Regionen Italiens gleich mit dazu. Mit einem Schlag wurde Bozen somit zur Fast-Großstadt aufgebläht. Die 90.000 Einwohner, die es heute zählt, wurden schon damals quasi über Nacht erreicht.
Der kleinen, gemütlichen Altstadt östlich der Talfer wurde eine vergleichsweise pompöse italienische Stadt auf der Westseite des Flusses entgegen gesetzt. Das nächste Projekt wäre der komplette Abriss der Altstadt und deren Überbauung gewesen. Zum Glück wurde dieses Vorhaben durch den Zweiten Weltkrieg aufgeschoben und später verworfen.
In den 1960er Jahren flammten in ganz Südtirol Widerstandskämpfe gegen die italienische Besetzung auf. Ergebnis dieser Aktionen und vor allem vieler Verhandlungen ist ein vergleichsweise passables Autonomiestatut. Damit ist nicht nur der Fortbestand der deutschen Sprache in Südtirol gewährt, sondern auch die weitgehende Eigenverwaltung des lukrativen Tourismus... Heute ist Südtirol im restlichen Italien zumeist deshalb unbeliebt, weil es scheinbar die einzige italienische Provinz ohne Geldsorgen ist...


- Erscheinungsbild -

Wie schon erwähnt, gliedert sich die Stadt grob in zwei Teile:

Zum einen ist da die Altstadt, die vor allem bei (vorsichtig ausgedrückt) betagteren Touristen Begeisterung auslöst. (Mir persönlich ist sie etwas zu kitschig – sowohl architektonisch als auch was das Warenangebot betrifft.) Hier lässt es sich unter Lauben einkaufen, sofern man das nötige Geld dafür hat, hier kann man ein Sonnenbad auf dem zentralen Platz, dem Waltherplatz genießen. Wer jedoch genau hinschaut, erkennt deutlich, dass der Waltherplatz eigentlich ein Dorfplatz ist. Die Häuser, die ihn flankieren, sind teilweise bescheiden-winzig, teilweise so aufgemotzt, dass man sie als Täuschung abtun möchte. Wirklich schön also ist der Waltherplatz nicht. Ein stilistisches Sammelsurium. Doch er hat Atmosphäre und bietet einen Blick auf den imposantesten Bau der Stadt: Den Dom.
Wer mit dem Zug nach Bozen kommt, landet am Rande der Altstadt und meint, er sei auf dem Dorf: Die wenigen Bahnsteige sind holprig und die automatisierten Durchsagen haben den Charme der italienischen Bürokratie.
Ja, die Bozner Altstadt ist klein. Wer die Lauben durchlaufen hat, kommt schnell an die Talferbrücke und ruht sich dann auf den Talferwiesen aus. (Schließlich kommen die meisten Touristen wie erwähnt hierher, um sich von den Strapazen am Berg zu erholen, da sind kurze Wege nur von Vorteil.) Mit gewisser Skepsis betrachtet man dann den Triumphbogen am Ende der Brücke und hält zumeist Abstand davon mit dem Gedanken: Da fängt Italien an, da halte ich mich lieber raus.

Tatsächlich fängt dort Italien an, der größere Teil der Stadt. Doch wer seinen Fußweg nicht auch dort hinein lenkt, verpasst etwas.
Man kann über die Monumentalarchitektur Mussolinis noch sehr lästern, seine überdimensionierten Lauben an der Freiheitstraße noch so sehr belächeln angesichts ihrer Vorbilder in der Altstadt, die hier schlichtweg übertroffen werden sollten.
Einen gewissen Charme strahlt aber auch jener Teil Bozens aus, der unter italienischer Führung entworfen wurde. Die Cafés an der Freiheitstraße haben diesen ganz besonderen italienischen Hauch, dieses elegante Etwas. Die eigentlich zu groß geratenen Häuser lassen aufatmen nach der Enge der Altstadt. (Kleiner Trost für historisch Interessierte: Die Freiheitstraße führt geradewegs auf den Stadtteil Gries zu, einem alten Villenviertel, dass schon (und vor allem) vor der Anektierung von Bedeutung war und früher gar nicht zu Bozen gehörte. Erst durch die Auswucherungen der Stadt ist es ganz automatisch damit zusammen gewachsen.)
Wer sich etwas mehr Zeit nimmt und zum Beispiel die Mailandstraße besucht, meint, er sei wahrlich in einem Vorort von Mailand gelandet! Wer’s etwas nobler mag, besucht die Romstraße. Hier gibt’s feine Boutiquen und schattenspendende Bäume. Und viel chaotischer ist der Innenstadtverkehr von Rom auch nicht. Nein, so brutal die italienische Stadtplanung der 20er Jahre gewesen sein mag, so gut ist sie im Laufe der Jahrzehnte ins Stadtbild integriert worden.
Dann wären da noch die Hochhausviertel Don Bosco und Europa. - Warum sollte man die besuchen? Ja, warum denn nicht?? Einerseits ist es schade, dass in Bozen nach wie vor Ghettos bestehen. Und diese Wohnquartiere sind fast ausschließlich von italienischsprachigen Menschen bewohnt. Doch Ghetto ist ja nicht gleich Slum. So kann man an sonnigen Tagen zwischen den Hochhäusern das erfrischende Leben einer italienischen Großstadt erleben (obwohl Bozen statistisch gar keine Großstadt ist, doch hier merkt man dies nicht). Und wer erst einmal den Fußweg am Eisack entlang spaziert ist, staunt, was diese Stadt alles zu bieten hat. Und staunt, wie schnell sie an ihren südlichen Stadträndern weiterhin wächst (leider mit postmoderner Wohn-Architektur, die mitunter wehtut).
Kehrt man dann zurück zur Talferbrücke, so kann man dieser Tage vielleicht Zeuge eines Südtiroler Kuriosums werden: Hier hat man es schon immer verstanden, aus Nichtigkeiten politische Themen zu machen. So wurde der Platz am Triumphbogen von den Italienern damals „Siegesplatz“ gennant. Später wurde er dann (Verstand sei dank) umbenannt in „Friedensplatz“. Wer meint, damit hätte die Südtiroler Seele Ruhe, irrt gewaltig. Denn erst kürzlich (es war einige Stunden nach meiner Landung in der Dämmerung) wurde ich Zeuge einer italienischen Demonstration zugunsten einer Rückbenennung in „Siegesplatz“. Nichts gegen italienische Interessen, ehrlich (die deutsch-südtiroler Schützen ist zumeist nicht besser), doch zu diesem Thema gar ein Referendum anzuleiern, das hat selbst mich umgehauen. Der Gegenwahlspruch „Südtirol braucht Frieden, keine Siege“ sprach mir aus der Seele. Und warum der Name Siegesplatz im 21. Jahrhundert die Interessen der italienischsprachigen Bevölkerung widerspiegeln soll, habe ich nicht ganz begriffen.

Ich muss mich korrigieren: Bozen besteht nicht nur aus diesen beiden, sondern aus drei Teilen: Der dritte und größte Bestandteil ist die Industriezone. Und das ist auch der Grund, warum Bozen oft so hässlich wirkt. Denn der Verkehrsknotenpunkt liegt hier und sorgt dafür, dass der größte Teil all jener, die mit dem Auto in die Stadt kommen oder sie verlassen, den Charme der Industriezone erleben dürfen. Hier liegt die Autobahnabfahrt „Bozen Süd“, hier beginnt die MeBo (die Schnellstraße zwischen Meran und Bozen), und von hier aus wird der Verkehr sozusagen in die ganze Region verteilt. (Wer hier im Gewirr der Fahrspuren und Hinweistafeln falsch abbiegt, hat zumeist eine unfreiwillige Südtirol-Rundfahrt vor sich...)
Wer also von hier aus nach Bozen kommt, sieht vor allem eins: Industrie. Und irgendwo im Hintergrund die Hochhäuser von Don Bosco und Europa. Die Altstadt kann man hier nicht einmal erahnen. Leider hat man in Bozen viel zu spät daran gedacht, alte Industrieanlagen zu erhalten. Erst der Erfolg der Konzepte des Ruhrgebietes führen allmählich dazu, imposante Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen. Naja, man denkt zumindest darüber nach... Insgesamt gesehen ist die Industriezone von Bozen wenig sehenswert. Und nicht ganz ohne Tücken: Denn hier wimmelt es von Einbahnstraßen und starkem Verkehr. Auch hier gilt: Einmal falsch abgebogen = unfreiwillige Stadtrundfahrt.


- „Wesen“ der Stadt -

Einen großen Teil des Wesens dieser Stadt habe ich somit schon beschrieben.
Erwähnen muss ich jedoch aus meiner persönlichen Erfahrung, dass die deutsch-italienischen Kontraste, wegen derer Bozen bekannt und in Verruf geraten ist, gerade unter der jüngeren Bevölkerung keine große Rolle mehr spielen.
Bedauerlich ist zwar, dass dieses zweisprachige Land (pardon: Südtirol ist DREIsprachig, denn auch das rätoromanische Ladinisch ist anerkannte Amtssprache) kaum wirklich zweisprachige Bürger beherrbergt. Sicher: In der Schule werden beide Sprachen gelehrt. Doch welcher deutschsprachige Südtiroler spricht schon fließend Italienisch? Geschweige denn umgekehrt. Wer am Bozner Bahnhof eine Auskunft auf Deutsch möchte, kann noch so sehr auf sein Recht darauf pochen, er wird sie zumeist nicht bekommen, denn die meisten Angestellten verstehen kein Deutsch (und verstünden folglich auch nicht, wenn man auf sein Recht pochte). Sogesehen bleibt Südtirol zweigeteilt. (Lediglich am genannten Möchtegern-Flughafen wird man einwandfrei und sehr freundlich in beiden Sprachen bedient. Kompliment!)
Dennoch sagten mir die allermeisten Menschen, mit denen ich dort zu tun hatte, sie empfänden die Konfrontation von zwei Kulturen als Bereicherung. Und das hat mich immer wieder beruhigt.
Schließlich werden die meisten Touristen der gleichen Meinung sein. Denn wo sonst bekommt man schon echt österreichischen Apfelstrudl und echt italienischen Cappuccino im gleichen Restaurant ...?


- Fazit -

Ich gehe bewusst nicht auf das kulturelle Angebot Bozens ein, dafür bin ich nicht kompetent. (Nur soviel: Wer Ötzi live erleben möchte, MUSS nach Bozen, denn dort liegt er aufgebahrt im Museum.)
Bozen als alleiniges Reiseziel hat sicher nicht allzu viel zu bieten. Doch wer ohnehin gerade in Südtirol weilt oder zufällig über die Brenner-Autobahn gen Süden (oder Norden) rauscht, sollte ruhig mal einen Abstecher dorthin machen, gar ein paar Tage verweilen. Wer mit offenen Augen durch diese widersprüchliche Stadt spaziert, kann viel Interessantes entdecken. Vielleicht mag er sogar ausrufen: Bozen ist nicht nur von oben schön.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
lo78

lo78

17.01.2004 23:17

Toller Bericht; wirklich! Die Situation in Süd-Tirol kann man wohl nur wirklich verstehen, wenn man hier geboren ist. Von außen mag sie wohl tatsächlich kleinkarriert wirken. Ich glaube aber, dass Gegensätze und Reibungspunkte notwendig sind, damit beide Kulturen bestehen können. @Andreas.Werner: es ist wohl etwas gewagt, der Stadt Bozen überhaupt ein gewisses Flair zuzusprechen. Aber vielleicht hab ich auch hier etwas wenig Abstand.

Andreas.Werner

Andreas.Werner

18.02.2003 22:58

Bin als seit eingefleischter Bozner begeistert von deinem Bericht!.... natürlich auch vom widersprüchlichen Flair meiner Heimatstadt... Andreas

Dirk96

Dirk96

29.10.2002 09:44

Wirklich gut und aufschlußreich geschrieben, Mein Kompliment.

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