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Atlanta von hinten
Pro Nette Menschen.
Kontra Nachtleben endet früh. Eigentlich ne häßliche Stadt.
Dieser Bericht erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Allgemeingültigkeit. Wer danach sucht, sollte einen guten Reiseführer konsultieren. Dieser Text ist vielmehr ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht im eigentlichen Sinne. Dann mal los:
Wer kann dazu schon nein sagen? Zwei Flugtickets nach Atlanta, Georgia, für unter 290 DM pro Person. Bei so einem Schnäppchen muss man zuschlagen. Dass die Steuern nochmal rund die Hälfte des Flugpreises ausmachen, fällt da kaum mehr ins Gewicht.Gedacht, getan, gebucht. So verschlug es meinen Freund und mich in eine Stadt, von der ich nichts weiter wusste, als dass da irgendwann einmal olympische Spiele gewesen waren. Nach acht Stunden Flug erhebt sich unter uns das Reiseziel. Die Skyline von Atlanta begrüßt uns. Sieht schon imposant aus von oben.
Auf dem Weg zum Hotel entpuppt sich, was aus der Vogelperspektive so faszinierte, schon auf den zweiten Blick als megahäßlich. Auf ihre eigene Art und Weise sind die Wolkenkratzer immer noch beeindruckend – aber schön, schön ist was anderes.Unser Hotel, das „Days Inn“ liegt in der Peachtree Street. Nicht zu verwechseln mit der Peachtree Road, der Peachtree Avenue, der West Peachtree Street oder der ähm ja. Irgendwie heißt hier alles Peachtree. Pfirsichbäume säumen denn auch viele Straßen. Leider sehen sie ziemlich vertrocknet aus, wie auch die restliche Vegetation eher braun als grün ist.
Nach Check-In im Hotel und einer kurzen Ruhepause wieder rein ins Auto und ein paar nächtliche Ziele noch bei Tageslicht angesteuert um sie nachts besser zu finden. Einen Mietwagen genommen zu haben, erweist sich als gute Entscheidung, einige schwule Kneipen und Diskos sind mit dem für amerikanische Verhältnisse erstaunlich gut ausgebauten Nahverkehr von Atlanta (immerhin zwei U-Bahnlinien!) nicht leicht zu erreichen. Vor allem nicht nachts.Nach der ersten Erkundungstour gehts zur Ansley Mall – einem kleineren, stark von Schwulen frequentierten Einkaufszentrum (Um die Ecke sind zwei Kneipen, ein Laden und eine Videothek). Im dortigen Publix-Supermarkt lässt es sich vortrefflich cruisen. Was da für Schnittchen einkaufen… Kontakt-Börse Supermarkt – Das kannte ich bisher nur aus den „Stadtgeschichten“ von Armistead Maupin. Toll. Sollte man mal in der Lebensmittelabteilung beim Karstadt einführen.
Wer vorher noch ein bißchen schauen möchte, wer so im Publix einkauft, trinkt noch in Ruhe einen Cappucchino in der nahegelegenen Filiale der Café-Kette, die im anglophonen Raum eine noch nervtötendere Präsenz besitzt als McDonalds. Dass Starbucks im Land des „free coffee refill“ so erfolgreich sind, liegt wohl daran, dass sie die einzige Anlaufstelle sind, wo Koffeinsüchtige wie mein Schatz Nervennahrung in ausreichender Konzentration vorfinden.Zum ausgiebigen Shoppen hingegen lädt die kleine Ansley Mall nicht gerade ein. Dafür gibt es andere. Die überall wie sauer Bier angepriesene „Atlanta Underground“ in Downtown kann man ebenfalls getrost knicken, wenn man nicht auf Souvenirs wie mit dem Schriftzug „Atlanta“ bestickte Basballmützen oder kitschig bedruckte T-Shirts steht. Zumindest gibt es hier ein Büro der Touristeninformation. Parken in Downtown und Midtown ist teuer. Da empfiehlt es sich doch eher in einen der größeren Einkaufstempel etwas außerhalb zu fahren. Dort ist die Auswahl größer und das Parken umsonst.
Die Lenox Square in Buckhead bietet sich auch für Leute an, die Atlanta per ÖPNV erkunden – die Bahn fährt direkt bis vor die Tür. Dort hat mir die Fressmeile besonders gut gefallen. Wie in allen anderen Fressmeilen kann man sich hier mit den angebotenen Probierhäppchen durchschlauchen. Eine Runde durch die Stände und du bist satt. Das ist nicht nur die billigere sondern auch die umweltfreundlichere Methode. Wer es nämlich wagt, ein ganzes Menü an einem der Stände zu bestellen, dessen Mittagessen ist kalt bevor er es aus allen Verpackungen befreit und diese einigermaßen zivilisiert zwischengelagert hat. Die Amis lernen es wohl nie.Schräg gegenüber von Lenox liegt Phipps Plaza, eine Mall mit etwas gemäßigteren Dimensionen, dafür um so höheren Preisen. Wer sich zum momentanen Dollar-Kurs unbedingt mit Gucci oder Zegna einkleiden muss, der wird hier fündig – in Deutschland ist das Zeug aber billiger. Hier gibts erwartungsgemäß keinen Bahnanschluss, dafür einen der beiden Abercrombie&Fitch-Läden in Atlanta (das sind die mit den sexy bedruckten Papiertüten). Da gibts coole Klamotten, die hierzulande keine Sau hat. Ein MUST für Markenjunkies wie uns.
Genug geshoppt. Jetzt gehts ins Nachtleben. Nur ein paar Blocks vom Hotel ist das „Bulldogs“ – eine überwiegend von Schwarzen besuchte Kneipe/Disko mit Billardtisch auf dem tatsächlich Billard gespielt wird (hierzulande werden die anders verwendet) und Videospielen aus den Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Schrill. Budweiser kostet $3,50, Importiertes etwas mehr und für Cocktails in Plastikbechern (Amerika!) legt man $4,50 plus Tip auf den Tresen. Am Wochenende ist das „Bulldogs“ berstend voll mit schönen Männern, die zur gleichen dumpfen Hi-Energie-Mucke abfahren wie die Schwulen in Europa seit 20 Jahren. Aber zum Glück kann man auf der großen Terasse dem Gewühl und der nervigen Musik entfliehen. Hier kann man dann in Ruhe den Umstand auf sich wirken lassen, als Weißer in der Minderheit zu sein. Seltsames Gefühl. Bis Punkt zwei die Klappe fällt und man ziemlich unsanft rausgeschmissen wird.Nächste Station: das „Heretic“ – im Volksmund auch „Hairy Dick“ genannt, was ich jetzt nicht übersetze. So verrucht wie der Spitzname der Lokalität klingt, ist das ganze bei Weitem nicht. Hey, wir sind in Amerika – hier gibts nicht mal Darkrooms. Das „Ketzerlokal“ liegt auf halben Weg nach Buckhead im Norden und bietet genau die umgekehrte Mischung an Hautfarben. Schöne Männer gibts hier mindestens genausoviele. Dafür aber auch das gleiche öde Dauerbombardement mit der gleichen öden Musik wie im „Bulldogs“.
Im „Eagle“ – der Lederkneipe von Atlanta – liegt der Altersdurchschnitt deutlich über 30. Der Body-Mass-Index einiger Gäste auch. Und auch hier geht es zur ewig gleichen Musik ebenso gesittet zu wie im „Heretic“. Wer derbere Action sucht, muss sich in einem der teuren „Sexclubs“ vergnügen. Alkohol wird dort allerdings keiner ausgeschenkt. Ebenso verbietet ein Gesetz den Ausschank von Prozentigem sonntags nach Mitternacht in allen Lokalen. Dann werden die Schnapsflaschen schön hübsch mit Plastikplane abgedeckt und es gibt nur noch Softdrinks. Ich habe mich gefragt, ob das Gesetz auch für Handfeuerwaffen gilt und man nach Mitternacht nur noch mit Spritzpistolen schießen darf... God Bless America.Die Welt hat Atlanta vor allem drei Dinge zu verdanken: Martin Luther King, Coca-Cola und CNN. King wird im Center for Nonviolent Social Change geehrt, das wir ausgelassen haben. Der Softdrink-Riese beweihräuchert sich selbst in einem mäßig interessanten eigenen Museum, für das man nicht mehr als eine Stunde einzuplanen braucht. Rund ein Drittel davon geht für das Durchprobieren der exotischsten Erzeugnisse der Coca-Cola-Company aus aller Welt drauf. Ein Frontalangriff auf die Geschmacksnerven und den Blutzuckerspiegel, akustisch untermalt von den ratschenden Geräuschen der Schritte auf dem völlig zuckerverklebten Fußboden. Wundervoll!
Über CNN hätte ich auch noch gern ein paar Worte verloren, dort kann man Führungen durch die Studios buchen. Die sind aber leider momentan eingestellt, „due to the recent events“ wie uns die nette Computerstimme der Reservierungshotline wissen lässt.Fazit: Atlanta ist eine Metropole, in der hie und da alter Südstaaten-Geist immer noch durchs Gebälk weht. Eine ziemlich große Gay-Szene machen die Nächte erträglich, für die Tage gibt es ein paar leidlich interessante Touristenattraktionen und mit ein paar kleineren Ausflügen in die Umgebung zu Stone Mountain Park oder Lake Lanier ist man in der Natur. Mehr als genug zu tun also für einen 5-Tage-Kurztrip – und klimatisch selbst im November noch zu empfehlen (aber für die Nächte einen warmen Pulli einpacken!)
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Scrape 12.09.2004 12:39
Sophrolaeliocattleya 19.08.2004 14:46
Veedra 30.06.2004 17:11
Martin_Schneider 26.08.2003 00:14
zomtech 28.05.2003 23:38