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Erfahrungsbericht

für Bolivien - Allgemeines
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5 Sterne Im Gefängnis von La Paz Bericht mit Bildern
56 von 57 Ciao User haben diesen Bericht als hilfreich bewertet Bewertungen ansehen
Empfehlenswert: Ja

Pro quirlige, bunte Stadt, sehr ursprünglich, tolle Landschaft

Kontra nichts für komfortverwöhnte Pauschaltouristen, man sollte ein bisschen Spanisch sprechen

Eins vorweg: ich bin weder auf meinen Reisen straffällig geworden, noch ist das hier eine Empfehlung, sich in Bolivien mal einbuchten zu lassen, nein, ich habe nur als Besucher das Gefängnis (besser "Gefängnisstadt") "San Pedro" in der Innenstadt von La Paz besucht....

Über Bolivien und La Paz gibt’s ja schon einiges zu lesen. Deshalb nur kurz: La Paz ist sehr ursprünglich, quirlig, voller Marktstände, überall ist Gewimmel und für jemanden, der unvorbereitet in das Chaos gestoßen wird, vielleicht etwas erschreckend und unübersichtlich. Aber man gewöhnt sich an alles. Beeindruckend ist das bunte Markttrieben in der Innenstadt, welches früh morgens beginnt und bis abends, wenn’s schon lange dunkel ist, andauert. Sehenswert ist auch das "Mondtal" ("Valle de la Luna", so heißen übrigens viele seltsame, "außerirdisch" wirkende Landschaften in Südamerika) von La Paz, eine zerklüftete Felsenlandschaft in einem Tal in der Nähe der Stadt. Linienbusse fahren dort regelmäßig hin, und man kann ein paar Stunden zwischen beeindruckenden Gesteinformationen, die durch Wind und Regen geformt wurden, wandern. Es sind viele meterhohe Sandsteinsäulen, die völlig frei stehen.

Bolivien und auch La Paz sind relativ sichere Flecken (bis auf den Straßenverkehr), auch wenn das Wohlstandsgefälle recht drastisch erkennbar ist. Einige Vorsichtsmassnahmen sollte man natürlich beachten: nachts nicht unbedingt in zweifelhaften Stadtteilen (z.B. in den höheren Hanglagen Richtung Flughafen) oder dunklen Gassen spazieren gehen, wenig Geld dabei haben, nicht zu Fremden ins Auto steigen (z.B. treiben sich falsche Polizisten rum, die einen in Privatwagen bugsieren wollen wg. irgendwelcher Ausweiskontrollen), und bei Überfällen Geld rausrücken, keine Gegenwehr leisten. Ansonsten haben wir uns in La Paz sehr ungezwungen gefühlt, sind auch nachts noch unterwegs gewesen. Bolivien ist überhaupt sehr wenig von Kriminalität betroffen, dennoch, man hält sich in einem sehr armen Land auf, und wir Europäer sind alle sehr reich im Vergleich zu einem Durchschnittsbolivianer. Im übrigen fällt man als "Weißer" sofort auf, die allermeisten Bolivianer sind Indigenas (die Bezeichnung "Indio" ist dort eher beleidigend) oder Mischlinge, von der Statur sind sie alle sehr klein.

Zu meinem eigentlichen Thema: im Reiseführer "Reise Know-How" hatten wir über das Gefängnis "San Pedro" gelesen, in dem hauptsächlich Kleinkriminelle, Drogendealer, etc., aber keine Mörder einsitzen. Man kann es besuchen, in dem man an der Pforte nach einem Gefangenen fragt. Deutsche oder Gringos sitzen auch immer ein, und freuen sich über Besuch (und das Besuchshonorar von etwa 5-15 Dollar).

Wir (meine Freundin und ich) waren, als wir vor dem Gefängnis standen, zunächst etwas unentschlossen. Vor dem Tor martialisch bewaffnete Schergen, hinter den Gittern schrieen Gefangene "Wanna make tour?". Wir haben uns dann doch hingetraut und wurden an einen englischsprachigen Führer verwiesen, der zu 7 Jahren verknackt war, wegen Kokainschmuggels. Er nannte sich "Pedro" – etwa 1,65 groß und schmächtig - war eine Art kleiner Chef im Gefängnis, und hatte drei bullige, muskulöse Leibwächter, mit denen man sich besser nicht anlegen sollte.

Das einzigartige an San Pedro ist seine Organisation: innen gibt es keine Wärter. Es herrscht außerdem der schiere Kapitalismus im Gefängnis. Mit Geld (dass Gefangenen bei ihrer Einweisung nicht abgenommen wird) kriegt man alles. Seine Zelle muss man mieten (dabei gibt es unterschiedliche Qualitätsstufen, Senioren dürfen kostenlos wohnen), wer kein Geld hat, kann auf dem Boden im Hof schlafen (in La Paz nicht sehr angenehm). Gleiches gilt für das Essen: entweder man schwelgt in (relativen) Luxus, oder man muss mit der dünnen Gemüsebrühe der Gefängnisküche vorlieb nehmen. Im Prinzip kriegt man alles im Gefängnis, es gibt kleine Restaurants, Zahnärzte (auch Knackis), eine Art kommerzielle Profi-Fußballliga, außerdem können die Gefangene ihre Frauen und Kinder bei sich wohnen lassen. Insgesamt sitzen in San Pedro etwa 1500 Männer ein, hinzu kommen noch etwa 1000 permanent dort wohnende Familienangehörige. Händler und die Familienangehörigen können kommen und gehen, wann sie wollen. Die Gefangenen müssen sich bestimmten Regeln unterwerfen: sie müssen – beispielsweise - im Gefängnis einer geregelten Arbeit nachgehen (es gibt Kellner, Köche, Schuster, Lehrer, Handwerker, ...), sie müssen täglich duschen, und Belästigungen oder gar Gewalt gegen Frauen oder Kindern ist tabu. Geregelt und überwacht wird das von einer Art "Board of Directors", zu dem auch Pedro gehörte. Pedro finanzierte sich und vor allem seine Leibwächter, durch die Führungen, die für bolivianische Verhältnisse mit 15 Dollar sauteuer war. "Recht und Ordnung" wird außerdem durch Banden hergestellt. Auch die Wärter erwarten gewisse Schmiergelder, ansonsten greifen sie ins Geschehen ein. Hört sich alles geordnet an, aber ich möchte lieber nichts genaues über die Geschäftsgeflogenheiten wissen. Allein die Wärter vor dem Gefängnis sind schon sehr robuste Naturen, die für Diskussionen wenig übrig.

Zur Befriedigung bestimmter Bedürfnisse unterhält San Pedro sogar ein Bordell, in dem weibliche und männliche (sic!) Prostituierte "arbeiten" (d.h. sie kommen abends von draußen rein, mehrmals die Woche).

Unsere Führung dauerte etwa 45 Minuten, und wir waren ziemlich perplex. Einerseits haben wir uns gefragt, worin eigentlich die Bestrafung besteht, wenn es sich Drogenbarone, die "Blut an ihren Finger kleben" haben, im Gefängnis gut gehen lassen können, und andere hungern. Andererseits werden die meisten Gefangene in San Pedro "sozialisiert", es stehen auch Ausbildungsmöglichkeiten zur Verfügung, und die Rückfallquote ist angeblich viel niedriger. Natürlich sind die Zustände im Gefängnis nicht mit einem Hotel zu vergleichen, und sicher haben viele Gefangene dort nicht die besten Manieren. Andererseits stellt man sich Gefängnisse, vor allem südamerikanische, gemeinhin etwas anders vor. Eine Tour ist jedenfalls absolut empfehlenswert.

Noch ein Tipp: Fotoapparate oder Kameras sind in San Pedro nicht zugelassen. Rucksäcke werden vom Sicherheitspersonal "verwahrt" (d.h. sie werden kommentarlos in irgendeine Ecke geschmissen, trotzdem war nachher noch alles da, auch meine teure Spiegelreflex). Im Gefängnis kann man angeblich Drogen sehr "günstig" kaufen, aber Drogenbesitz (auch Marihuana etc.) wird in Bolivien sehr viel härter bestraft als in Deutschland! Also Vorsicht! Sonst bleibt man gleich dort, ein paar Deutsche sitzen auch in San Pedro, die freuen sich bestimmt auf Gesellschaft.


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Häusermeer von La Paz
von Wombaer Wombaer

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Kommentare

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  • Spassprediger 10.06.2010 11:47
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • 928S_Porsche 10.06.2009 17:04
    Bewertete diesen Bericht als
    weniger hilfreich

    Ja, stimmt. hier ist so eine Beschreibung natürlich nicht verboten. Und deshalb automatisch bei "ciao" zulässig.

  • Wombaer 24.09.2007 17:57

    Zum letzten Kommentar muss ich folgendes anmerken: 1. die Höhenkrankheit kann sicher zum Problem werden; dies ist allerdings ein _Erfahrungs_bericht, und da ich keine schlechten Erfahrungen mit Höhe gemacht habe bzw. Höhe offensichtlich gut vertrage, kann ich darüber nichts schreiben, ausser dass man kurzatmig wird, aber das liegt auf der Hand. 2. ist es falsch, dass so ein Bericht "verboten" sei. Das mag in Bolivien stimmen, aber in Deutschland gilt noch immer die deutsche Auffassung über Meinungs- und Pressefreiheit. Und warum der Bericht bei "ciao" unzulässig wäre, ist mir auch schleierhaft.

  • 928S_Porsche 18.11.2006 04:04
    Bewertete diesen Bericht als
    weniger hilfreich

    Dies soll kein konstruktives Feedback sein. Die größte Gefahr hast du leider vergessen. Die Höhenkrankheit. Abgesehen davon ist der normale Teil über La Paz, der bis "alle sehr klein" geht, gerade noch "hilfreich" statt "weniger hilfreich". Der andere Teil jedoch ist aus meiner Sicht verboten. Aber schon dein Reiseführer hat sich daran nicht gehalten. Auch die Überschrift ist so nicht akzeptabel. Besser wäre "Ziemlich wenig über das normale La Paz, also als nicht Gefangener". Viel Glück, daß ciao den zweiten Teil nicht schnell gelöscht hat. Wenn jemand in La Paz diesen Bericht (theoretisch) lesen würde, so würde es sofort als verboten eingestuft und dürfte nicht veröffentlicht werden. Im übrigen ist es doch im "Dings" von La Paz etwa so, wie man es erwartet, eher sogar noch etwas milder, da es nur für die "milden" Straffälle vorgesehen ist. Daß über so etwas zu schreiben, sehr frech ist, habe ich schon vor meiner ersten Reise nach Südamerika erfahren. Insgesamt ist es für mich "weniger hilfreich", da der zweite, "verbotene" Teil meine Gesamtbewertung sehr 'runterzieht. Es ist noch sehr mild, daß ich insgesamt "wh" gebe. Ich könnte ja auch insgesamt nur "nh" geben und deinen Bericht als unzulässig ciao melden.

  • noloko 13.11.2004 14:09
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
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